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Wie stark darf man Fotos bearbeiten?

75 Bilder bearbeiten

Foto und Bearbeitung: Doc Baumann

Gleich zwei Beiträge in der neuen DOCMA-Ausgabe 71 widmen sich der Frage, wie stark man ein Foto bearbeiten darf: Ein Interview mit dem Fotojournalisten und heutigen Professor für Fotografie, Rolf Nobel, und das Editorial von Doc Baumann, in dem er  zu jüngst entdeckten Photoshop-Schlampereien in Bildern von Steve McCurry Stellung nimmt. Dieser äußerte sich nun kürzlich in einem Time-Interview ausführlicher zum Einsatz von Bildbearbeitung in seinen Fotos.

Die Frage, wie ausgiebig man Software zur Nachbearbeitung von Fotos einsetzen darf, ist pauschal nicht zu beantworten. Es liegt auf der Hand, dass an Bilder in Nachrichtenmedien, die mit dem Anspruch dokumentarischer Authentizität auftreten, andere Ansprüche gestellt werden als an Werke in einer Kunstausstellung. Als erste Annäherung könnte man sagen: Im erstgenannten Fall darf man gar nichts verändern – im zweiten alles.

Aber so einfach ist es natürlich nicht. Auch ein dokumentarisches Foto sollte nicht hässlich sein (selbst wenn es Hässliches wiedergibt), oder anders formuliert: Bei der Auswahl zwischen zwei gleichermaßen authentischen Bildern wird ein Redakteur sicherlich das ästhetisch zufriedenstellendere auswählen.

Ich hatte mich an dieser Stelle vor einiger Zeit dahingehend geäußert, dass ich den Verzicht auf Bildbearbeitung in vielen Fällen nicht für eine Tugend halte, sondern für ein Anzeichen von Faulheit. Jeder mit ein wenig Fotoerfahrung weiß, dass das Ergebnis, das er oder sie auf dem – hoffentlich kalibrierten – Monitor sieht, erheblich von der gesehenen und erinnerten Szene abweichen kann, die fotografiert wurde. Nachbearbeitung sorgt dann nicht für eine künstliche (vielleicht sogar künstlerische) Abweichung vom Gesehenen, sondern im Gegenteil führt zu einer Annäherung, die das zurücknimmt, was durch den technischen Prozess der Aufnahme hinzugekommen (oder reduziert) wurde.

Ein schlagendes Beispiel: Das ausgewogene HDR-Bild einer schwierig zu belichtenden Szene ist der menschlichen Wahrnehmung weitaus näher als ein Foto, das sich mit dem technisch möglichen Kontrastumfang bescheiden muss. Ausgefeilte Technik kann hier also zu überzeugender Natürlichkeit führen.

Seltsamerweise lassen viele Authentizitätsverfechter bedenkenlos alle Eingriffe zu, die auch in der analogen Dunkelkammer üblich waren, als sei das die selbstverständlichste Sache der Welt. Problematisch, ja unerlaubt wird es für sie dann, wenn über Kontrast-, Helligkeits- und Farbanpassungen sowie dezente Schärfung hinaus Retuschen ins Spiel kommen. Salopp könnte man sagen: Nahezu alles, was man mit Lightroom machen kann, ist legitim – bedenklich wird’s, sobald man die Montagemöglichkeiten von Photoshop ausreizt.

Unser Interview-Partner Rolf Nobel wendet sich gegen jede Form von Montage in fotojournalistischen Bildern. Das ist eine ehrenwerte Haltung. Einen störend am Bildrand in die Szene ragenden Ast etwa dürfe man nicht überstempeln – wohl aber das Bild beschneiden – „solange man damit nicht die Bildaussage verändert“.

Und da wird’s für mich schwer nachvollziehbar. Wer eingehend über den dokumentarischen Anspruch von Fotos nachgedacht hat, weiß, dass bereits zahlreiche Entscheidungen gefallen sind, bevor das Bild schließlich auf dem Kameradisplay erscheint. Die von Nobel – zu Recht – angesprochene Veränderung der Bildaussage können wir als Betrachter nicht überprüfen, da wir nicht wissen, was außerhalb des Bildrahmens zu sehen gewesen wäre. Wir müssen dem Fotografen also vertrauen, dass er die Bildaussage nicht manipuliert, indem er Wichtiges wegschneidet – bereits bei der Aufnahme oder später per Software.

Haben wir dieses Vertrauen nicht, können wir letztlich aus keinem Foto auf die abgebildete Wirklichkeit zurückschließen. Haben wir es aber – warum sollen wir dann nicht auch darauf vertrauen, dass der Fotograf nur Unwichtiges retuschiert hat, das die Bildästhetik stören würde?

Doch kommen wir noch einmal zurück zu Steve McCurry. Nachdem DOCMA bereits im Druck war, erschien ein Interview mit ihm in Time, in dem er erklärte, er arbeite nicht mehr als Fotojournalist, sondern als „visueller Geschichtenerzähler“. Bei den Bereichen, auf denen in den letzten Jahren sein Arbeitschwerpunkt lag, gelte selbst ausgeprägte Bearbeitung als völlig akzeptabel. Dennoch: Er wolle sich künftig beim Einsatz von Photoshop stärker zügeln. „Nachdem ich über die Situation noch einmal eingehend nachgedacht habe … obwohl ich meine, dass ich mit meinen eigenen Bildern hinsichtlich Ästhetik und Komposition machen kann, was ich will, verstehe ich durchaus, wie verwirrend diese Eingriffe für viele Menschen sein müssen, die denken, ich arbeite noch immer als Fotojournalist.“

Eine andere Position nahm die Bildchefin von National Geographic ein. Bezugnehmend auf ein Cover des Fotografen, das bereits 1984 erschienen war und bei dem eine Wasserfläche leicht gestreckt worden war, um das Hochformat des Heftes auszufüllen, sagte sie: „Diese Art der Bearbeitung eines Titelbildes liegt jetzt 32 Jahre zurück, das war eine andere Zeit.“ So etwas würde nie wieder passieren.

National Geographic hat sicherlich nicht nur den Anspruch, sondern auch die finanziellen Mittel, um von den zahllosen eingereichten Fotos nur jene abzudrucken, die sowohl authentisch als auch ästhetisch hochwertig sind. Wir anderen brauchen halt gelegentlich Lightroom und auch schon mal Photoshop.

  1. blacksheep

    also ich find puristen – nobel scheint so einer zu sein – kleingeistig und komplexbeladen.
    aber vielleicht hat er ja immer eine baumschere mit, mit der er störende äste absägt, bevor er ein foto macht …

  2. anthra

    Ich bin auf Seite der Puristen. Keine Montagen o. Ä. in Reportagefotos!

    Grund: Klare Grenzen. Wie bei Kindern, wenn man Regeln durchsetzen will, braucht man klare Grenzen, alles, war Ermessenssache ist, wird schnell aufgeweicht. Wo ist der Unterschied, ob man einen Ast wegstempelt, unschöne oder unliebsame Personen auf Demonstrationen entfernt, Baustellen und Hauptstraßen neben dem Hotel im Prospekt beseitigt, wo doch alles auch den ästhetischen Eindruck des Bildes beeinflusst? Klar, Ermessenssache, aber keine Montage ist keine Montage.

    Weiterer Grund: Bei der Menge an Fotos fragwürdiger Herkunft, die heutige Nachrichtenredaktionen erreicht (z. B. Handyfotos aus Bürgerkriegsgebieten), ist eine forensische Untersuchung auf verfälschende Bearbeitung notwendig, und das geht nicht mehr, wenn Montagen am Foto (auch wenn diese keine inhaltliche Natur hatten) vorgenommen wurden.

  3. fotoallrounder

    Also bei mir ist es so, dass ich hauptsächlich hobbymäßig fotografiere und ich schaue generell, dass ich Bilder nur dann, wenn sie beispielsweise schief sind oder ich ein Pano daraus machen möchte, bearbeite. Fotomontagen würde ich wenn dann nur falls wirklich notwendig machen.

  4. fiseli

    Ein Thema, das mich brennend interessiert, aber die Diskussionen sind so widersprüchlich, dass es schwierig ist, zu einer vernünftigen „Policy“ zu kommen. Doc Baumann schafft das auch nicht, auch wenn seine Aussagen die bisher klarsten waren, die ich zu diesem Thema gelesen habe.

    Besonders der Widerspruch, dass alles OK ist, was im Fotolabor schon gemacht worden ist, habe ich irgendwie nie verstanden. Das ist doch einfach verlogen.

    Von meinem letzten Afrikaaufenthalt habe ich ein schönes Bild einer Elefantenfamilie an einem Wasserloch aufgenommen. Leider flog dabei grad eine Taube vorbei, die ich nicht bemerkt hatte. Hätte ich nur 1 Sekunde später abgedrückt, wäre das gleiche Bild ohne Taube möglich gewesen. Ist es wirklich so schlimm, wenn ich jetzt die Taube auf dem Elefantenrücken mit einem Klick wegretouchiere?

    Ich gebe es zu: Für meinen persönlichen Gebrauch mache ich das. Im Wettbewerb würde ich wohl disqualifiziert, weshalb ich es dort nicht mache.

  5. sunrisemoon

    Es gibt kein „objektives“ Foto, genausowenig wie eine objektive Wahrheit. Ein weggestempelter Zweig kann die Bildaussage um Welten weniger verändern als ein Ausschnitt, ob bei der Aufnahme durch die Technik vorgegeben oder nachträglich durch Zuschneiden. Sich auf die Möglichkeiten aus der analogen Zeit zu beschränken ist genauso wenig eine Lösung, denn solche Möglichkeiten gab es auch mit dieser Technik.
    Ein Reportagefoto, das wegen des „ästhetischen“ Eindrucks bevorzugt wird, kann genauso eine Manipulation sein wie eine Retusche.
    Und was ist mit der Maske, der Ausleuchtung, des Gesichtsausdrucks des Moments? Was ist mit Personen, die ein „Kameragesicht“ haben, das anderen fehlt?
    Das alles sind Bestandteile, die den Eindruck der „objektiven“ Wahrheit mehr verdrehen können, weil eben ein Bild unmittelbar die Emotionen des Betrachters steuern. Und bekanntlich ist der Mensch ein Lebewesen, das zum Großteil oder sogar ausschließlich von Gefühlen zu Handlungen bewegt wird. Das Großhirn ist nur dazu da, um danach eine scheinbar rationale Erklärung für Handlungen zu argumentieren.

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