RSS

Horrortrip

Foto und Montage: Doc Baumann

Zur Vorbereitung einer DOCMA-Redaktionssitzung wollte ich mir vor ein paar Tagen mal einen Überblick darüber verschaffen, was denn andere Photoshop-Hefte so bringen. Das Experiment war zwar ziemlich gruselig, aber letztlich durchaus erhellend. Jetzt weiß ich noch besser, warum es für uns mühsam, aber aus Qualitätsgründen unverzichtbar ist, dass bei DOCMA jeder Artikel durch mindestens sieben Korrekturinstanzen gehen muss.

Seit mehr als 30 Jahren befasse ich mich mit digitaler Bildbearbeitung, aber ich lerne immer noch etwas Neues dazu. Zum Beispiel habe ich jetzt bei der Lektüre eines Photoshop-Heftes etwas über „analoge Rahmen“ erfahren, das ich zuvor noch nicht wusste. „Analoger Rahmen“ meint eigentlich den perforierten Rand eines Kleinbildfilms – das Tutorial möchte mir vermitteln, wie ich einem Foto einen solchen „Retrolook“ zuweisen kann.

Da ich in meinem Leben einige tausend Kleinbildfilme verbraucht habe, erinnere ich mich recht genau daran, wie die aussahen: Zu beiden Seiten des Bildes gab es einen Perforationsstreifen; mittels der ausgestanzten Löcher wurde der Filmstreifen in der Kamera transportiert. Bei allen meinen Diafilmen ist dieser Streifen schwarz; außerdem stehen dort noch Bildnummer und Herstellerfirma. Ohne dieses Tutorial hätte ich nie erfahren, dass es wohl auch eine Kamera gegeben haben muss, die den Streifen bis zum äußeren Rand belichtete und offenbar auf die Führungsschienen verzichten konnte – ein technisches Wunderwerk!

(Ja, ich weiß, es gibt da etwa die Lomographie-Kamera Spocket Rocket, aber als Kandidat für einen Retrolook eignet sich das wenige Jahre alte Modell ebenso schlecht wie ein VW Beetle aus dem Jahr 1998, wenn der Regisseur für die Ausstattung eines Films, der in den 50ern spielt, eigentlich einen VW Käfer gebraucht hätte.)
Das ist noch nicht alles: Das Bild im Tutorial ist ein Dia, also ein Positiv, dennoch wird der „Retrolook“ als „Film-Negativstreifen“ bezeichnet. Ein Kleinbild-Foto ist immer so breit wie acht Perforationslöcher – nicht zehn, wie in diesem Fall. Und – Wunder über Wunder –, das Bild ist nicht nur auf diesem Streifen selbst zu sehen, sondern zudem abgeschwächt in den ausgestanzten Löchern.

 


Zweifeln Sie nicht an sich,
wenn Sie nach solchen „Tutorials“
ratlos sind


 

Wenn man in seinem ganzen Leben noch keinen Analogfilm gesehen hat, ist das nicht weiter schlimm. Nur sollte man dann vielleicht darauf verzichten, zu diesem Thema ein Tutorial zu verfassen. Dies ist nur ein Beispiel aus einem der Hefte. Viele der vorgeblichen Handlungsanweisungen habe ich nicht verstanden, weil sie unstrukturiert von einem Punkt zum nächsten springen, zum Teil schlicht falsch sind. Ein Großteil der Texte ist sprachliches Styropor. So „lerne“ ich etwa unter „Machen Sie Feinanpassungen“: „Achten Sie auf die Einzelheiten in den Bildern und erschaffen Sie damit neue Formen …“ Der Sinn des Satzes bleibt mir verborgen, vom Stil wollen wir höflich schweigen.

Unter dem folgenden Bild ist zu lesen: „Um der Montage Tiefe zu geben, fügen wir Schatten hinzu. Arbeiten Sie genau, damit die Schatten realistisch wirken.“ Das ist an sich eine gute Idee, nur – wie wirken Schatten realistisch? Offenbar wissen das selbst viele Profis nicht, wie meine „Bildkritik“ in DOCMA immer wieder zeigt. Was hier mit einem Nebensatz gestreift wird, erfordert eigentlich ein ganzes Sonderheft.

Danach spielt es dann schon keine Rolle mehr, dass Screenshots, die zum Verständnis beitragen sollen, so winzig sind, dass sie selbst mit einer Lupe nicht zu lesen sind. Zweifeln Sie nicht an sich, wenn Sie nach solchen „Tutorials“ ratlos sind – es liegt nicht an Ihnen. Wenn Sie schon aus derartigen Beiträgen nichts lernen, werden Ihnen auf vielen Seiten immerhin herausgehobene, in Großbuchstaben gesetzte welterschütternde Erkenntnisse wie etwa diese präsentiert: „Ein weiser Mensch sagte einst: »Nichts, das es wert ist, im Leben getan zu werden, sollte ohne Ebenenmaske getan werden.«“

Vielleicht soll das ja lustig sein. Auf dem Niveau einer Schülerzeitung ist es das sicherlich auch, so wie der Rest des Heftes. Würde es einer meiner Kollegen wagen, einen Text auf dem sprachlichen Niveau des Editorials jenes Magazins anzuliefern … Aber keine Sorge, würde er nicht. Auch für uns schreiben schon mal Autoren, in deren Manuskripten in fünf Sätzen dreimal vorkommt „können Sie“. Allerdings läuft bei DOCMA jeder Artikel durch sieben bis acht (ja, Sie haben richtig gelesen!) Korrekturstationen, und danach steht das nicht mehr dort.

Dabei bügeln wir nicht nur Tippfehler und stilistische Mängel aus, sondern ebenso Gedankensprünge, unzureichende Erklärungen, didaktische Mängel, fehlender Bezug zur Abbildung (oder umgekehrt: ein Bild visualisiert den Text nicht hinreichend), bis hin zu unschönen Trennungen. Man kann offensichtlich auch Hefte produzieren, die auf alles das verzichten und erstaunlicherweise trotzdem Käufer finden.

Dieser Korrekturprozess bei DOCMA ist sehr langwierig, für die Autoren mitunter nervend, und zudem recht kostenintensiv. Aber wir meinen, dass unsere Leserinnen und Leser Anspruch auf Tutorials haben, aus denen sie wirklich etwas lernen.

  1. OttoHeinz

    Na ja- solche Sachen wie mit dem Diarahmen verbuche ich unter „künstlerischer“ Freiheit. Gerade wer mit PS arbeitet sucht ja das Besondere bis Absurde (http://www.docma.info/blog/coole-montagen?hlst=Coldplay+).

  2. Doc Baumann

    Ich verbuche das in einem Tutorial über einen vorgeblichen Retrolook nicht unter künstlerische Freiheit. Das könnte man in einem Kreativ-Workshop machen, wo es um was anderes geht. Wenn ich zeigen will, wie man einen Filmstreifen nachahmt, muss der auch aussehen wie ein Filmstreifen; da kann ich auch keine quadratischen oder kreisrunden Perforationsstreifen verwenden oder ein vertikales Bildformat. Wie sollen Anwender etwas lernen, wenn man ihnen falsche Darstellungen vorsetzt? Außerdem war das Ergebnis nicht sonderlich „künstlerisch“ … Doc B.

  3. kkm3105

    Da ich keine anderen Hefte über PS lese, nehme ich den Artikel schmunzelnd zur Kenntnis. Was ich aber aus eigener Neugierde im Netz – speziell bei youtube – so alles an Tutorials gefunden habe, erfüllt z.T. den Tatbestand bewußter Irreführung. Manches ist aber auch durchaus dem Bereich Komik zuzuordnen.
    Es reicht halt nicht, sich ein Programm zur Monitoraufnahme zu kaufen und ein 5-Euro-Mikro, um ein „wirkliches“ Tutorial ins Netz zu stellen. Viele der Belehrenden haben m.E. überhaupt keine Ahnung von Photoshop, geben einfach selbst adaptiertes Wissen von Leuten wieder, die genausowenig Dunst haben.

    Ich empfehle jedenfalls niemandem, sich Problemlösungen aus den Netzwelten zu holen, weil ein Riesenanteil dieser Machwerke derart daneben ist, dass man sich fragt, warum sich der Autor überhaupt die Arbeit gemacht hat.

  4. Tommm

    Hmmm. Was soll ich nun davon halten, wenn ein Publizist die Publikationen anderer Publizisten niedermacht und dabei seine eigene Publikation beweihräuchert?
    Diese Anmerkung wurde von meiner Katze gegengelesen. Die Häufung eines bestimmten Wortstamms, ist absichtlich beabsichtigt.

  5. eitschpii

    Schauen wir auf die Docma-Titelseite von Ausgabe 4, 2006, zurück. Die mit dem Selbstbausatz DOCMAtometer. Da haben wohl alle acht Korrekturstationen versagt. Aber grundsätzlich haben Sie recht. Was mir auch aufgefallen ist: Viele dieser Magazine stammen von englischen Originalen ab und werden, halbherzig auf Deutsch übersetzt, ins ursprüngliche Layout gepresst. Aus Platzgründen sind dann ganze Sätze ins Unverständliche gekürzt oder einfach weggelassen worden. Peinlich wird es, wenn die deutschen Anleitungen und Programmbefehle mit Screenshots der englischen Version bebildert werden. So erklärt sich auch das sprachliche Niveau. Die Texte werden von Übersetzern ohne Photoshop-Erfahrung oder von Photoshop-Kennern mit ungenügenden Deutsch-Kenntnissen übersetzt und lektoriert…. EitschPii

  6. f-media

    Mir ist völlig unverständlich, wieso man diese unzähligen „Kreativ“-Filter gut finden kann, die die vielen Fehler, die man bei der Analogfotografie machen kann und bei der heutigen Technologie nicht mehr auftreten wieder erzeugt. Vielleicht haben die Leute nicht den Frust erlebt, den man hatte, wenn man nach Stunden in der Dunkelkammer auf den Abzügen Fehler wie Kratzer oder Staub fand. Heute legt man auf ein technisch einwandfreies Bild einen Staub- und Kratzerfilter, immitiert Falschentwicklungen, Lichteinfälle u.a. mehr. Als einzelner Gag mag das mal nett sein, aber Fotofehler aus der analogen Zeit als neuen kreativen Bildlook vorzustellen, finde ich als völlig absurd. Ich genieße es, dass nicht mehr so viele frustrierende Stunden in der Dunkelkammer verbringen muss, um meine Bilder zu bearbeiten. Aber es hat auch etwas für sich, gelernt zu haben, mit einem Film mit 36 Bildern auszukommen und nicht wahllos die Kamera in alle Richtungen zu halten, Bilderschrott zu produzieren und anschließend höchstkreativ einen analogen Kreativfilter drüber zu legen. Motto: Das Bild an sich ist Sch…., aber mit dem Rausch- und Kratzerfilter ein Kunstwerk.

Mitdiskutieren