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Veröffentlichung als Geste

Beim DOCMA-Award 2015 geht es um die Zerstörung der Privatsphäre. Um dafür Bildideen zu entwickeln, hilft es, sich mit der Vorstellung des Menschen als Medium zu befassen.

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Medien? Sind das nicht Bücher, Zeitschriften und Filme? Bevor all das erfunden wurde, waren Menschen selbst die Medien für ihre Umwelt. Zum Beispiel, wenn sie an Lagerfeuern Geschichten erzählten, von Stadt zu Stadt zogen, um Neuigkeiten zu verbreiten, oder auf der Kanzel ihren Schützlingen die Welt erklärten. Massenmedien, wie wir sie heute kennen, haben sich erst zwischen 1500 und 1950 entwickelt.

In dieser Zeit schrumpfte die Bedeutung der Mensch-Medien gegenüber den neuen, reichweitenstarken Nachfolgern. Massenmedien konnten jedoch nur diejenigen herstellen, die über Kapital verfügten, um Druckereien oder später Fernsehsender zu finanzieren. Zudem mussten sie auch die Erlaubnis der Obrigkeit erhalten, ihre Medien zu verbreiten. Letzteres hat sich nach dem zweiten Weltkrieg in immer größeren Teilen der Welt erübrigt. Und auch die Voraussetzung ausgeprägter finanzieller Ressourcen gibt es seit den späten 80er Jahren des letzten ­Jahrhunderts nicht mehr.

Damals brachten Computer die Errungenschaft mit sich, dass jeder, der einen Rechner beherrschte, für vergleichsweise kleines Geld eigene Druckmedien direkt am Schreibtisch herstellen konnte. Mit dem Internet kam in den 90ern ein Kanal hinzu, mit dem man Texte und Bilder der ganzen Welt zugänglich machen konnte – im Prinzip mit einem Klick.

Mit der Kombination aus filmfähigen Telefonen, breitbandigen Internetverbindungen und Videoplattformen wie Youtube konnte sich 15 Jahre später jeder seinen eigenen Videokanal leisten. Seither ist der Mensch wieder selbst Medium, nur kann er jetzt – zumindest theoretisch – fast alle anderen Menschen mit seinen Botschaften erreichen.

Die Hürden für die öffentliche Präsentation seiner selbst sind also aus dem Weg geräumt. Was aber hat das zur Folge? Zunächst einmal eine unübersichtliche Vielfalt. Damit einhergehend aber auch die ungeahnte Banalisierung der Inhalte.

Die Menschen präsentieren ihr Leben ungefiltert einer bisweilen erstaunlich großen Zahl an Zuschauern. Schulkinder werden zu Personen des öffentlichen Lebens, weil sie ihre Schminktipps aus ihren ­Jugendzimmern in die Welt senden. Keine Feier bleibt privat, da immer irgendjemand mit dem Handy Aufnahmen macht und die peinlichsten Szenen anschließend ins Netz stellt. Selbst bei Unglücksfällen filmen Passanten die Szenerie lieber, anstatt zu helfen. Eine Flucht aus dieser eher freiwilligen Zurschaustellung ist vielleicht durch Zurückhaltung möglich, der unfreiwilligen Überwachung seiner eigenen elektronischen Spuren kann sich jedoch niemand ­entziehen.
Seit einiger Zeit wissen wir, dass Geheimdienste und internationale Konzerne alles, was wir mit unseren Computern, Kreditkarten und Telefonen anstellen, lückenlos sowie mit Zeit- und Ortsstempel auswerten. Sie zeichnen alles auf: Was wir machen, was wir lieben, was uns sorgt, was uns interessiert, wo wir waren, und bald können sie auch ausrechnen, was wir in Zukuft tun werden.

Privatheit ist passé. Unsere kleinen Geheimnisse sind längst irgendwo gespeichert, und für den, der es unbedingt möchte, jederzeit abrufbar. Es ist also die Frage, mit welcher Haltung man der dauernden Überwachung begegnet. Die Veröffentlichung der eigenen Person ist keine Entscheidung mehr, sie ist nur noch eine Geste, bei der einzig die Entscheidung bleibt, wie theatralisch man sie darbieten will. Wenn das kein Thema für eine Vielzahl spannender Bildideen ist, dann kann ich nur mit den Schultern zucken.

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