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Machen Selfies unsympathisch?

Läuft sich die Selfie-Mode langsam tot? Laut eines aktuellen Beitrags im Journal of Research in Personality werden Instagram-Nutzer, die viele Selfies posten, als weniger sympathisch, weniger aufgeschlossen, weniger verlässlich und weniger erfolgreich empfunden, verglichen mit jenen, die sich eher von anderen fotografieren ließen – Posies statt Selfies ist der neue Trend.

Im Grunde ist ein Selfie ja einfach ein fotografisches Selbstporträt, und als solches ist es fast so alt wie die Fotografie selbst. Der Begriff „Selfie“ im Sinne eines Selbstporträts wurde 2002 erstmals nachweislich gebraucht, aber für die folgenden 10 Jahre blieb er ungebräuchlich. Erst seit 2013 scheint seine Popularität rasant gestiegen zu sein; zumindest als Suchbegriff bei Google taucht er seitdem immer häufiger auf. Im selben Jahr wurde „Selfie“ auch schon in das Oxford English Dictionary aufgenommen. (Übrigens habe ich selbst erstmals im August 2013 in einer E-Mail den Begriff verwendet, um die angehängten Fotos zu charakterisieren.)

Selfies
Ein Selfie von 2013

Selfies avant la lettre hatte ich natürlich schon früher regelmäßig aufgenommen – meist mithilfe eines Spiegels. Im Beispiel oben war es eine spiegelnde Plastik von Jeff Koons, die gleichzeitig für Verzerrungen und Farbverfremdungen sorgte.

Selfies
Ein Selfie von 2014

Aber waren das tatsächlich Selfies? Der Duden definiert das Selfie als „mit der Digitalkamera (des Smartphones oder Tablets) meist spontan aufgenommenes Selbstporträt einer oder mehrerer Personen“, und danach wären es keine, denn ich hatte eine gewöhnliche Digitalkamera benutzt. Mein erstes Handy mit eingebauter Kamera erwarb ich erst 2015; in dieser Hinsicht war ich Spätentwickler. Es mag unwichtig erscheinen, ob man sich mit einem Smartphone oder einer herkömmlichen Kamera fotografiert, aber das Smartphone-Foto kann man sofort über die sozialen Medien teilen, und das scheint zum Begriff des Selfie dazu zu gehören: Ein Selbstporträt, das man für sich behält, ist noch kein echtes Selfie. Bei der Selfie-Mode geht es nicht allein darum, sich immer wieder selbst zu fotografieren, sondern immer neue Selbstporträts aller Welt (oder wenigstens ein paar Hundert Freunden auf Instagram oder Facebook) zu zeigen.

Der Begriff des „Posies“, den die Autoren des oben genannten Artikels verwenden, ist noch nicht so verbreitet wie „Selfie“, aber die Bedeutung ist leicht zu verstehen: Wer sich vor der Smartphone-Kamera eines Anderen in Pose wirft und das Bild teilt, postet ein Posie. Und wer das tut, wird, so das Ergebnis der Studie, von anderen für sympathischer, selbstbewusster, erfolgreicher, abenteuerlustiger und kontaktfreudiger gehalten als derjenige, der nur Selfies teilt. Posies sollen natürlicher wirken als die oft gekünstelten Selfies – Stichwort „Duckface“. Aber auch weil ein Posie eine Interaktion zwischen Fotograf und Porträtiertem voraussetzt, neigt man dazu, Letzteren für zugänglicher, aufgeschlossener und freundlicher zu halten – denn was stimmt nicht mit Leuten, die offenbar niemanden finden, der sie fotografieren mag, und das daher selbst übernehmen müssen?

Was mich betrifft, so bin ich aus der Nummer eh ’raus. Meine Selbstporträts waren schon bisher durchweg für ein sehr kleines Publikum bestimmt (und daher gar keine Selfies im engeren Sinne), und dass ich hier welche gezeigt habe, wird eine Ausnahme bleiben.

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Michael J. Hußmann

Michael J. Hußmann gilt als führender Experte für die Technik von Kameras und Objektiven im deutschsprachigen Raum. Er hat Informatik und Linguistik studiert und für einige Jahre als Wissenschaftler im Bereich der Künstlichen Intelligenz gearbeitet.

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