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Bokeh-Überdruss

Alle reden von Bokeh, aber keiner tut etwas dagegen … Ernsthaft: Ist die Begeisterung über lichtstarke Objektive, die Motive offenblendig vor einem extrem unscharfen Hintergrund abbilden, bloß ein Hype, dessen Zeit langsam vorüber geht?

Okay, „Bokeh“ ist der falsche Begriff, auch wenn er in diesem Zusammenhang gern verwendet wird. Er bezeichnet schließlich die Qualität, die besondere Art der Unschärfe außerhalb der Schärfenzone, und nicht deren Quantität – also den Grad der Unschärfe. Niemand hat etwas gegen ein angenehmes, weiches Bokeh, aber muss der Hintergrund wirklich so unscharf sein, dass man nichts mehr erkennen kann?

Bokeh-Überdruss
Tony Northrup erklärt, warum sich 4K-Video nicht gegen HD durchsetzen konnte, aber wo um alles in der Welt ist er? Der unscharfe Hintergrund verrät nichts.

Das Videoblog „Camera Conspiracies“ hat jüngst mit beißendem Spott die Sucht nach immer mehr Hintergrundunschärfe kritisiert, wie sie beispielsweise ein YouTube-Video von Tony Northrup illustriert. Northrup erklärt darin, weshalb kaum jemand – auf YouTube – 4K-Video nutzt, und der allergrößte Teil des Contents nach wie vor in einer HD-Auflösung heraufgeladen wird. Dagegen lässt sich wenig sagen, denn das ist halt so – alle reden von 4K, aber in der Praxis braucht man es nicht. Aber in Northrups Video, das er mit einem 50 mm f/1.2 Objektiv an einer Canon EOS RP aufgenommen hat, fällt vor allem der unscharfe – praktisch gar nicht existente – Hintergrund auf. Camera Conspiracies irritiert das, denn da agiert ein Mann in einem unbestimmbarem Nirgendwo – das Video hätte überall auf der Welt aufgenommen sein können.

In der Welt, wie wir sie sehen, gibt es keine Unschärfe. Unsere Augen haben zwar eine begrenzte Schärfentiefe, aber wir können ja ohnehin nur in einem sehr kleinen Teil des Sehfelds wirklich scharf sehen, müssen unsere Umwelt daher Punkt für Punkt abtasten, und da das Auge jedes Detail scharfstellt, das es betrachtet, sehen wir immer scharfe Bilder – wenn nicht, dann sind wir fehlsichtig und brauchen eine Brille oder Kontaktlinsen, um wieder eine scharfe Abbildung sicherzustellen. Während das Auge in Sakkaden auf einen anderen Punkt einschwenkt oder während es fokussiert, ignoriert das Gehirn die Signale der Sehzellen, und aus den scharfen Bildern erzeugt es ein Modell der Welt.

Eine Freistellung des Motivs ist bei Videos ohnehin kaum ein Thema, denn allein die Bewegungen des Motivs reichen, es vor dem unbewegten Hintergrund abzuheben. Aber auch in der Fotografie kann man sich fragen, ob der Hintergrund so unscharf abgebildet werden sollte, dass man den Kontext nicht mehr identifizieren kann. Vor hundert Jahren setzten Fotografen wie Erich Salomon hoch lichtstarke Objektive ein, um – unbemerkt – mit dem vorhandenen Licht arbeiten zu können, aber eine geringe Schärfentiefe galt damals noch nicht als erstrebenswert. Heute erreichen die Kameras ISO-Werte, die auch mit mäßigen Lichtstärken noch eine Available-Light-Fotografie erlauben, weshalb extreme Lichtstärken eher von Bokeh-Fetischisten geschätzt werden. Aber gewinnen unsere Bilder wirklich, wenn man in einem Porträtfoto nicht einmal beide Augen scharf abbildet, von der Nasenspitze ganz zu schweigen?

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Michael J. Hußmann

Michael J. Hußmann gilt als führender Experte für die Technik von Kameras und Objektiven im deutschsprachigen Raum. Er hat Informatik und Linguistik studiert und für einige Jahre als Wissenschaftler im Bereich der Künstlichen Intelligenz gearbeitet.

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Kommentar

  1. In der Welt, die wir sehen, ist es allerdings auch so, dass wir erstens dreidimensional sehen, und zweitens ununterbrochen in Bewegung sehen. Selbst wenn ein unbewegliches Objekt vor einem unbeweglichen Hintergrund angeschaut wird, bewegt sich zumindest der Kopf, meist der ganze Körper etwas.
    Ein Foto ist dagegen immer ein Abklatsch der Wirklichkeit, ein Moment festgehaltener Vergangenheit. Üblicherweise zweidimensional. Nicht, wie bei einem Hologramm, kann man um ein dargestelltes Objekt herum wandern, es auch seitlich betrachten.
    Gezielte Unschärfen sind ein Stilmittel, entsprungen aus den systembedingten Schwächen von optischen Systemen.
    Genau wie man wegen der Beschränkung auf schwarzweiß Filmmaterial versucht hat, die Stärken dieser beschränkten Technik herauszuarbeiten, nutzt man eben die optischen Beschränkungen der Schärfentiefe durch maximale Nutzung für vorteilhafte Bilder.
    Im obigen Beispiel ist wohl klar, dass es schnurzegal ist, wo dieser Mann die vermeintlichen Vorteile von HD gegenüber 4K erklärt. Also wird eben jeder Foto- und/oder Videograf entscheiden müssen, wann mehr Schärfentiefe für die momentane Aufnahme wichtig ist. Wie würden denn die vielen arbeitslosen Kameraassistenten ihre Brötchen verdienen, müssten sie keine Schärferegelung an den Objektiven der Filmkameras mehr vornehmen.:)
    Viele haben ein f1.2-Objektiv und manche wissen auch, wann sie es wie sinnvoll einsetzen. Jedenfalls sparsam.

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