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Authentizität – Der echte Moment und die andere Seite jedes Fotos (und Videos) …

Manchmal platzt einem einfach die Hutschnur, wenn man immer wieder dieselben Phrasen hören muss, dass dieses und jenes nichts mehr mit Fotografie zu tun hätte – was dann aber auch meist abwertend gemeint ist. Tatsächlich basiert „das echte Foto“, aber auf einer Leistung von Fotografin und Fotograf. Es hat damit im Vergleich zu einer Fotomontage oder einer 3D-Kreation neben dem kreativen einen zusätzlichen Wert. Ein paar Gedanken zur Authentizität.

Authentizität
Charles C. Ebbets hat wahrscheinlich das berühmte „Mittagspause auf dem Wolkenkratzer“-Foto aufgenommen – 1932 beim Bau des Rockefeller Centers. Die Position war nicht weniger abenteuerlich als die der abgebildeten Arbeiter. Da fragt man sich doch auch gleich, wie wohl der Fotograf des Fotografen auf dem Gerüst des 69. Stocks stand. 😉 Und das Dodging im Bild (die Aufhellung und die dadurch erzeugten hellen Säume – dachten Sie etwa, das wäre original so im Filmmaterial abgebildet worden?!?) würde man heute in jedem Forum selbst einem Bildbearbeitungsanfänger schonungslos um die Ohren hauen! So ändern sich die Zeiten … Credit: Corbis; Charles C. Ebbets

Hintergrund

Mein Blogbeitrag Das hat doch nichts mehr mit Fotografie zu tun! | Blog | DOCMA Magazin sorgte seinerzeit für heftige Diskussionen und einige böse Mails. Dabei hatte ich das im Gegensatz zu Was hat das noch mit einem Foto zu tun? Die bekloppteste aller Fragen | Blog | DOCMA Magazin eigentlich noch ziemlich sachlich formuliert, wo mir damals aus einem speziellen Anlass einfach die Hutschnur platzte. 😉

Daran musste ich nun zurückdenken, weil ich unter Werbebeiträgen von Skylum oder Adobe auf Facebook oder in Foren wieder und wieder über verächtliche Kommentare rund um die Himmel-austauschen-Funktion von Luminar AI und Photoshop stolperte.

Solche Kommentare nerven mich nach wie vor, aber ich verstehe natürlich deren Ursache. Oft wird sie sogar benannt: „Fotos sind heute nichts mehr wert … Jeder Depp kann jetzt per Klick tolle ‚Fotos‘ zaubern … Es ist das Ende der echten Fotografie …“.

Das Ende der echten Fotografie?

Naja, genau diesen Punkt sehe ich anders. Denn NICHTS von allen Bildbearbeitungs- und 3D-Möglichkeiten ersetzt die dokumentarische Fotografie! Mit jedem neuen Bildbearbeitungs- und 3D-Werkzeug bekommt ein Künstler neue kreative Möglichkeiten; und dem Werbe-Dienstleister sparen diese viel Zeit. Wer sein Geld nicht mit Bildbearbeitung verdient, kann es vielleicht nicht nachvollziehen, aber Zeit ist wirklich Geld und man kann sich seine Jobs und deren Zielstellung sowie das finanzielle und zeitliche Budget nicht mal eben aussuchen. Wird ein Himmelstausch gefordert, spart man mit den neuen Tools viele Klicks und Zeit. In der Werbung geht es in der Regel nur darum, das beste Ergebnis mit einem Minimum an Zeit und Geld zu erreichen. Und da wird zunehmend 3D wichtig und immer leistungsfähiger, wie wir im aktuellen Heft zeigen:

Authentizität
In DOCMA 98 zeigen wir, wohin die Reise geht. Und nein, 3D ist nicht das Ende jeder Fotografie. 😉 Foto & Abbildung: Olaf Giermann

Aber auch das ist nicht das Ende der „echten“ Fotografie.

Der Wert des Moments

Unter uns: Ich bin ein Fan von Dokumentationen. Geo-Reportagen oder die Terra-X-Reihe bringen mich regelmäßig zum Staunen. Nicht nur wegen der präsentierten Foto- und Videoaufnahmen, sondern vor allem auch durch den großen Aufwand, der hinter diesen steckt. Viele, meist nur einige Sekunden gezeigte Momente sind einzigartig. Und ohne die investierte Zeit, das dafür aufgewendete Geld und die durchgemachten Strapazen wären keine von denen jemals festgehalten worden und ich hätte vielleicht nie gesehen, wie man vom Mount Everest auf die Welt herabschaut, wie ein Adler im Flug einen Fisch aus dem Wasser greift und fortträgt, wie Tiefseewesen in unheimlicher Dunkelheit auf Fang gehen, wie Schelfeis abbricht und ins Meer stürzt, wie Vulkane ausbrechen und Lava die Nacht erhellt oder wie es auf Mars, Venus oder Pluto aussieht (okay, das ist jetzt wirklich aufwendige Fotografie, lach). Oft frage ich mich, was der Foto- oder Videograf für die eine oder andere Aufnahme wohl auf sich genommen hat. Denn genau das ist die andere Seite des Fotos und dessen Wert, den manch ein Betrachter leicht vergisst. Viele große und kleine Momente der neuzeitlichen Geschichte wären nur schlichte Beschreibungen geblieben. Viele mehr oder weniger Alltags- und Kriegssituationen wären für immer verloren. Selbst ein verwackeltes Foto wird da zur Ikone.

Authentizität
Charles C. Ebbets hat wahrscheinlich das berühmte „Mittagspause auf dem Wolkenkratzer“-Foto aufgenommen. Die Position war nicht weniger abenteuerlich als die der abgebildeten Arbeiter. Da fragt man sich doch, wie wohl der Fotograf des Fotografen auf dem Gerüst des 69. Stocks stand. 😉 Credit: Corbis; Charles C. Ebbets

All das sind Dokumentationen – wenn auch zum Teil (wie im Falle der Wolkenkratzerarbeiter) arrangiert. Schönheit und Kreativität ist hier ein Faktor, aber nicht deren höchster Wert. Das ist die Authentizität – und damit meine ich nicht das vorgetäuschte Werbeleben von Social-Media-Influencern, sondern dass das alles wirklich so stattgefunden hat. Und da überrascht einen die Natur und das echte Leben eben immer wieder mit Konstellationen und Situationen, die man fast nicht für möglich gehalten hätte.

Wenn eine Möwe auf einer anderen reitet oder ein Wiesel auf einem Specht, wenn es nicht in einem Video festgehalten worden wäre.

Authentizität – Möwe auf Möwe …
Authentizität – Wiesel auf Specht

Keine neue Technik kann solche Aufnahmen ersetzen, sondern sie höchstens nachbilden oder – wie in Blockbustern schon Alltag – künstlich sogar übertrumpfen. Die Authentizität ist natürlich nicht dieselbe. Inszenierte Motive mit perfektionierten Autos und künstlich hochstilisierten Models sind dagegen schon ersetzbar. Um mit 3D dasselbe zu erreichen wie eine Kombination aus gutem Model, Visagisten, Beleuchtern und Fotografen braucht es nicht mehr viel. Aktuell ist nur noch die Einstiegshürde in Sachen Software und der für Fotorealismus erforderliche Zeitaufwand hoch. Sehr hoch! Ich frage mich: Wie lange noch?

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Olaf Giermann

Sein Erstkontakt mit Photoshop erfolgte 2003 an der Uni, an der das Programm als reine Scanner-Software eingesetzt wurde. Inzwischen gilt Giermann sprichwörtlich als das »Photoshop-Lexikon« im deutschsprachigen Raum und teilt sein Wissen in DOCMA, in Video­kursen und in Seminaren.

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