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Am Anfang war das Bild – EC Comics

Die Geschichte der EC Comics

Falls der gewaltige Bildband zum Thema Fantasy Art, den ich Ihnen im letzten Blog-Beitrag vorgestellt hatte, Ihr Interesse gefunden haben sollte, möchte ich heute einen nicht weniger gewaltigen über die Geschichte der EC Comics nachreichen. Auch er eignet sich bestens als opulentes Weihnachtsgeschenk – diesmal für alle Comic-Fans.

Am Anfang war das Bild – EC Comics
p. 508 Detail from the cover of Three Dimensional Tales from the Crypt of Terror No. 2,
Spring 1954. Art by Al Feldstein. Copyright: TM & © William M. Gaines Agent, Inc.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass jene Horror-, Science Fiction- und Crime-Comics, die Mitte der 50er Jahre in den USA zur Gründung der „Comics Code Authority“ – also einer vorgeschalteten Selbstzensur – geführt haben, ausgerechnet von einem kleinen Verlag herausgebracht wurden, der seine Bilderheftchen-Reihe nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit „Picture Stories from the Bible“ begonnen hatte. Der Verlagsname EC stand zunächst für „Educational“, später für „Entertainment Comics“.

Am Anfang war das Bild – EC Comics
p. 376 The cover of one of the three issues of the Tales of Terror annuals, issued in 1951. Cover art by Al Feldstein. Copyright: TM & © William M. Gaines Agent, Inc.

EC Comics wurden allerdings erst zu dem, wofür sie heute zu Recht ehrenvoll erinnert werden, nachdem William Maxwell Gaines, der Sohn des Verlagsgründers, nach dessen Tod die Geschäftsführung übernommen hatte. Nachdem in den Anfangsjahren Bildergeschichten für Kinder erschienen waren, wandte sich der Verlag nun einer neuen Zielgruppe zu und publizierte zunächst Western- und Kriminalgeschichten, dann vor allem Horror und Science Fiction. Reihen wie „The Vault Of Horror“, „Tales From The Crypt“ (bzw. „The Crypt Of Terror“), „The Haunt Of Fear“, „Weird Science“, „Weird Fantasy“ oder die (Anti-)Kriegsgeschichten „Two-Fisted Tales“ gelten noch heute unter Kennern als Klassiker des Genres. Einige von ihnen, wie „Tales From The Crypt“, wurden später auch als TV-Serien verfilmt und blieben so in Erinnerung.

Am Anfang war das Bild – EC Comics

Wer nicht Horror, Science Fiction oder Suspense steht, wird vielleicht ein weiteres Produkt der EC Comics kennen – zumal es von diesen Heften auch eine deutsche Ausgabe gab: MAD. Ein erster Anlauf startete 1967; nach 32 Ausgaben wurde der kürzlich verstorbene Herbert Feuerstein Chefredakteur. Erst Anfang letzten Jahres wurde der bislang letzte Versuch eingestellt, MAD auf dem deutschen Markt präsent zu halten. Zur selben Zeit wurde auch das US-Original zu Grabe getragen. (Wozu auch ein solches Magazin, wenn der Präsident jeden Tag mit lächerlichen Verrücktheiten zwischen MAD und Horror aufwartet, die sich fiktional kaum überbieten lassen?)*

Am Anfang war das Bild – EC Comics

Der Taschen Verlag hat es dankenswerterweise übernommen, die Geschichte der EC Comics in einem – wie erwähnt wiederum gewaltigen – Buch von Grant Geissman zugänglich zu machen. Auf fast 600 Seiten und im Großformat von 30 x 40 cm stellt er vielfältiges Material vor und kommentiert es kenntnisreich. Im Vordergrund stehen die Titelbilder (am Ende des Bandes sind alle, die jemals bei EC Comics erschienen, noch einmal chronologisch zusammengestellt). Auch etlicher Seiten mit typischen Comicstories findet man. Von besonderem Interesse sind aber die zahlreichen Dokumente wie Vorzeichnungen, Schwarzweißzeichnungen vor der Kolorierung, Farbentwürfe sowie internes Bildmaterial aus dem Verlag, das eigentlich nicht für eine Veröffentlichung vorgesehen war.

Neben dem Text der Kapitel finden Sie zu jeder Abbildung eine ausführliche Bildunterschrift. Bedauernd anzumerken ist bei diesem Band lediglich, dass er – anders als von solchen Projekten des Taschen Verlags sonst gewohnt –, nur in englischer Sprache erschienen und nicht wie sonst dreisprachig zugänglich ist.

Am Anfang war das Bild – EC Comics
p. 144 Detail from the cover of Shock Suspen-Stories No. 4, August–September 1952.
Art by Wallace Wood. Copyright: TM & © William M. Gaines Agent, Inc.

Für Fans und Praktiker

Meist suche ich für meine Buchbesprechungen Titel aus, die einerseits unter künstlerischen oder anderen Aspekten von Interesse sind (die wenigen Beispiele ausgenommen, wobei ich meine, vor einer Anschaffung aus guten Gründen warnen zu müssen), die aber andererseits auch für docmatische Praktiker einen deutlichen Nutzeffekt haben.

Und den sehe ich in diesem Fall vor allem durch die großformatigen Abbildungen gegeben, aus denen sich die Arbeitsweise der Grafiker sehr gut ablesen lässt. Wer also auf der Suche nach visuellem Referenzmaterial ist, um eigene Bilder oder Typo im Stil der 50er zu gestalten, ist hier an der richtigen Adresse.

Persönlicher Einschub

Erste Anmerkung: Heutzutage braucht man solche groben Punktraster nicht mehr. Farbflächen oder Verläufe lassen sich am Monitor mit einem Klick erzeugen. Wer das sein (Berufs-)Leben lang so gemacht hat, findet das selbstverständlich und muss nicht darüber nachdenken, dass es nicht immer so war.

Ich habe jedenfalls noch ein paar Schubladen voll mit alten Letraset-Rubbelbögen; die gab es nicht nur für außergewöhnliche Typographie, etwa für den Headline-Satz, sondern eben auch für mehr oder weniger grobe Punktraster unterschiedlicher Deckung. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich in den 60er und 70er Jahren Halbtonflächen mit diesem Material darstellte – die Bögen würden auf die Zeichnung gelegt, mit dem Skalpell möglichst exakt ausgeschnitten und dann übertragen. Heute würde man solche Punktrastern fast nur noch dann einsetzen, wenn man nostalgische Effekte erzielen möchte. Und gerade zu diesem Zweck ist der Band von Geissman ein wahres Lehrbuch.

Zweite Anmerkung: Mitte der 50er musste EC seine Horror- und Crime-Comics einstellen, weil sie nicht den Zensuranforderungen des Comic Code entsprachen. Entnervt gaben die Macher auf und verabschiedeten sich in den letzten Ausgaben mit einem Gruß an die Leser, in dem sie ironisch anmerkten, nach Einstellung der Serie würde die Verbrechensrate in den USA sicherlich erheblich sinken.

Anlass dieser Bemerkungen war die Kampagne des Pychiaters und Gerichtsgutachters Fredric Wertham, der mit seinem Buch von 1954 „Die Verführung der Unschuldigen“ Comics als Ursache von Verbrechen und Verrohung glaubte entdeckt zu haben. Zudem störten ihn die hautengen Outfits der Superheldinnen als sexuelle Perversionen ebenso wie das als homosexuell interpretierte Verhältnis von Batman und Robin.

Ich erwähne diese Kampagne deswegen als „persönliche Anmerkung“, weil ich 1990 ein vergleichbares Erlebnis hatte: Damals war mein Sachbuch „Horror – die Lust am Grauen“ erschienen und ich saß als Gast in zahlreichen TV-Talkshows. Zu einer dieser Runden war auch ein Professor eingeladen, der damals in Deutschland eine ähnliche Position vertrat wie seinerzeit Wertham in den USA.

Vor der Sendung hatte mich der Moderator gebeten, ruhig auch mal ein paar provokative Thesen zu äußern; das hatte ich ohnehin vorgehabt: provokativ, aber wissenschaftlich abgesichert. In Anschluss an einen langen Monolog des Professors, in dem er Horrorfilme als Auslöser von Gewaltverbrechen angeprangerte, entgegnete ich mit Bezug auf sein kürzlich erschienenes Buch zum Thema, wenn ich Professor wäre, hätte ich seinen Text wegen methodischer Mängel nicht mal als Examensarbeit durchgehen lassen.

Großer Tumult! Der Herr Professor sprang empört auf: So was müsse er sich im Fernsehen nicht bieten lassen, er gehe! Der im Vorfeld noch so mutige Moderator flehte mich an, ich solle mich für meine Worte entschuldigen. Das lehnte ich ab, war aber gern bereit zu begründen, aus welchen wissenschaftlichen Erwägungen ich zu dieser Einschätzung gekommen sei. Daraus wurde leider nichts mehr, irgendwie glätteten sich die Wogen, der Professor setzte sich und es ging weiter.

Ihnen möchte ich – wenn auch mit dreißigjähriger Verspätung – wenigstens zwei meiner Gründe nennen: In seinem Buch nimmt der Verfasser Bezug auf den Kriegsfilm „The Warriors“ und dessen verrohenden Einfluss auf die Jugend. Dumm gelaufen: Nix Kriegsfilm, trotz Titel – der Film handelt von Streetgangs in New York; der Autor hat ihn also nie gesehen. Peinlicher Umgang mit Quellen! Zweiter Grund: Er beschreibt den Fall eines Jungen, der durch Konsum von Horrorfilmen zu einer Gewalttat inspiriert worden sein soll – berücksichtigt dabei aber nicht, dass dieser Junge schon zuvor psychiatrisch auffällig und in Behandlung gewesen war. Und so weiter.

Ähnlich weit her war es mit Werthams Unterstellungen, die einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhalten. EC musste seine Comic-Reihen dennoch einstellen.

Am Anfang war das Bild – EC Comics
p. 188 A detail from the Wallace Wood cover to Weird Science No. 14, July–August 1952. Copyright: TM & © William M. Gaines Agent, Inc.

Zurück zum Buch: The History of EC Comics

Die Vorwürfe gegen die Horror- und Crime-Comics von EC waren auch deswegen unsinnig, weil in ihnen letztlich stets das Gute siegte und die Bösen bestraft wurden. Sie wandten sich früh gegen Rassismus und Antisemitismus, und die Kriegs-Comics betrieben keinen Hurra-Patriotismus mit heroischem Anspruch, sondern zeigten Kriege als genauso dreckig, brutal und unmenschlich, wie sie tatsächlich waren (und sind). Naheliegend also, dass eine solche Sicht reaktionären Patrioten nicht passte.

So gesehen ist „The History of EC Comics“ nicht nur ein beeindruckender Bildband über die Entwicklung dieser populären Kunstrichtung, sondern auch ein spannendes Stück Zeitgeschichte der 50er, in dem nachzulesen und vor allem zu schauen ist, wie sich die Stimmung einer Zeit (und Gegenbewegungen dazu) in Bildern ausdrücken.

Grant Geissman: The History of EC Comics, Taschen Verlag 2020,
592 Seiten, gebunden, Großformat 30 x 40 cm, 150 Euro,
Sprache: Englisch

* Anmerkung: Übrigens erhielt ich kürzlich eine Nachricht von Facebook, mit Bezug auf meinen Blogbeitrag vom 20. April (!) dieses Jahres. Ich hatte seinerzeit Trump für den Medizin-Nobelpreis vorgeschlagen wegen seiner Idee („Ich bin ein stabiles Genie“), gegen Corona-Viren intravenös Desinfektionsmittel zu spritzen. Facebook teilte mir mit, ich hätte mit diesem Beitrag gegen die Gemeinschaftsregeln verstoßen. Leider weiß ich nicht, gegen welche: Den Präsidenten beim Wort zu nehmen oder potenziell tödliche Tipps für Leute zu geben, die ihre Gesundheitsvorsorge an Vorschlägen auf der Webseite eines Bildbearbeitungsmagazins orientieren? Auf docma.info können Sie den Beitrag weiterhin lesen: https://www.docma.info/blog/medizin-nobelpreis-fuer-praesident-trump?

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Doc Baumann

Doc Baumann befasst sich vor allem mit Montagen (und ihrer Kritik) sowie mit der Entlarvung von Bildfälschungen, außerdem mit digitalen grafischen und malerischen Arbeitstechniken. Der in den Medien immer wieder als „Photoshop-Papst“ Titulierte widmet sich seit 1984 der digitalen Bildbearbeitung und schreibt seit 1988 darüber.

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