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Leiden Sie auch unter dem Gear Acquisition Syndrom?

Eine neue Kamera kommt auf den Markt, ein neues Smartphone erscheint, Hersteller X bringt eine Version von Hardware Y heraus … und schon bald quellen bei Online-Händlern und in Beiträgen auf Social Media-Kanälen die Angebote der jeweiligen Vormodelle über.
Was war dann da los? Ganz klar: das Gear Acquisition Syndrom!

Gear Akquisition Syndrom


G.A.S.-Alarm!


G.A.S. steht kurz für Gear Acquisition Syndrom (englisch für sinngemäß „Ausrüstungs-Anschaffungsyndrom“. Interessant ist, dass man bei Stockfotos unter den Suchbegriffen „Kaufrausch“, „Kaufen“ und „Shopping“ vor allem über Bilder mit Frauen und Einkaufstüten stolpert. Alles gut und richtig – wenn auch politisch nicht (mehr) vollends korrekt … Irgendwie blöd und deshalb zwangsweise mindestens genauso politisch unkorrekt: Das G.A.S. betrifft meiner Wahrnehmung nach vor allem Männer! Naja, es geht halt um Technik. Manche Klischees sind eben wirklich wahr (falls nicht, können Sie entweder besser googeln als ich, oder Sie haben andere, aktuellere und/oder bessere Statistiken parat.) Bitte her damit!

Gear Akquisition Syndrom

Sammler sammeln um der Sammlung willen. Personen mit G.A.S. ticken da ein wenig anders.

Ein Sammler hat zwar auch das Bestreben, seiner Sammlung immer weitere Gegenstände hinzuzufügen, die Sammlung, beziehungsweise deren Anwachsen, ist dabei aber mehr oder weniger Selbstzweck.

Zwar ist die Grenze zwischen Menschen mit G.A.S. und Sammlern fließend, aber anders als die Sammler versprechen sich die am G.A.S. „Leidenden“ etwas von dem Neuerwerb. Und deshalb zeigen besonders häufig Fotografen und Musiker dieses Syndrom: Sie erwarten, durch den Erwerb immer weiterer, neuerer, anderer Ausrüstung bessere Bilder oder bessere Musik zu machen, vielleicht neu durchzustarten oder zu ganz anderen Ergebnissen zu kommen.


Beispiele für G.A.S.


Musik

Ich selbst hatte das Problem in meiner Jugend, als ich versuchte, meinen Blues-Idolen mit der Mundharmonika nachzueifern. Die erste Blues-Harp in C-Dur „konnte“ das offensichtlich nicht, also kaufte ich eine Mundharmonika nach der anderen, um den gleichen Sound wie auf den alten Schallplatten zu treffen. Inzwischen kann ich zwar leidlich Mundharmonika spielen, aber von all den zig Blues-Harps und Mariner Bands im Schrank nutze ich eigentlich nur zwei bis drei – je nach Tonlage. Die Ton-Abweichungen früherer Versuche lagen nicht nur an meinem mangelndem Können sondern auch an den nicht wirklichkeitsgetreuen Aufzeichnungs- und Abspielmethoden der leiernden Schallplatten (schauen Sie sich einfach einmal alte – also vor etwa 1970 – Ton-Filme an! Was für ein Blechbüchsen-Sound aus heutiger Sicht! Wobei die damalige Synchro meist noch viel schlechter war als der O-Ton, wie ich heute im Vergleich bei manchen DVDs und Online-Streams mit optionalem O-Ton höre.)

Gear Akquisition Syndrom

Fotografie

Und bei den Kameras ist es genau dasselbe: Jemand sieht, was für Fotos jemand macht, hört sich in einschlägigen Foren und Stammtisch-Diskussionsrunden um und – ZACK! – ist man infiziert. Dann braucht man unbedingt eine Vollformatkamera, die Brennweiten muss man mindestens von 14 bis 200 mm (Kleinbild-äquivalent) abdecken – idealerweise nicht mit Zoom-Objektiven sondern natürlich mit Festbrennweiten! Weiter geht es mit theoretischen Testaufnahmen von säuberlich in unterschiedlicher Entfernung aufgestellten Batterien (die haben eine sehr feine, klare Schrift, die Unschärfen gut erkennen lässt!), um auch ja das Schärfste der sicherheitshalber gleich drei online gekauften Objektive zu identifizieren.

Und dann steht alles im Schrank, man fotografiert immer doch nur mit denselben Brennweiten, die Fotos wurden nicht so viel besser als es der Preis von Kamera und Objektiven eigentlich vermuten ließ. Und was passiert? Es wird zu einem anderen Kamerasystem geschielt. Auf der anderen Seite des Zauns ist das Gras ja immer grüner! Da wechseln Leute dann tatsächlich von System/Hersteller zu System/Hersteller, einige behalten auch den ganzen alten Kram (die würde ich dann eher als Sammler bezeichnen), andere verkaufen all das und kaufen es später erneut, wenn sie wieder mal das System wechseln …

Gear Akquisition Syndrom

Mein Erstkontakt mit Nikon war an der Uni: Und ich hatte dieses Mikroskop gehasst! Nicht weil es schlechte Bilder lieferte, sondern weil es nur nie die Resultate sehen ließ, die meiner Doktor-Arbeit dienlich gewesen wären … Da hätte auch ein besseres Mikroskop oder eine andere Hersteller-Marke leider nicht geholfen. Foto: Olaf Giermann

Smartphones

Ein Teufelskreis! Aber die Wirtschaft freut es natürlich – und auch denjenigen, der ein fast neues iPhone 7 gebraucht kaufen kann, nur weil der Vorbesitzer unbedingt das neue iPhone X „benötigt“.


Gear Akquisition Syndrom: Und nu’?


Klar ist: Nicht jeder, der sich sofort nach Erscheinen die neueste Kamera kauft, muss notwendigerweise am Gear Akquisition Syndrom leiden. Vielleicht hat er ja noch bis zu zu diesem Zeitpunkt das Letzte aus seiner bisherigen und langsam auseinanderfallenden Kamera herausgeholt.

Gear Akquisition Syndrom

Aber: Die Regel ist das nicht! Die Regel ist eher das irrationale Kaufen, um eine innere – unbewusste – Unzufriedenheit zu beheben. Problematisch ist das Gear Akquisition Syndrom vor allem dann, wenn zunehmend die Ausrüstung an sich in den eigenen Fokus rückt und nicht mehr in erster Linie das kreative Schaffen (Bilder und Musik) und die Arbeit an sich (Weiterentwicklung) selbst wichtig wird. Wenn Sie das bei sich bemerken, sollten Sie sich ernsthaft fragen: Was will ich mit dem ganzen Zeugs eigentlich? Als Wertanlage eignen sich viele moderne Geräte jedenfalls zumeist nicht wirklich (außer, die Urenkel finden in 100 Jahren das letzte Exemplar einer digitalen Spiegelreflexkamera mit nur 10 bis 20 Auslösungen im Originalkarton). Wollen Sie mit der Ausrüstung bessere Bilder oder Musik machen, dann fragen Sie sich zunächst, was Sie selbst denn besser fänden, misten Sie danach rigoros aus und trennen Sie sich von allem, was Sie noch nie mit Freude benutzt haben.

Ist doch EIGENTLICH ganz einfach, oder? 😉 #nope

In diesem Sinne,

Ihr Olaf,
der gerade drauf und dran ist, sich eine weitere 3D-Software zu kaufen und damit wahrscheinlich an S.A.S. leidet (Software Akquisition Syndrom) … O(hhh) (Gier)Mann! 😀 (Selten konnte ich meinen lustigen Namen treffender einsetzen … *lach*

Olaf Giermann

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  1. artflix

    Während meiner Ausbildung in einem Fotostudio mit angeschlossenem Laden, litt ich „massiv“ unter diesem Syndrom.
    Mein damaliger Chef & Ausbilder überlies mir Fotoequipment & Laborarbeiten immer zu Einkaufspreisen.
    Das nahm mitunter erschreckende Ausmaße an und ich finde heute noch Dinge, welche ich damals gekauft und dann so gut wie nie benutzt habe.

    Besser wurde es erst, nachdem ich den Arbeitsplatz wechselte und nicht mehr den Zugriff auf das riesige Sortiment hatte.

    Allerdings ertappe ich mich immer noch dabei – vor einem Schaufenster stehend / auf eine Website blickend – bei der Überlegung…..weshalb hat mein aktuelles Sony Equipment nicht auch noch, dieses bestimmte Fuji Feature etc…..;-)

  2. klickser49

    Das kann aber auch was Gutes haben: als ich vor sehr vielen Jahren ein für unsere finanziellen Verhältnisse viel zu teures Weitwinkel kaufen wollte, protestierte meine Frau: „da liegt schon so viel Zeug rum, was du auch nicht benutzt – entweder mach´s richtig oder laß es!“ . Genau, damit hatte sie Recht!
    Also habe ich auf mein Weib gehört, mir das Objektiv gekauft und bin (trotz einiger Hindernisse) ein paar Jahre später Fotograf geworden – inzwischen gänzlich von G.A.S. befreit. Fast.

  3. winnetou

    Habe bei mir soeben das D.A.S. diagnostiziert…das „Docma-Akquisitions-Syndrom“: Ich muss immer das neuste Heft haben!
    Zum Glück sind keine (schädlichen) Nebenwirkungen bekannt.

  4. Pingback: G.A.S. | Reinhard Witt – Fotografie.

  5. Olaf Giermann

    Danke für eure Rückmeldungen. Erkenne mich da wieder. 🙂

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