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Canons und Nikons Dilemma auf dem Weg in die spiegellose Zukunft

Dass Canon und Nikon an neuen, spiegellosen Kamerasystemen arbeiten, pfeifen die Spatzen von den Dächern. Aber wie werden die neuen Systeme aussehen, und was bedeuten diese Entwicklungen für die etablierten Spiegelreflexsysteme und deren Nutzer? Was Canons und Nikons Dilemma auf dem Weg in die spiegellose Zukunft betrifft, folgen hier einige Überlegungen.

Canon und Nikon waren lange Zeit unangefochtene Marktführer, und ihr Ziel muss es sein, eine Spitzenposition zu behaupten. Der Markt beginnt sich jedoch zu bewegen und in Deutschland beispielsweise hat Sony den vermeintlich ewigen Zweiten Nikon schon auf den dritten Platz verdrängt. Aber auch Canon muss sich angesichts eines stagnierenden SLR-Markts neu orientieren. Gerade der Erfolg der Spiegelreflexsysteme von Canon und Nikon schafft aber auch Probleme: Wie sollen sich spiegellose Systeme gegenüber diesen positionieren? Je überzeugender ein neues System ist und je eher es auch alle Anforderungen erfüllen kann, für die man bisher auf eine DSLR gesetzt hat, desto mehr stellt es die weitere Existenz des etablierten Systems in Frage. Es wäre nicht wirtschaftlich, dauerhaft zwei Systeme mit vergleichbarer Leistung für dieselben Zielgruppen zu pflegen, und so stehen Canon und Nikon vor einem Dilemma: Wenn ihre neuen Systeme überzeugen, könnten die Investitionen in ihr Spiegelreflexsystem bedroht erscheinen, und wenn sie das neue System künstlich beschränken, bleibt eine gefährlich offene Flanke gegenüber dem umtriebigen Newcomer Sony.

Aus einer technischen Perspektive wäre es klar, wie ein neues, spiegelloses System aussehen müsste. Die Kameras müssten ein großes Bajonett mit kurzem Auflagemaß haben, das folglich inkompatibel zu den bestehenden Anschlüssen wäre. Vorhandene Objektive ließen sich allerdings über einen Adapter nutzen, der alle von DSLRs bekannten Funktionen unterstützt. Um den maximalen Nutzen aus dem kurzen Auflagemaß zu ziehen, wäre die Entwicklung neuer Objektive für den neuen Anschluss nötig – insbesondere im kürzeren Brennweitenbereich. Spiegelreflexfotografen könnte bei der Vorstellung eines solchen System allerdings der begründete Verdacht befallen, dass ihre Ausrüstung auf Dauer obsolet sein wird. Vieles davon lässt sich zwar noch auf Jahre hin nutzen, und es wird vermutlich auch noch neue DSLR-Gehäuse geben, aber langfristig geht es mit dem alten System zu Ende – technologische Neuerungen wird es bald nur noch im neuen System geben.

Canon wie Nikon werden sich gut überlegen, ob sie einen neuen Anschluss einführen sollen. Dass Canon vor mehr als 30 Jahren das EF-Bajonett eingeführt hat, immerhin das bis heute modernste SLR-Bajonett, nehmen diesem Hersteller noch immer manche Fotografen übel, die in das Vorgängersystem investiert hatten. Ein neues Bajonett würde unweigerlich Reaktionen der Art „Canon wechselt alle naslang seinen Objektivanschluss und verärgert seine Kunden“ provozieren. Nikon hat sein altes Bajonett lediglich immer wieder modifiziert, hat dabei aber eine Kompatibilität grundlegender Funktionen bewahrt, was ihnen viele hoch anrechnen. Ein neuer Anschluss für ein spiegelloses System würde Nikon diesen Vorteil nehmen. Wann immer ein Hersteller seinen Kunden nahelegt, sich neu zu orientieren, besteht ja die Gefahr, dass sie nicht innerhalb des Portfolios wechseln, sondern auch zu den Angeboten der Mitbewerber schauen. Wenn man schon in eine neue Ausrüstung investieren muss, könnte man schließlich auch gleich den Hersteller wechseln.

Die konservative Alternative wäre, spiegellose Kameras innerhalb des vorhandenen System zu entwickeln, den Objektivanschluss also beizubehalten. Die Gehäuse könnten dann zwar flacher gebaut werden, da ja Spiegel, Einstellscheibe und Prisma wegfallen, aber damit das Auflagemaß gewahrt bliebe, müsste die Kamera vorne eine Art Stutzen von gut zwei Zentimetern Länge haben. Das sieht nicht nur unschön aus, es macht es auch unmöglich, die potentiellen Vorteile eines spiegellosen Systems zu verwirklichen – bei kurzen Brennweiten wären immer noch große und schwere Retrofokalobjektive nötig. Dabei würde ein fest verbauter Stutzen kaum Vorteile gegenüber einem Adapter bieten – das Argument für die konservative Lösung wäre nicht technisch, sondern psychologisch: Man gäbe den Kunden damit das angenehme Gefühl, schon vor Jahren auf das immer noch richtige System gesetzt zu haben. Allerdings würde man sich auf Dauer völlig unnötige technische Beschränkungen einhandeln, was sich im Wettbewerb als entscheidender Nachteil erweisen könnte.

Meine Position ist, dass Canon und Nikon die technisch beste und zukunftsträchtigste statt der kompatibelsten Lösung wählen sollten. Aber zugegeben – ich habe weder in das Canon- noch in das Nikon-System investiert und kann die Entwicklung daher auch ganz gelassen verfolgen.

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  1. midnightjazz

    Also ich habe einige Zeit in Canon investiert, habe dann aber die Fuji X-T1 kennengelernt… Da war es dann aus mit Canon. Leider waren die Preise dafür schon weiter unten, aber es hat sich gelohnt. Aber ich muß auch nicht jede Neuerung (24,36,50 Mio.Pixel) mitnehmen.

  2. herbi79

    Tja, das Bessere war schon immer der Feind des Guten… 🙂

  3. chrispic61

    Der letzte Absatz bring es auf den Punkt, wenn nicht eine herausragende Verarbeitung mit längerer Lebensdauer, wie auch eine Top Bildqualität geboten wird sollten Beide erst gar nicht anfangen. Da es vom Rest mehr wie genug gibt und man zumindest mit Fujifilm gleichziehen sollte und ein Mehrwert geboten werden muss um möglicherweise den Adapter für die Altobjektive zu akzeptieren.

  4. kkm3105

    Ich habe den Gegenwert eines Mittelklassewagens in eine komplette Nikonausrüstung gesteckt und werde deshalb kaum auf eine neue Technik aufspringen, vor allem wenn die Anschlüsse inkompatibel sein sollten.

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