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Bildkritik: Schräge Möbel

Bildkritik: Schräge Möbel
Schräge Möbel: Mit den vier Tischen aus einer Werbung von XXXLutz stimmt doch irgendetwas nicht …

Perspektivefehler gehören zu den häufigsten Mängeln bei Bildmontagen. In diesem Fall war die Konstruktion zugegebenermaßen nicht ganz einfach, da es tatsächlich um schräge Möbel geht: Beistelltischchen mit einer rautenförmigen Platte. Das Ergebnis der XXXLutz-Werbung lässt den Betrachter jedenfalls an seiner Wahrnehmung zweifeln. Doc Baumann erklärt, warum das so ist.

Wie so oft stellt sich bei dieser Montage die Frage: Warum haben die Leute die vier Beistelltischchen links unten nicht gleich mit fotografiert, statt sie mühsam und falsch in die Szene zu montieren? Denn so sind ziemlich schräge Möbel entstanden, die man eigentlich nicht im eigenen Wohnzimmer stehen haben möchte – die Gefahr, dass darauf abgestellte Gegenstände herabrutschen und auf dem Boden zerschellen, scheint doch zu groß.

Die Frage nach der Fotografie ist sicherlich gerechtfertigt, aber nicht unser Problem. Wir wollen eher herausfinden, was hier falsch gelaufen ist. Schauen wir zuerst einmal, was auf dem Bild zu sehen ist: Neben der übrigen Wohnzimmereinrichtung vier kleine Tische, die sehr, sehr merkwürdig aussehen. (Kennen Sie die Horrorgeschichten des amerikanischen Autors H.P. Lovecraft? Der schrieb, um das Unheimliche und Sinnesverwirrende einer Situation zu umreißen, immer wieder von „nichteuklidischen Geometrien“. Ein ähnlicher Schwindel erfasst den Betrachter hier. Natürlich auch die Betrachterin: Zugesandt hat uns dieses schöne Beispiel Waltraud Ingerl.)

Zunächst geht man gewohnheitsmäßig davon aus, die Tischplatten seien quadratisch, und die des Möbelstücks ganz vorn scheint diese Annahme zu stützen. Bei der dahinter kann man es sich mit etwas Mühe auch noch vorstellen. Die beiden übrigen, rechts und links, sind allerdings so schräge Möbel, dass man sich zunächst fragt, mit welchen Verzerrungswerkzeugen der Monteur das wohl hinbekommen haben mag.

Schräge Möbel: Rauten statt Quadrate

Man ist in diesem Bereich ja Schlimmes gewohnt und denkt sich: Na ja, irgendwie hat er es geschafft, die Tischplatte wie eine Raute aussehen zu lassen statt wie ein Quadrat. Und wenn es nun tatsächlich Rauten wären? Sind dann zwei Tische rautenförmig und zwei quadratisch? Oder drei so und einer anders (egal wie herum)? Oder alle rautenförmig?

Ein Blick auf die kleinen Abbildungen links unten schafft ein wenig Klarheit. Zwar geht es da mit der perspektivisch falschen Montierererei munter weiter, aber man kann erahnen: Alle Tische haben Rauten-Platten.

Damit sind wir einen Schritt weiter. Wir hatten lediglich fälschlich angenommen, die Tischplatten seien quadratisch, weil das ihre übliche und daher erwartete Form ist. Stimmt die Montage also doch?

Bildkritik: Schräge Möbel
Warum fotografiert man so ein Ensemble nicht einfach? Dass hier vier rautenförmige Tischchen zusammengestellt wurden, kann man nur erahnen. Nicht mal die Streben enden ordentlich unter den Ecken der Tischplatten.

Schräge Möbel: In die Flucht(linien) geschlagen

Lassen wir mal einen Augenblick unsere betrugsanfällige Wahrnehmung außer Acht und betrachten das Ganze konstruktiv. Lässt sich überprüfen, ob die Tischchen richtig oder falsch abgebildet sind? Na klar, mit einer einfachen perspektivischen Linienzeichnung.

Offenbar ist die Ausgangsszene die mit dem grauen Sitzmöbel und dem Dielenboden. Wenn sie erwartungsmäß fotografiert und nicht montiert ist, sollten alle Fluchtlinien durch – in der Realität parallele – Objektkanten in einem Punkt zusammenlaufen. In unserer Rekonstruktion sind das die grünen Linien. Sie lassen sich auch auf die einzelnen Dielenbretter übertragen (orange Linien). Alle konvergieren im Fluchtpunkt links oben außerhalb der Szene.

Eine waagerechte Linie durch diesen Punkt legt den Horizont (gepunktete Linie oben) fest – und damit auch die Höhe der Kamera bei der Aufnahme. Nach den Gesetzen der Perspektive  müssen alle Fluchtlinien von Objekten dieser Szene, die auf demselben Boden stehen, auf diesem Horizont zusammenlaufen.

Das gilt natürlich auch dann, wenn solche Objekte keinen rechteckigen, sondern einen rautenförmigen Grundriss haben, und ebenso, wenn ihre Kanten nicht parallel zu denen der anderen Möbel stehen. Auch dann konvergieren ihre Fluchtlinien auf dem Horizont, lediglich an einer anderen Stelle als bei unserem bereits vorhandenen Fluchtpunkt. (Sehr viel schwieriger wird es bei unregelmäßig geformten Gegenständen wie etwa einem Klumpen Knetmasse – aber damit haben wir es erstens hier nicht zu tun, und zweitens wäre es in einem solchen Fall auch sehr schwierig nachzuweisen, dass die Montage perspektivisch nicht stimmig ist.)

Bildkritik: Schräge Möbel
Das Einzeichnen von Fluchtlinien und Horizont hilft dabei festzustellen, was hier nicht stimmt.

Schräge Möbel: Falsche Fluchtpunkte

Jede Seite unserer Beistelltische ist ein Rechteck aus drei Streben und der Deckplatte und kann daher mit Fluchtlinien kontrolliert werden. Bei dem Tisch ganz links treffen sie – rot – wenigstens in einem Punkt zusammen; allerdings liegt der weit unter dem bildbestimmenden Horizont. Der Tisch kippt also optisch stark nach hinten. Bei den anderen beiden hinten und rechts ist es ähnlich.

Am schlimmsten ist allerdings die Montage des vorderen Tisches, denn bei ihm laufen die Fluchtlinien (blau) nicht zusammen, sondern auseinander! Der erste Eindruck, dass man sich an schrägen Möbeln stört, wird also konstruktiv bestätigt.

Dasselbe gilt für die kleinen Abbildungen links, die drei Variationen der Tischkombination zeigen. Hier stimmen nicht einmal mehr die Darstellungen der Streben, die mitunter an beliebigen Stellen unter der Tischplatte enden, aber nicht unter einer Ecke. Hier fragt man sich erst recht, warum die Möbelstücke nicht einfach fotografiert wurden.

Was hier analytisch vorgeführt wurde, ließe sich in ähnlicher Weise selbstverständlich auch bereits bei der Konstruktion der Montage einsetzen – wenn man sich denn ein wenig mit den Regeln der Perspektive auskennt. Selbst ein unglücklich fotografierter Tisch lässt sich mit der perspektivischen Transformation von Photoshop CC recht gut den räumlichen Bedingungen einer Szene anpassen; der Horizont ist ja bekannt.

Schräge Möbel: Der gespiegelte Stuhl

Fast noch „schöner“ als die schrägen Tische ist übrigens ein Stuhl von der Webseite des Möbelhauses. Dass dieses Produkt zur Zeit nicht verfügbar ist, kann man gut verstehen, denn auf diesen Stuhl möchte sich niemand freiwillig setzen.

Dabei ist mit dem Stuhl selbst eigentlich alles in Ordnung – wäre da nur nicht seine „Spiegelung“ auf dem Boden. Das Objekt wurde so stark von unten aufgenommen, dass das Stuhlbein hinten links „länger“ erscheint als das vorn rechts. Das ist perspektivisch völlig in Ordnung. Es setzt allerdings voraus, dass der Aufnahmepunkt unterhalb des Bodens liegt. Auch das ist ohne weiteres möglich.

Unmöglich ist jedoch, dass dann die Spiegelung der vier Stuhlbeine zu sehen ist, denn dafür müsste sich die Kamera natürlich oberhalb des Bodens befinden. Die dennoch sichtbare Reflexion erinnert an Bilderbücher zu sogenannten unmöglichen Objekten.

Bildkritik: Schräge Möbel
Oh, oh – ein Stuhl, von unten fotografiert – und trotzdem sieht man die Spiegelung seiner vier Beine am Boden. Bemerkenswert!

Parallel zum DOCMA Award entscheidet die Jury traditionsgemäß auch über die schlimmste Montage des vorausgehenden Jahres. Leider wollte bisher noch kein „Preisträger“ (Auftraggeber, Agentur oder Grafiker) unseren Bad-Pixel-Award bei der Ausstellungseröffnung entgegennehmen.

Sie können einen wertvollen Sachpreis gewinnen, wenn die Jury die von Ihnen eingesandte Montage aus den Medien zur allermisslungendsten erklärt. Senden Sie einen Scan oder Screenshot der Montage (Werbung, Illustration, Redaktionelles) an und schreiben Sie bitte dazu, in welcher gedruckten oder digitalen Quelle Sie das Bild gefunden haben, dazu das Datum, und lassen Sie uns bitte auch wissen, was Sie am jeweiligen Bild als falsch einschätzen.

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Hans Baumann

Doc Baumann befasst sich vor allem mit Montagen (und ihrer Kritik) sowie mit der Entlarvung von Bildfälschungen, außerdem mit digitalen grafischen und malerischen Arbeitstechniken. Der in den Medien immer wieder als „Photoshop-Papst“ Titulierte widmet sich seit 1984 der digitalen Bildbearbeitung und schreibt seit 1988 darüber.

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