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Gefälschte AfD-Montage – ohne beeindruckende Oberweite

Gefälschte AfD-Montage – ohne  beeindruckende Oberweite
Die beeindruckende Oberweite des englischen Models Danica Thrall enthält diese fiese Montage den Betrachtern leider vor. Die AfD veröffentlichte das verfälschte Foto zum Thema „Die arabischen Flüchtlinge vergewaltigen unsere blonden Frauen“ zur ausländerfeindlichen Stimmungsmache kurz vor der Bundestagswahl.

 

Warum veröffentlichte die AfD kurz vor der Wahl ein gefälschtes Foto, das eine verängstigte Blondine inmitten einer Horde orientalisch aussehender Männer zeigte? Warum – entgegen ihrem Slogan „Trau dich, Deutschland!“ – ohne nackte Brüste? Und warum wies ausgerechnet „Bild“ auf diese Fälschung hin?

 

Es ist nicht zu leugnen: Auf der von der AfD veröffentlichten Montage kommt das Model Danica Thrall nicht sonderlich gut weg. Sie sieht da aus, als sei sie gerade … nun, lassen wir das. Wahrscheinlich wurde das Foto ja genau aus diesem Grund verwendet. Und ihre beeindruckende Oberweite ist leider auch nicht zu erkennen. Von wegen „Trau dich, Deutschland!“ Das wäre doch mal wieder eine unerwartete Provokation gewesen – blanke Brüste, vom denen sich die Parteispitze anschließemd in der Talkshow hätte distanzieren können!

Stattdessen sollte diesmal mit dem Wahlslogan „Weißt du noch…? Silvester…!“  kurz vor der Bundestagswahl noch mal so richtig Stimmung gegen Flüchtlinge gemacht werden. Wenn man schon falsche Bilder verwendet, ist es kein Wunder, dass in dem kurzen Vier-Wörter-Statement gleich zwei weitere Fehler stecken: In diesem Fall werden Auslassungspunkte im Deutschen typographisch mit einem Leerzeichen abgetrennt.

Zum Hintergrund der Fälschung schrieb „Bild“ am 23.9.: „Nun gab der AfD-Kreisverband Regensburg zu, dass das Bild nicht echt sei, bestreitet allerdings, davon gewusst zu haben.

Auf Anfrage schrieb der Verband BILD: ,Dieser Beitrag wurde im Unwissen über eine Fotomontage geteilt. Eine Täuschung unsererseits war also nicht beabsichtigt.‘

Weiter schreibt ein Vertreter des Kreisverbands: ,Ich persönlich war sogar der Meinung, dass es sich um ein Symbolfoto handeln muss und somit keine Authentizität für sich beansprucht‘, und verspricht: ,Wir werden in Zukunft auf sowas achten.‘ “

Nun kann man sich aussuchen, ob man das der AfD glauben mag (warum sollte man?) oder nicht. Die Fälschung ist nach Identifizierung des Originals ohnehin nicht zu leugnen – das Original stammt vom Kairoer Tahrier-Platz 2011, wo die CBS-Korrespondentin Lara Logan tatsächlich von ägyptischen Männern massiv sexuell belästigt und verletzt worden war. Und wenn der AfD-Sprecher sogar zu wissen glaubte, dass das Foto „keine Authentizität für sich beansprucht“ – warum wird es dann verwendet? Hinzu kommt ein bemerkenswertes Verständnis des Begriffs „Symbolfoto“, das eigentlich etwas komprimiert visualisieren soll – und nicht verfälschen.

 


Die beeindruckende Oberweite von Danica Thrall


Ob der Fälscher wohl ein Fan des Models Danica ist und ihr auf diesem unschönen Weg zu mehr Publicity verhelfen wollte? Hat man befürchtet, der eine oder andere würde sich noch an das Gesicht der Reporterin Lara Logan erinnern? Sie ist ja auch nicht unattraktiv, und sie wurde tatsächlich sexuell belästigt; wenn auch nicht zu Silvester (und nicht in Köln). Und wenn der Betrachter die beeindruckende Oberweite der gut gebauten Engländerin ohnehin nicht zu sehen bekommt (die wäre für manche AfD-Wähler wohl doch zu irritierend, schaut man sich die Positionen der Partei zu Familie und Sexualerziehung an – also doch lieber nicht „Trau dich, Deutschland!“), gibt es kaum einen nachvollziehbaren Grund, die Frau im Foto auszutauschen.

Danica schaut in der Tat verwirrter und verängstigter und hat eine etwas zerstrubbelte Frisur; da nimmt man ihr die Opferrolle eher ab. Dass die Beleuchtung nicht mit dem Rest der Szene übereinstimmt – geschenkt! Darauf kommt es – in Hinblick auf eine analysierende Bildkritik – dann auch nicht mehr an.

 


„Bild“ und die Wahrheit


Irritierend an der Angelegenheit ist nun allerdings nicht, dass die AfD eine solche Fälschung veröffentlicht, um noch knapp vor der Wahl ein paar verunsicherte Bürger auf ihre Seite zu ziehen. Auch Trump – zum Beispiel – wettert und twittert ja ständig gegen Fake News, nur, um solche im nächsten Satz dann selbst zu verbreiten. Denn Fake News sind in diesem Verständnis keine Nachrichten, deren Inhalt nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt, sondern solche, die nicht zum Weltbild derer passen, die sich darüber aufregen.

Eigentlich irritierend ist, dass ausgerechnet „Bild“ darüber berichtet und sich empört. Ein Medium, das seit mehr als einem halben Jahrhundert von der gezielten Verfälschung und Skandalisierung lebt und dem zahllose Falschmeldungen nachgewiesen wurden. Erfreulich ist lediglich, dass sich die Auflage in den letzten 20 Jahren mehr als halbiert hat. Schaut man sich allerdings das Wahlergebnis an, so ist zu befürchten, dass die abgesprungenen Leser/innen zu Web-Medien gewechselt sind, die mit wahrheitsgemäßer Berichterstattung noch weniger zu tun haben.

Ein Beispiel: Lediglich vier Tage nach der – gerechtfertigten – Empörung über die „Hetz-Werbung der AfD“ verkündete „Bild“ (und wärmte es mehrere Tage lang immer wieder erneut auf)  eine aus dem Zusammenhang gerissene Äußerung der SPD-Politikerin Andrea Nahles: „Ab morgen kriegen CDU/CSU in die Fresse“. Zugegeben, auch ich war entsetzt, als ich (mitten in einer DOCMA-Redaktionssitzung im Umfeld der Award-Vernissage in Frankfurt) zum erste Mal von diesem Satz hörte. Hatte sich die Verrohung der Sprache schon durchgesetzt, noch ehe die erste Bundestagssitzung unter Beteiligung der AfD überhaupt stattgefunden hat?

Erst später erfuhr ich von dem Kontext, in dem der Satz gefallen war: eine Sitzung mit Vertretern der Großen Koalition, in der Nahles – scherzhaft und im Beisein amüsierter CDU-CSU-Kollegen – über das Ende der gegenwärtigen Zusammenarbeit gesprochen hatte. Davon aber erfuhren Bild-Leser zunächst nichts (jedenfalls im Bild-Blog – das Blatt direkt in die Hände zu nehmen weigere ich mich). Ob man es dann trotzdem erfreulich finden sollte, wenn „Bild“ über Fake News anderer herzieht? Ja und nein. Zum einen erfahren so viele Menschen (wenn auch zum Glück immer weniger; vielleicht auch wegen des Verzichts auf beeindruckende Oberweite der täglichen Girls), wie es mit der AfD-Wahrheitsliebe aussieht – zum anderen beweist die Kritik Problembewusstsein. Was aber nur bedeutet, dass die „Bild“-Verfälschungen nicht nebenbei mal unterlaufen, sondern dass man dort genau weiß, was man tut und was es anrichtet.

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Doc Baumann

Doc Baumann befasst sich vor allem mit Montagen (und ihrer Kritik) sowie mit der Entlarvung von Bildfälschungen, außerdem mit digitalen grafischen und malerischen Arbeitstechniken. Der in den Medien immer wieder als „Photoshop-Papst“ Titulierte widmet sich seit 1984 der digitalen Bildbearbeitung und schreibt seit 1988 darüber.

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