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Gedankenfotografie

Können Sie die geplante Location für den Foto-Shoot wegen der aktuellen Reisebeschränkungen nicht erreichen? Genügen Ihre Photoshop-Fertigkeiten nicht, um das Bild zu faken? Kein Problem: Konzentrieren Sie sich auf das gewünschte Bild, projizieren Sie Ihre Gedanken auf den Sensor, und voilà – da ist das Bild auch schon auf der Speicherkarte!

Glauben Sie nicht? Zugegeben: Ich glaube es auch nicht. Aber fünf italienische Psychologen haben jüngst eine wissenschaftliche Arbeit („Modern Thoughtography: Mind Interaction at a distance with digital camera sensors: a pilot study“) auf einem Preprint-Server veröffentlicht, die die Möglichkeit einer solchen Gedankenfotografie beweisen soll.

Nun ist die Gedankenfotografie ein alter Hut. In den 60er Jahren machte ein arbeitsloser Hotelpage namens Ted Serios von sich reden, der per Gedankenkraft Bilder auf Polaroids bannte. Oft war nicht viel darauf zu erkennen, aber Jule Eisenbud, ein Psychiater, der einen Narren an Serios gefressen und ein Buch über ihn geschrieben hatte, behauptete, darauf sei die Oberfläche des Jupiter-Monds Ganymed zu sehen. Tatsächlich projizierte Serios mit seinem „Gizmo“, das er zur Konzentration seiner Gedanken auf die Kamera benötigte, Fotos in das Objektiv.

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Ein Dreieck, per Gedankenkraft auf den Sensor einer Nikon D850 gebannt.

Die italienischen Wissenschaftler haben solche Manipulationsmöglichkeiten ausgeschlossen, denn für ihre Experimente haben sie die Kamera – eine Nikon D850 – lichtdicht verpackt und von einem Timer fernausgelöst. Zudem befand sich nicht einmal ein Objektiv auf der Kamera, sondern nur der lichtdichte Gehäusedeckel. Die Sender der Gedankenbilder (drei in dieser Hinsicht erfahrene Testpersonen, was immer das bedeuten soll) haben sie per Skype kontaktiert und zur telepathischen Übertragung der Bilder aufgefordert.

Um es nicht allzu schwer zu machen, schränkten sie die Auswahl der Motive auf geometrische Figuren (Kreis, Quadrat, Dreieck und Kreuz), Buchstaben (E, H, U, X und π) und Ziffern (4 und 7) ein. Die im NEF-Format gespeicherten und danach ins DNG-Format konvertierten Aufnahmen mit einer Belichtungszeit von 30 Sekunden wurden auf 32 × 32 Pixel verkleinert und dann mit einem Matlab-Programm ausgewertet.

Die Gedankenfotografie sollte als erfolgreich gelten, wenn eine Aufnahme dem übertragenen Bild ähnlicher war als die Bilder, die beim Senden der anderen Motive aufgenommen wurden. Das war ein ausgesprochen schwaches Kriterium, denn es konnte auch von einem Bild erfüllt werden, das keinerlei offensichtliche Ähnlichkeit mit der Vorlage hat. Trotzdem war es nicht schwach genug, denn von den insgesamt 48 Versuchen war kein einziger erfolgreich. Erst nachdem die Forscher das Kriterium „Helligkeit“ aus der Beurteilung der Ähnlichkeit herausgenommen hatten (es blieben „Kontrast“ und „Struktur“), konnten sie sieben „erfolgreiche“ Übertragungen verbuchen: Der Kreis, das Dreieck sowie die Buchstaben E, H und π kamen jeweils einmal an und der Buchstabe X sogar zweimal. Seltsamerweise gelang das jedoch nur einmal in dem Zeitraum, in dem die Versuchspersonen die Bilder aktiv sendeten, meist jedoch innerhalb der fünf Minuten davor, in denen die vom Intervall-Timer gesteuerte Kamera bereits Aufnahmen gemacht hatte (insgesamt wurden bei jedem Übertragungsversuch 36 Bilder belichtet).

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Das übertragene E weist trotz der extremen Verstärkung minimaler Unterschiede zwischen den Bildpixeln nur eine geringe Ähnlichkeit mit dem Vorbild auf.

Leider stellen die Wissenschaftler keine unbearbeiteten Bilder zur Verfügung, sondern nur Falschfarben-Versionen der erfolgreichsten Übertragungen, in denen minimale, wohl auf Rauschen beruhende Unterschiede zwischen den Pixeln extrem hervorgehoben sind. Das spricht dafür, dass die vermeintlichen Erfolge schlicht dem Zufall zu verdanken sind. Die Zahl der Versuche (48) muss mit der Zahl der Aufnahmen pro Versuch (36) multipliziert werden, so dass die sieben „erfolgreichen“ Übertragungen nur 0,4 Prozent ausmachen.

Was aber, wenn doch etwas daran sein sollte? Wenn schon der Gedanke eines – möglicherweise weit entfernten – Menschen an ein Bild die Sensoren unserer Kameras „belichten“ könnte, müssten wir auf rätselhafte Artefakte in unseren Fotos gefasst sein, die nichts mit dem Motiv zu tun haben. Achten Sie mal darauf …

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Michael J. Hußmann

Michael J. Hußmann gilt als führender Experte für die Technik von Kameras und Objektiven im deutschsprachigen Raum. Er hat Informatik und Linguistik studiert und für einige Jahre als Wissenschaftler im Bereich der Künstlichen Intelligenz gearbeitet.

Kommentar

  1. Hmmmmh…was soll man nun daraus schließen? Die beiden hier gezeigten und vermutlich besten Ergebnisse der gesamten Serie
    sind tatsächlich verblüffend. Wie die Autoren aber selbst schreiben, war das Projekt nicht mehr als eine Pilotstudie,
    deren Ergebnisse nur eine Basis für weitere und umfassendere Versuche sein kann.
    Es wäre interessant zu erfahren, was dabei herausgekommen wäre, hätte man statt nur einer Kamera mehrere (verschiedene) gleichzeitig eingesetzt. Was, wenn sich das “Medium” direkt neben der Kamera befindet -erzeugt es dann vielleicht ein
    “stärkeres” Abbild? Und: Bleibt der Sensor “schwarz”, wenn das Medium sich auf gar kein Muster konzentriert?
    Mehr Fragen als Antworten…ein spannendes (und unterhaltsames) Randthema.

    Ted Serios und seine “Gedankenfotografie” im Video:
    https://nowhere-nowhere.org/2017/12/17/die-psychischen-polaroidfotos-von-ted-serios/

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