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Kreativ verhindert

Der Bildermacher Jens Burger ist heute vor allem für seine unkonventionellen Porträts bekannt. In seinem vorherigen Berufsleben hat er sein Geld viele Jahre als ­Punkrock-Star verdient.

Vom Beruf zur Berufung ist es oft ein steiniger Weg. Als der junge Jens Burger Mitte der 80er Jahre die Schule verließ, attestierten ihm seine Lehrer, wenn schon nicht die besten Noten, dann doch maximale Kreativität. Sein Potenzial äußerte sich damals in erster Linie als Zeichentalent. Ein hinzugezogener Berufsberater deutete das als beste Voraussetzung für einen klaren und soliden Karriereweg:  „Wenn Sie so kreativ sind, dann werden Sie Kartograph!“ Ob so ein Ratschlag aus Ratlosigkeit, Gemeinheit, Unvermögen oder Gleichgültigkeit entsteht, ist am Ende einerlei. Die meisten Menschen würde das im Leben ausbremsen. Für die anderen ist es einfach nur eine Herausforderung mehr. Drei Jahre verbrachte Burger anschließend damit, Bäumchen, Sträßchen und Höhenschraffuren unter einer großen Lupe aufs Papier zu bringen. Er konnte nun den ganzen Tag lang zeichnen. Selbst als er zur Bundeswehr musste, durfe er in dieser Funktion ­weiterarbeiten.

Jens Burger, Baujahr 1968, war – bevor er die Fotografie für sich ­entdeckte – ­Kartograph, Rockstar und Inhaber einer Werbeagentur. Mehr Infos: www.jensburger.de

Aber kreativ war diese in Amtsstuben verrichtete Tätigkeit nun gar nicht. Also suchte er nach neuen Wegen, seinen Gestaltungswillen auszuleben. Er fand sie im Punkrock. Zusammen mit einem Freund gründete er „Die Schröders“, denen es im Lauf der kommenden Jahre gelang, mehrere Alben auf den Markt zu bringen, die mit Gold und Platin ausgezeichnet wurden. Doch mit dem kommerziellen Erfolg wollten die Plattenbosse keine Risiken mehr eingehen: Statt deutschem Punkrock mit persönlichen Texten wurde der Schwerpunkt auf „Ballermann-Musik“ gelegt. Burger blieb zwar noch lange an Bord, suchte aber bald wieder einen Ausweg, um seine kreativen ­Ambitionen auszuleben.

Diesmal, wir sind jetzt Mitte der 90er Jahre, fand er ihn in der neuen Welt der Internets. Als man sich noch per Modem ins Netz einwählte, hatte er im Selbststudium HTML gelernt und sein Händchen für die Gestaltung von Webseiten entdeckt. Dieses Können mit seinem als Kartograf erworbenen Wissen um die Druckvorstufe und der Beherrschung damals aktueller Softwareprodukte wie Quark­Xpress und Photoshop 4.0 verknüpft, machte aus der neuen Leidenschaft ein einträgliches Geschäft: Er gründete eine Werbe­agentur. Als das Internet zu boomen begann, hatte Burger fast ein Dutzend Mitarbeiter, und sein Job wurde es, immer neue Aufträge an Land zu ziehen, damit alle Angestellten ausgelastet waren. Trotz oder vielleicht wegen des Erfolgs war am Ende wieder die Chance vertan, nach seinen Vorstellungen kreativ zu arbeiten.

Im Jahr 2004 schaffte Jens Burger für seine Agentur eine digitale Canon10D-Fotoausrüstung und eine Studioblitzanlage an. Nach den ersten Fotos von Models im eigenen Studio wusste er: Das war seine wahre Berufung! Damit das so bleiben konnte, sah er zu, dass ihn diesmal nichts mehr beim Umsetzen seiner Ideen ausbremsen würde, und er fuhr das Agentur­geschäft langsam herunter.

Als professionell arbeitender ­Fotograf übernimmt er heute Aufträge für unkonventionelle Porträts. Außerdem ist er aktiv als Reise- beziehungsweise Hotelfotograf. Um nicht zu sehr vom Verkauf seiner Bilder abhängig zu sein und so die künstlerische Freiheit zu behalten, ist er regelmäßig als Musiker mit seiner 2004 gegründeten Band  „Monsters of Liedermaching“ unterwegs. Zudem veranstaltet Jens Burger als einer von 30 offiziellen Fuji X-Fotografen in Deutschland in seinem Studio in Bad Gandersheim regelmäßig technische Seminare und Workshops zu Themen der kreativen Fotografie. 

Als Musiker hatte Jens Burger 1990 überregionale Popularität gewonnen, weil er im Mittelpunkt einer achtteiligen Foto-Love-Story der Jugendzeitschrift „Bravo“ stand. Als kleine Reminiszenz an dieses inzwischen etwas in Vergessenheit geratene Format präsentieren wir das Making-of des oben gezeigten Bildes in Anlehnung an ­diese Erzählform.

 


Lesen Sie weiter in der neuen DOCMA 85 (Ausgabe November/Dezember 2018).


 

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Johannes Wilwerding

Johannes Wilwerding hat bereits Mitte der Achziger Jahre und damit vor dem Siegeszug von Photoshop & Co. Erfahrungen in der Digitalisierung von Fotos und in der elektronischen Bildverarbeitung gesammelt. Seit 2001 ist er freiberuflicher Mediengestalter und seit 2005 tätig für das DOCMA-Magazin

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