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Trends bei Objektivanschlüssen

Nachdem Canon und Nikon ihre neuen spiegellosen System vorgestellt und Leicas L-Mount künftig auch von Panasonic und Sigma unterstützt wird, ist es an der Zeit für eine Analyse, wie sich die spiegellosen Systeme mit ihren Kenndaten von den Spiegelreflexsystemen absetzen. Lesen Sie dazu Trends bei Objektivanschlüssen.

Fast alle der traditionellen Spiegelreflexsysteme aus dem vergangenen Jahrhundert haben eines gemein: Der Objektivanschluss, den das Licht auf dem Weg vom Objektiv zu Sensor oder Film passieren muss, ist nur wenig größer als die Bilddiagonale, die beim Kleinbildformat 43,3 mm misst. Nur Canon setzte eine neue Marke, als sie 1987 den EF-Mount mit einem Durchmesser von 54 mm einführten. Mit FourThirds, dem ersten von Anfang an für die Digitalfotografie konzipierten Spiegelreflexsystem, ging Olympus im Jahr 2000 noch einen Schritt weiter und postulierte, der Anschlussdurchmesser sollte das Doppelte der Bilddiagonalen betragen. Nur so nämlich ließen sich Objektive mit so großen Hinterlinsen konstruieren, aus denen die Lichtbündel bin in die Bildecken fast senkrecht auf den Sensor trifft. Anders als die vergleichsweise dünnen Emulsionen des Films reagiert ein Sensor mit seinen teilweise mehrere Millimeter dicken Filterschichten über dem Siliziumchip sehr empfindlich auf schräge Einfallswinkel – Randunschärfe, Vignettierung, Farbverschiebungen und Mehrfachkonturen können dann die Folge sein.

Trends bei Objektivanschlüssen
Trends bei Objektivanschlüssen: Canons APS-C-System EOS-M hat ein großzügig dimensioniertes Bajonett, das größer als Sonys E-Mount ist. (Quelle: Canon)

Dieses Konzept, den Objektivanschluss und die Objektive für den Sensor zu optimieren, stand auch bei den ersten spiegellosen Systemen im Vordergrund, die ab 2008 eingeführt wurden. Micro-FourThirds bleibt zwar hinter der ursprünglichen Forderung von Olympus zurück, aber der Durchmesser ist immerhin 76% größer als die Bilddiagonale. Canons EF-M-Anschluss erreicht 75%, Fujis X-System 56% und Samsung NX immerhin 49%. Die APS-C-Kameras mit Sonys E-Mount kommen auf 63% und die Leica T auf 73%. Für einige Jahre schien sich ein klarer Trend abzuzeichnen: Spiegellose Systeme zeichneten sich generell durch kurze Auflagemaße und einen in Relation zum Bildformat großen Anschlussdurchmesser aus.

Trends bei Objektivanschlüssen
Trends bei Objektivanschlüssen: Der Kleinbildsensor passt nur knapp hinter Sonys E-Mount. (Quelle: Sony)

Vor fünf Jahren begann sich das Bild allerdings zu wandeln. Sony stellte 2013 mit der Alpha 7 eine E-Mount-Kamera mit einem Kleinbild- statt APS-C-Sensor vor. Die 46,1 mm des E-Mount liegen zwar durchaus im Rahmen der alten Kleinbildsysteme, aber ein Durchmesser, der nur noch 6% größer als die Sensordiagonale ist, war für spiegellose Systeme ungewöhnlich. Leica zog nach und nutzte den 48,8 mm messenden L-Mount auch für die Kleinbildkamera SL, wobei der Anschlussdurchmesser nur noch 13% über der Kleinbilddiagonale liegt. Samsung stellte sein NX-System ein, während Hasselblad und Fuji spiegellose Systeme für das „kleine Mittelformat“ (44 mm × 33 mm) mit einer Diagonale von 55 mm einführten; die Anschlussdurchmesser dieser Systeme sind lediglich 11% beziehungsweise 18% größer als die Sensordiagonale. Canon ist beim neuen RF-System beim EF-Anschlussdurchmesser von 54 mm geblieben, was 25% entspricht; beim Nikon-Z-System misst der Durchmesser einen Millimeter mehr – vielleicht nur, damit Nikon endlich einmal einen größeren Anschluss als Canon hat.

Trends bei Objektivanschlüssen
Trends bei Objektivanschlüssen: Nikon hat den Größten (Anschlussdurchmesser der Kleinbildsysteme), der aber auch nur 27% größer als die Bilddiagonale ist. (Quelle: Nikon)

Damit hat sich der Trend völlig gewandelt: Die ausschließlich für die Formate APS-C oder FourThirds ausgelegten Systeme, also Micro-FourThirds, Fuji X und Canon EF-M, zeichnen sich zwar gegenüber dem Sensorformat durch große Anschlüsse aus – der Durchmesser liegt 56% bis 76% über der Sensordiagonale. Die Anschlüsse für die größeren Sensorformate, also Kleinbild und Mittelformat, sind dagegen knapp bemessen – 6% bis 27% über der Diagonale. Leica hat sich daher dafür entschieden, den Sensor für die Objektive zu optimieren, indem sie die Höhe des Sensorstapels reduzieren. Dies war schon beim Messsuchersystem M nötig, um Probleme mit schräg einfallenden Lichtstrahlen zu vermeiden, und Leica hat diese Strategie beim L-Mount beibehalten.

Der Grund für die unterschiedlichen Trends bei Systemen für große und kleine Sensoren ist offensichtlich: Ein großer Anschlussdurchmesser mag aus optischen Gründen erstrebenswert sein, denn er ermöglicht den Bau von Objektiven mit einem für Digitalkameras optimalen Strahlengang. Bei großen Bildformaten müsste der Anschluss dann allerdings so stark wachsen, dass die Kameras recht unhandlich würden. Wer trotzdem einmal ausprobieren möchte, was sich damit erreichen ließe, kann es beispielsweise mit einer Mittelformatkamera des Typs Fuji GFX 50S oder 50R erfahren, die einen Crop-Modus für das Kleinbildformat haben. Der Anschlussdurchmesser von Fujis G-System ist 50% größer als die Kleinbilddiagonale. Ansonsten bleibt die kompromisslose Optimierung der Objektive für den Sensor wohl den Formaten APS-C und FourThirds vorbehalten.

 

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Michael J. Hußmann

Michael J. Hußmann gilt als führender Experte für die Technik von Kameras und Objektiven im deutschsprachigen Raum. Er hat Informatik und Linguistik studiert und für einige Jahre als Wissenschaftler im Bereich der Künstlichen Intelligenz gearbeitet.

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