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Wo bleiben die kleinen Kameras?

Alles wird immer kleiner, ausgenommen Autos und Kameras. Das heißt, einige Kameras werden durchaus kleiner – die mit den großen (Kleinbild- und Mittelformat-) Sensoren nämlich. Kameras mit APS-C- oder FourThirds-Sensor dagegen schrumpfen nicht im gleichen Maße, und manchmal sind neue Modelle sogar größer. Wie kommt das? Wo bleiben die kleinen Kameras?

Wo bleiben die kleinen Kameras
Wo bleiben die kleinen Kameras? Obwohl der Sensor der Olympus OM-D E-M1 Mark II (rechts) nur ein Viertel der Fläche eines Kleinbildsensors hat, ist sie kaum kleiner als die Sony Alpha 7 III (links). (Quelle: http://camerasize.com)

Ein typisches Beispiel ist die Sony Alpha 7 III, in der immerhin ein Kleinbildsensor steckt. Trotzdem wirkt sie mit 126,9 mm × 95,6 mm × 73,7 mm (Breite × Höhe × Tiefe) eher zierlich – Fujis neue X-H1 mit APS-C-Sensor ist größer (139,8 mm × 97,3 mm × 85,5 mm). Hinter dem MFT-Modell Olympus OM-D E-M1 Mark II (134,1 mm × 90,9 mm × 68,9 mm) würde die Sony auch nicht sofort auffallen. Dabei entspricht das MFT-Format ja dem analogen Pocketformat, und die Pocket-Spiegelreflex Pentax Auto 110 war seinerzeit sehr viel kleiner. Zwar geht der Trend zu immer kleineren Bildformaten – Kleinbild ist das neue Mittelformat und APS-C das neue Kleinbild; zudem ist das heutzutage populärste Format oberhalb von Kleinbild das „kleine Mittelformat“ 44 mm × 33 mm. Dennoch werden die Kameras nicht maßstäblich kleiner.

Früher war das anders, und „früher“ heißt in diesem Zusammenhang „in der Zeit der Spiegelreflexkameras“. Ein größeres Bildformat erfordert ein größeres Bajonett, aber bei einer Spiegelreflexkamera hängt noch viel mehr vom Format ab. Auch der Rückschwingspiegel muss zur Bildgröße passen, und der Spiegelkasten muss ihm genug Platz bieten. Die Größe der Einstellscheibe entspricht dem Bildformat, und zu einer großen Einstellscheibe gehört ein entsprechendes Pentaprisma. Für ein größeres Bildformat muss die Kamera daher in allen drei Dimensionen wachsen; sie wird nicht nur breiter, sondern für den Spiegel und die Einstellscheibe auch tiefer und für das Pentaprisma höher.

Bei spiegellosen Kameras sieht das anders aus. Es gibt weder einen Spiegelkasten noch eine Einstellscheibe oder ein Prisma, und da das Auflagemaß auch bei Kameras mit großem Sensor kurz sein kann, lassen sich die Kameragehäuse sehr flach bauen. Der Sucher steht in keinem Zusammenhang zum Bildformat und kann bei MFT- oder Mittelformatkameras prinzipiell gleich groß sein. Die elektronischen Komponenten rund um den Sensor werden tendenziell immer kleiner, und damit ist es möglich, kleine Kameras mit großem Sensor zu bauen.

Display, Tasten und Einstellräder brauchen genug Platz, wenn sie sich gut bedienen lassen sollen – ganz unabhängig von der Sensorgröße. (Quelle: Sony)

Und was ist nun mit den Kameramodellen mit kleineren Sensoren? Die optimale Kameragröße hängt heute weniger vom Sensor als von Faktoren der Ergonomie ab. Auf der Rückwand einer Kamera muss ein Display mit einer Diagonale von mindestens 3 Zoll Platz finden, daneben diverse Tasten und Einstellräder, die sich möglichst blind bedienen lassen, ohne dass Sie versehentlich eine falsche Taste drücken – oder überhaupt eine Taste, obwohl Sie die Kamera lediglich fester halten wollen. Über dem Display muss ein Sucherokular untergebracht werden dessen Größe vor allem etwas mit dem Komfort zu tun hat, also insbesondere mit einem großzügig bemessenen Augenabstand. Diese Faktoren sind bei allen Kameras dieselben, unabhängig von der Sensorgröße. Für einen festen Halt ist ein vorspringender Handgriff nützlich, und damit wird das Gehäuse insgesamt tiefer. Es müsste aber auch breiter werden, denn sonst klemmen Sie sich die Finger zwischen Griff und Objektiv, wenn Sie mit einer lichtstärkeren Optik arbeiten.

Der Griff ist griffig – aber er kommt dem Objektivanschluss so nahe, dass die Fingerspitzen keinen Platz mehr finden, wenn man mit lichtstarken Objektiven fotografiert. (Quelle: Sony)

Die Sony Alpha 7 III illustriert das Problem: Ihr Griff ist ergonomisch günstig geformt, aber damit auch die Finger, die ihn umschließen sollen, genug Platz haben, müsste die Kamera eigentlich breiter sein – so wie die Fuji X-H1, die mit der besseren Ergonomie punkten kann.

Die breitere Fuji X-H1 (rechts) bietet im Gegensatz zur Sony Alpha 7 III (links) nicht nur einem zusätzlichen Statusdisplay Platz – man läuft auch keine Gefahr, sich die Finger einzuklemmen. (Quelle: http://camerasize.com)

So lange unsere Hände nicht schrumpfen, werden auch die Kameras vermutlich nicht noch kleiner werden, selbst wenn ihre Sensorgröße das eigentlich ermöglichen würde. Einen Größenvorteil haben die Kamerasysteme mit kleinerem Bildformat trotzdem, denn viele Objektive – insbesondere Teleobjektive – können kürzer sein, da proportional zur Sensordiagonale ja auch die Brennweite schrumpft, mit der ein bestimmter Bildwinkel erfasst wird. Für die Äquivalenz zwischen Kameras mit verschieden großen Sensoren ist zwar eine gleich große Öffnung nötig, so dass der Durchmesser annähernd gleich bleibt, aber die kürzere Baulänge macht einen sichtbaren Unterschied. Und sofern Sie mit äquivalenten Blenden- und ISO-Werten fotografieren und daher gleich viel Licht auf die Sensoren trifft, können Sie mit kleinen wie mit großen Sensoren Bilder gleicher Qualität aufnehmen.

Michael J. Hußmann
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2 Kommentare

  1. Zitat: „Einen Größenvorteil haben die Kamerasysteme mit kleinerem Bildformat trotzdem, denn viele Objektive – insbesondere Teleobjektive – können kürzer sein“
    Ist ja wirklich „ein großer Vorteil“, wenn man bei dem Bildwinkel für ein moderates Weitwinkel wegen des Cropfaktors nicht mehr weiß. wie man die Kamera ausrichten soll, ohne Streulicht einzufangen.
    Dabei muss man bei sogar Vollformat in Innenräumen mit 17mm oder auch 24mm mit grauslichen Weitwinkelverzerrungen leben.
    Dass man Sensoren von 44×33 mm oder etwa 51×41 mm als Mittelformat bezeichnet, ist wohl den bezahlbaren technischen Möglichkeiten, und nicht der fotografischen Realität geschuldet. Dazu kommt, dass die höhere Bildqualität der Spitzenmodelle immer schwerere Objektive nach sich zieht, denn die optische Qualität und die höhere Lichtstärke benötigen immer mehr Glas, also wird das, was „hinten“ eingespart wird, nach „vorne“ verlagert, was zu immer mehr Ungleichgewicht, besonders in der Handhabung, führt.
    Und dass sogar Sony seit der A9 oder A7RIII verstanden hat, dass zu kleine Gehäuse mit der Realität der Fotografie nichts zu tun haben, ist ein klares Statement. Und noch immer haben diese Gehäuse Akkukapazitäten, die im Vergleich zu Profikameras nur als Witz bezeichnet werden können. Ein CANON aus der 1D-Serie macht bei einer Sportveranstaltung locker 3ooo oder gar 4000 Aufnahmen mit einem Akku, und da ist der noch immer nicht leer, da braucht man bei der Sony 6, 7 oder mehr Akkus. Also nicht nur die Größe der menschlichen Hand, sondern auch ein weiterer technischer Grund limitieren die Gehäusegröße.
    Solange man den Energiehunger eine Kamera nicht mit einer Knopfzelle stillen kann, bleiben auch aus diesem Grund kleine Gehäuse ein nicht von allen ersehnter Wunsch.

  2. Hallo

    was für ein Thema !
    Welten prallen aufeinander und reiben sich.

    Die im Titel angefragten kleinen Kameras gibt es ja zuhauf, die Differenzierung der Größen schreitet endlich fort.
    Waren bis vor ein paar Jahren SLRs alternativlose Riesenprügel, so ist heute eine Nikon 5xxx oder die Canon 200D eine Studie wie klein eine SLR sein kann.

    Und die spiegellosen Systemkameras haben ja als Mini-Alternative zu den brockigen SLRs begonnen – zB als eine Sony. Die MFTs sind vor zehn Jahren mit einem Mini-System und der gleichen Intention angetreten.

    Wie sehr richtig geschrieben ist die Kameragröße aber nur die halbe Miete, zum herumzuwuchtenden Gesamtpaket kommt immer noch das Objektiv dazu und dessen Größe hängt von der Sensorgröße ab, egal wie winzig die Kamera gebaut ist.
    Dann ist dann schon im mittleren Telebereich ganz schnell Schluss mit lustig, verkrampfte Handgelenke gehören zum Ausstattungsportfolio von zu kleinen Kameras mit zu kleinen Griffen.
    Im Bereich der kleinen Sensoren mit dem genannten Vorteil kleiner Objektive und damit Gesamtpakete hatten die ganze Zeit diejenigen das Nachsehen, die eine ergonomisch ausreichend große Kamera wünschten, aber keine Vollformatriesenoptiken wollten.
    Die Wandervogel-, Bonsaifingerchen- und LifestyleAccessoire Fraktionen wurden bedient, wer einen brauchbaren Griff wollte durfte sich mit überteuerten kindischen Zusatzgriffchen herumschlagen.
    Daher begrüsse ich die Entwicklung auch großer Kameras mit vernünftigem Handling wie der Fuji XH-1, der Oly EM1II oder der Pana G9.
    Gerade die G9 ist die erste echt professionelle Kamera im MFT Bereich, denn professionell kann auch noch was anderes sein wie AF und Serienbildrate.
    Groß genug und ein braucbarer Akku ist auch professionell, zu klein eben nicht.
    Mit einem großen Griff klappts auch mit einem großen Akku.
    Hätte Pana (Fahrradkette…) die Sache mit Okulargröße und Augenabstand nicht verweigert und einen Witzeinblick eingebaut, dann wäre die Kamera schon der Oberknaller, so ist sie immerhin ein guter Meilenstein.

    Grüsse
    Frank

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