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Nachts sind alle Katzen … blau?!

In erstaunlich vielen, vor allem in neueren, aber auch bereits in älteren Kinofilmen werden Nachtszenen als in blau getüncht dargestellt. Selbst das Mondlicht wird oft so dargestellt, obwohl der Mond eher warm mit 4000 K leuchtet. Woher kommt also diese farbliche Stilisierung? Ich habe darauf keine abschließende oder gar verbindliche Antwort, aber die folgenden Erklärungsmöglichkeiten.

Blau

Muss man die Nacht denn immer bläulich darstellen? Bild: Olaf Giermann


Blau: Unser Sehapparat


Licht nehmen Menschen über zwei verschiedene Fotorezeptoren wahr: Die Zapfen ermöglichen das Farbensehen, benötigen jedoch relativ viel Licht. Die Stäbchen sind dagegen zwar farbenblind jedoch deutlich lichtempfindlicher. Je dunkler es ist, um so mehr übernehmen also die Stäbchen unsere Wahrnehmung. Der Spruch „Nachts sind alle Katzen grau“ beschreibt das so gesehen recht gut – für das Farbensehen ist es ab einem bestimmten Punkt einfach viel zu dunkel.

Nun gibt es aber den sogenannten Purkinje Effect, der die physiologische Erscheinung beschreibt, dass verschiedenfarbige Flächen, die bei Tageslicht als gleich hell wahrgenommen werden, bei Dämmerlicht als unterschiedlich hell gesehen werden. Dieser Effekt beruht auf den unterschiedlichen Spektralempfindlichkeiten von Zapfen und Stäbchen: Die Stäbchen reagieren besonders stark auf blaugrünes Licht!

Blau

Der Purkinje-Effekt: Die Helligkeitsempfindlichkeit der menschlichen Wahrnehmung verschiebt sich bei geringer Helligkeit (blaue Kurve) gegenüber dem Tagessehen (orange Kurve) in den blauen Spektralbereich.

Aber halt: Waren die Stäbchen nicht farbenblind? Ja, das sind Sie auch, genauso wie die Zapfen im Übrigen auch, nur dass es davon eben drei verschiedene Typen mit unterschiedlichen Empfindlichkeiten gibt. Allein mit den Stäbchen könnten Sie also keine Farben unterscheiden. Nun ist es aber nicht so, dass einfach mir nichts dir nichts zwischen den Fotorezeptor-Zellen umgeschaltet wird und wir nur das sehen, was diese Zellen aufzeichnen. Die Fotorezeptoren und deren Verschaltung in der Retina sind nur die erste Station in unserem komplexen Sehapparat. Ich kann mir gut vorstellen, dass es mit zunehmender Dämmerung eine Verrechnung der Sinneseindrücke beider Zellen geben könnte, durch die dabei zunehmend heller „gesehenen“ Blaugrün-Anteile tatsächlich mit dieser Farbe assoziiert werden.


Blau: Dämmerungseffekte


Apropos zunehmende Dämmerung: Hierbei verschiebt sich nicht nur wie oben geschildert unsere Wahrnehmung von den Zapfen auf die Stäbchen, sondern es kommen auch atmosphärische Änderungen zum Tragen, die wiederum das Blau intensivieren. Da gerade die Dämmerung (in der wir überhaupt noch etwas sehen) für unser Farbempfinden eine Rolle spielt, könnte dies ein wichtiger Faktor sein.

Als Fotograf kennen Sie sicher die „Blaue Stunde“, welche für die Zeit nach Sonnenuntergang bis zur nächtlichen Dunkelheit steht. In dieser Zeit ändert und intensiviert sich das Himmelsblau. Tagsüber wird es vor allem durch die Rayleigh-Streuung verursacht, während in der Dämmerung zunehmend die Chappuis-Absorption in der Ozon-Schicht eine Rolle spielt.

Blau

Die blaue „Stunde“ sorgt für ein anderes Himmelsblau. Bild: Pixabay – jplenio

Wenn es dunkler wird, wird es also zunächst manchmal sehr viel blauer. Eine Assoziation, die man als Color Grader von Filmproduktion auf die Nachtszenen übertragen kann.


Blau: Kreative Entscheidungen


Letzten Endes ist und bleibt die Blaufärbung dunkler oder nächtlicher Szenen in der Bild- und Filmproduktion jedoch eine rein kreative Entscheidung.

Blau

Bei dieser Umwandlung eines bei Tag fotografierten Fotos zu einer nächtlichen Szene hatte ich mich rein intuitiv für blaue Farben entschieden. Bild: Olaf Giermann

Das kühle Blau bis Blaugrün sorgt vielleicht für genau die Stimmung, die die Szene gerade benötigt. Oder vielleicht sorgt es auch nur für den maximalen Farbkontrast zu den Hauttönen der Akteure. Nicht umsonst ist Teal/Orange nach wie vor eines der beliebtesten Farbschemata in den aktuellen Blockbustern. 😉

Beste Grüße,

Olaf

Olaf Giermann

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  1. sunrisemoon

    Die Blaustimmung in den Filmen bei Pseudonachtaufnahmen, die ja, wenn man genau hinsieht gerne bei strahlendem Sonnenschein entstanden (da gibt es nämlich viele Schatten und damit viele dunkle Stellen), entstand vermutlich aus der Not. So wie lautlose Raumschlachten bei Star-Wars-Filmen Zuschauer zum Gähnen bringt, würde nicht nur die Armut an Farben, sondern auch das extrem flache Licht jede Szene unansehnlich wirken lassen. Dann hatte man auch nur eine vergleichsweise ärmliche Technik bei der Hand. In s/w hatte man bei echten Nachtaufnahmen oft harte Lichter gesetzt, man sieht ja dann auch, genau gesehen, seltsame Beleuchtungen in Parks und sonstigem Gelände. Und dann rettete man sich in Nahaufnahmen. Bei Farbfilmen ähnliches, nur dass man denn eben die Belichtung stark reduzierte und allem einen starken Blaustich gab. Das ist dann beim Publikum einigermaßen gut angekommen.
    Und jetzt sind wir darauf konditioniert. Auch wenn mit den heutigen Mitteln ganz andere Looks möglich sind, blau ist nach wie vor die Farbe, die ein Gefühl der Nacht auslösen kann. Und dabei geht es ja, um die Vermittlung von Gefühlen und Empfindungen.

  2. wptz

    Vielleicht hilft hier Goethes Farbenlehre, ein zusätzliches Verständnis zu evozieren.
    Er verweist auf das Zusammenspiel von Licht und Finsternis bei der Entstehung von Farben. Meistens werden ja Farben als etwas Gegebenes betrachtet. Aber Farben sind gewissermaßen entstanden. Betrachten wir ein Neugeborenes , dass mehr oder minder nur rumzufuchteln scheint. Ähnliches bei den Sinneseindrücken, die diffus aus elementaren Wahrnehmungen zusammengesetzt werden. Dieses Geschehen beim Neugeborenen ist auch ein Hinweis auf entwicklungsgeschichtliches Geschehen, bei dem die (menschlichen) physikalischen Farben entstanden sind. Davon ist der K-Wert nur ein statischer Wert komplexen, dynamischen Geschehens, das wir mit einer ‚Momentaufnahme‘ eines Bildes versuchen einzufangen.
    Das Blau des Himmels wird dabei als von der Lufthülle der Erde reflektierte Helligkeit der Sonne vor der Schwärze der Finsternis des Alls angesehen. Dann hat die Bläue der Nacht trotz 4000 K noch ein weiteres Verständnis.

  3. winnetou

    …und nicht zu vergessen das legendäre Gedicht „Advent“ von Loriot: „Es blaut die Nacht, die Sternlein blinken,…“

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