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Menschen fotografieren

Foto: Lisa Hafeneger

Von Sachbüchern erhofft sich der Leser Antworten auf konkrete Fragen, und in dieser Reihe befragt Michael J. Hußmann Fachbücher darauf, welche Antworten sie geben können. In „Menschen fotografieren“ geben fünf Fotografen Fallbeispiele für eines der beliebtesten Genres: das Porträt.

Der Weg zu besseren Bildern führt stets über Versuche, Experimente, und das Lernen aus Erfahrung; das gilt für jede Art der Fotografie. Während es Landschaften oder Gebäuden aber gleichgültig ist, wie lange ein Fotograf braucht und wie geschickt er es macht, stellt die Porträtfotografie eine zusätzliche Herausforderung: Fotograf und Motiv müssen miteinander interagieren. Kreative Ideen und technische Kompetenz sind wichtig, aber in diesem Genre kommt es auch darauf an, die zu porträtierenden Personen
einerseits sicher zu führen, ihnen aber auch die nötige Freiheit zu lassen, um gemeinsam zu guten Ergebnissen zu kommen. Da ist es nützlich, erfahrenen Profis über die Schulter zu schauen, um zu sehen, wie sie die verschiedensten Aufgaben bewältigt haben, und eben das erlaubt das Buch „Menschen fotografieren“. Das „Praxisbuch für gute Porträts“, so der Untertitel, wendet sich vor allem an Einsteiger in die Porträtfotografie. Es setzt nur geringe allgemeine Kenntnisse in Fotografie und Bildbearbeitung voraus; Exkurse wie „Foto-Basics“, „Licht im Studio“ und „Porträtretusche“ erklären nötigenfalls die Grundlagen.

In acht Kapiteln zu Varianten des Porträts, von „Natürliche Porträts“ bis „Schwangere, Babys und Kinder“, schildern die Autoren und Autorinnen Fallbeispiele mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden, von denen sich der Leser inspirieren lassen kann. Wir befragen also das Buch, und es antwortet mit der Stimme seiner Verfasser.

Wie bekommt ein Porträt einen natürlichen Rahmen?

Das Verhältnis der Flächen A (Modell) und B (Blätter) entspricht etwa dem Goldenen Schnitt (unten links). Der Blick des Betrachters wird über die Hand des Modells zu seinen Augen geführt, womit der Bildaufbau auch der Goldenen Spirale entspricht (unten rechts).

Für Porträtaufnahmen nutze ich [Maedeh Amini] gerne die Umgebung als Rahmen. Beispielsweise platzierte ich das Modell so hinter den Zweigen, dass die großen Blätter einen Teil seines Oberkörpers bedeckten [1]. Bevor ich es in eine bestimmte Pose stellte, beobachtete ich die in der Umge­bung vorkommenden Linien und Strukturen. Im rechten Teil des Bildes sehen Sie, dass manche Blätter in die Richtung des Modells zeigen. Um diese Linien aufzugreifen, bat ich es, diesen Blättern den Rücken zuzuwenden und eine Hand sanft auf die Lippen zu legen. Die Hand führt den Blick des Betrachters ebenfalls zum Gesicht.

Die Proportionen im Bild wollte ich ungefähr nach dem Goldenen Schnitt aufteilen. Solche Proportionen empfinden Menschen als besonders harmonisch. Wenn Sie diese Methode das erste Mal ausprobieren, sollten Sie zunächst viel Platz auf der rechten und linken Seite des Bildes lassen. Anschließend nutzen Sie Hilfslinien in Photoshop oder Lightroom, um den Bildausschnitt dem Goldenen Schnitt oder der Goldenen Spirale anzupassen. Die einzelnen Umläufe der Goldenen Spirale füllen jeweils Quadrate aus, die sich
im Verhältnis des Goldenen Schnitts verkleinern.

Was versteht man unter „Freelensing“?

Ein Foto, das aussieht wie gemalt, mit viel Unschärfe und einem einzigartigen Look, können Sie mit der sogenannten Freelensing-Technik aufnehmen. Diese Technik erfordert jedoch viel Geduld und ein ruhiges Händchen. Stellen Sie zunächst den manuellen Modus (M) an Ihrer Kamera ein. Wählen Sie eine offene Blende und die dazu passende Verschlusszeit sowie den ISO-Wert. Wechseln Sie vom Auto­fokus zum manuellen Fokus. Nehmen Sie Ihr Objektiv nun von der Kamera und halten Sie es dicht vor das Bajonett.

Jetzt kommt der schwierigste Part: Versuchen Sie, Ihr Motiv manuell scharf zu stellen. Währenddessen verändern Sie minimal den Winkel des Objektivs, indem Sie es nach oben, unten, links oder rechts kippen. Kontrollieren Sie das Ergebnis anschließend auf Ihrer Kamera. Ihr Modell sollte in einer entspannten Pose verweilen, damit Sie genug Zeit haben, den richtigen Schärfepunkt zu finden. Wahrscheinlich werden nicht so viele brauchbare Bilder dabei entstehen, und es wird eine Weile dauern, bis Sie den Dreh heraus haben. Aber dafür sind die wenigen guten Fotos einmalig und etwas ganz Besonderes [2].

Wie setzt Roger Deakins sein Licht?

Der Kameramann Roger Deakins wurde unter anderem durch den Kinofilm „Blade Runner 2049“ bekannt; für diese Arbeit bekam er einen Oscar. Deakins Spezialität sind selbst gebaute, mit jedem Filmprojekt größere Ringlichter. Aus einem Stück Holz und simplen Glühbirnen, die man in jedem Haushalt finden kann, kreiert Deakins Lichtstimmungen, die ihresgleichen suchen. Ein mit mir [Julius Erler] befreundeter Filmemacher hat so ein Ringlicht mit 1,5 Meter Durchmesser nachgebaut, wofür nach einem Besuch im Baumarkt nur ein Samstagnachmittag nötig war. Es verteilt ein sanftes Licht im ganzen Raum und kann mittels Dimmer reguliert werden.

Dieses Do-It-Yourself-Ringlicht gab mir die Möglichkeit, sanfte und flächige Lichtstimmungen zu erzeugen. Die sehr warme Farbtemperatur der verwendeten Halogenlampen könnte zu problematischen Mischlichtstimmungen führen, denen ich durch die Wahl eines Schwarzweiß-Films aus dem Weg gegangen bin [3].


Maedeh Amini, Julius Erler, Lisa Hafeneger, Felix Röser, Nora Scholz:
Menschen fotografieren
Das Praxisbuch für gute Porträts
Rheinwerk Verlag,
2019
303 Seiten, gebunden
34,90 Euro
www.rheinwerk-verlag.de/4888

 

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Michael J. Hußmann

Michael J. Hußmann gilt als führender Experte für die Technik von Kameras und Objektiven im deutschsprachigen Raum. Er hat Informatik und Linguistik studiert und für einige Jahre als Wissenschaftler im Bereich der Künstlichen Intelligenz gearbeitet.

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