What is left

Dramatische Inszenierung

aus DOCMA Heft 3 (2003)

Der Fotograf und Bildbearbeiter Uli Staiger, einer der Gewinner unseres Photoshop Awards 2003, erzählt mit seinen Fotocomposings eindrucksvolle Kurzgeschichten.

Die Bilder von Uli Staiger erzählen Geschichten. Kurze Geschichten. Geschichten aus dem Alltag, von den kleinen, den nebensächlichen Dingen. Durch eine optisch imposante Darstellung setzt er sie allerdings so in Szene, dass der Eindruck entsteht, es handle sich um hochdramatische Ereignisse. Staiger bringt seine Motive visuell in Bewegung. Er inszeniert Zerstörung, ohne dass es gewalttätig wirkt. Die Kombination von Dramatik und Alltäglichkeit kennzeichnet viele seiner freien Arbeiten.

In diesem Bild erzählt er die Geschichte „Eine Tasse geht kaputt“. Besonders fasziniert ihn dabei die fotografische Darstellung von Flüssigkeit im Moment des Überlaufens, weil die damit verbundene Ästhetik nur durch den Vorgang des bildlichen Einfrierens langfristig erhalten, sichtbar und damit erfahrbar wird. Die Idee, den alltäglichen Essunfall des Kaffee-Verschüttens im Foto festzuhalten, hat er über einen längeren Zeitraum mit einigen Foto-Experimenten verfolgt. Allerdings erschienen ihm die Vorstudien in der Wirkung zu langweilig, die reduzierte Abbildung einer ausschwappenden Tasse blieb zu eindimensional.

Die „Reifezeit” des Bildes dauerte übrigens einige Wochen. Je nach Aufwand arbeitet er vier bis vierzehn Tage durchgehend an der Umsetzung eines solchen Motivs.

Uli Staiger, geboren 1966, ging nach seiner Fotografenlehre für eineinhalb Jahre in die USA, um unter anderem bei Neil Molinaro zu arbeiten. Der Rückkehr nach Deutschland folgte ein zweijähriges Studium an der Fachschule für Fotografie in Potsdam, das er als Fotografenmeister und Fototechniker abschloß. 1998 gründete er das Studio „die licht gestalten“ in Berlin, das er bis heute führt.

Email info@dielichtgestalten.de

Website www.dielichtgestalten.de

01 Das Skribble

Der Auslöser war, dass Uli Staiger eine Kaffeetasse aus der Hand fiel. Verärgert über den unnötigen und dabei auch noch teuren Schaden, hob er die Scherben auf und überlegte, wie er sie nutzbringend weiterverwerten könnte. Eine Bildidee ließ nicht lange auf sich warten und wurde umgehend mit Bleistift ins allgegenwärtige Skizzenbuch gescribbelt. Das ist übrigens ein Verfahren, dessen sich viele Kreative bedienen. Zum einen, damit Gedankenblitze nicht verloren gehen. Zum anderen, um Projektideen ruhen lassen zu können und sie aus der zeitlichen Distanz wieder zu überdenken.

02 Die Landschaftselemente

Nachdem ihm klar war, dass er das Bild umsetzen wollte, begann er die Arbeit damit, zunächst auf einen passenden Sommerabend zu warten einen ungewöhnlichen Schönwetterhimmel als Hintergrund aufzunehmen. Danach kaufte er im Baumarkt einen handelsüblichen, schwarzweiß karierten PVC-Bodenbelag und fotografierte diesen im Studio. Um über die nötigen Auflösungsreserven zu verfügen, machte er die beiden Aufnahmen mit einer Fachkamera auf vier mal fünf Inch Planfilm.

03 Der Horizont

Nachdem er das PVC-Stück auf dem Boden ausgelegt hatte, fotografierte er ihn – anders als für das spätere Bild erforderlich – vom Blickwinkel her steiler, damit die Schärfe durchgängig gewahrt bleibt. Nach dem Scannen wird die Hintergrundebene in eine Transparenzebene gewandelt und anschließend in die richtige Perspektive vertikal verzerrt. Zur Verstärkung des räumlichen Eindrucks musste der hintere Bereich mit einer weichen Verlaufsmaske unter Zuhilfenahme der Tonwertkorrektur etwas aufgehellt werden.

04 Die Bodenwelle

Nach verschiedenen Experimenten mit einem flachen Untergrund entschied sich Staiger dazu, das PVC wellenförmig anzulegen. Dazu drehte er das Bild um 90 Grad und bearbeitete es mit einer leichten S-Kurve im Verbiegen-Filter. Anschließend wurde das Bild wieder zurückgedreht. Die bei der Nachbehandlung entstandenen Störungen werden unten abgeschnitten und im oberen Teil gelöscht. Wichtig war es hier, mit dem Filter sehr vorsichtig zu Werke zu gehen, um eine weiche, natürlich erscheinende Wölbung zu gewährleisten.

05 Die Korrektur des Himmels

Bei der Aufnahme des Himmels hat Staiger ein Weitwinkelobjektiv benutzt. Bei Fachkameras bilden sich starke Randabschattungen. Man arbeitet in solchen Situationen zum Ausgleich mit einem so genannten Centerfilter, der den konstruktionsbedingten, optischen Effekt abschwächt. Wer darauf verzichtet, kann die Korrektur auch nachträglich in Photoshop vornehmen: Zunächst malt man im Maskierungsmodus eine weiche Auswahl auf die zu dunklen Bereiche, kehrt diese anschließend um und ändert die Belichtung per Tonwertkorrektur. Um das Blau des klaren Wolkenhimmel übernatürlich kühl und die Wolken in einem wärmeren Gelbton erscheinen zu lassen, wird das Foto anschließend mit verschiedenen Farbkorrekturen nachbehandelt.

06 Die Montage der Landschaft

Der umgefärbte Himmel landet via „drag & drop“ hinter dem verformten PVC-Belag. Um den Eindruck räumlicher Weite entstehen zu lassen, hat Staiger auch hier wieder mit einer Aufhellung im unteren Bereich gearbeitet. Im Detail funktioniert das so: Man wechselt in den Maskierungsmodus, ruft das Verlaufswerkzeug auf und legt über die unteren beiden Drittel des Himmels einen Schwarzweiß-Verlauf. Nach dem anschließenden Wechsel in den Standardmodus wird der so ausgewählte Bildbereich mit einem die Helligkeit steuernden Werkzeug wie der Tonwertkorrektur oder der Gradationskurve soweit angehoben, bis er mit den Tonwerten des angrenzenden Bereichs harmoniert.

07 Der ausschwappende Kaffee

Zur Erzeugung dieser Bildelemente, waren drei Ausgangsfotos nötig: Eine Tasse mit Untertasse in der richtigen Anordnung. Die hier abgebildete intakte Tasse wird im Weiteren aber nur als eine Art „Montage-Raster“ benutzt, um die weiteren Bildteile präzise einbauen zu können. Die Untertasse wurde umgefärbt. Bild zwei zeigt die zerbrochene Tasse, die Staiger für die Aufnahme wieder leidlich zusammengeklebt hatte, Bild Nummer drei ist der Kaffee-„Splash“. Für diese Aufnahme war neben einer speziellen Konstruktion mit einem Klappmechanismus extrem präzises Auslösen nötig. Der Fotograf und sein Assistent brauchten zwanzig Versuche und viel Kaffee bis das Ergebnis stimmte. Die damit verbundene Schweinerei blieb undokumentiert.

08 Der Motivbau

Bis die drei Ausgangsbilder zusammenpassten, mussten sie zunächst alle freigestellt werden. Anschließend wurden die Objekte so gedreht und skaliert, bis die ursprüngliche Tasse nicht mehr zu sehen und der Splash eingebaut war. Die Übergänge entstanden mit dem Stempelwerkzeug.

09 Der Dunstbalken

Bisher war Staiger der Übergang zwischen Himmel und Untergrund trotz der Aufhellungsmaßnahmen noch zu hart und erschien ihm dadurch zu künstlich. Als Abhilfe legte er einen „Dunstbalken“ über die Schnittstelle am Horizont, den er mit einem weichen, weißen Pinsel unter Verwendung unterschiedlicher Spitzengrößen und Deckkrafteinstellungen auftrug.Im Vordergrund ist übrigens noch ein künstlich mit dem Pinselwerkezug angelegter Schatten zu sehen.

10 Die Würfelgeschosse

Als Geschosse fotografierte Staiger zwei Zuckerwürfel digital mit seiner Olympus E-10, da es hier wegen der späteren Größe im Bild nicht so sehr auf eine extrem hohe Auflösung ankam. Der intakte Würfel wurde gleich nach der Aufnahme mit einem Lassowerkzeug freigestellt. Den Würfelbruch dagegen hat er gemäß „ballistischen“ Gesetzmäßigkeiten bei einem Aufprall auf mattem Fotokarton so arrangiert, dass drei erkennbare Bewegungsrichtungen entstehen.

11 Die Geschossmontage

Um die einzelnen Zuckerbruchstücke nicht mühsam freistellen zu müssen, gibt es einen Trick: Zunächst verstärkt man die Schwärzen des Hintergrunds, kopiert das Montageobjekt ins Zielbild und richtet es dort bei halber Deckkraft aus. Anschließend werden über die Ebenenoptionen alle dunklen Bildteile durch Verschieben des schwarzen Dreiecks im Bereich „Diese Ebene“ nach links ausgeblendet. Sollten dabei, wie wie bei den schwarz unterlegten Zuckerwürfeln, harte Kanten entstehen, lässt sich die Ausblendung „einweichen“, indem man bei gehaltener „Alt-Taste“ das Dreieck in zwei Teile teilt, von denen der linke den Anfangs- und der rechte den Endpunkt der weichen Überblendung markieren.

12 Der Rest

Die restlichen Würfel wurden durch gedrehte, gespiegelte und skalierte Versionen des Ausgangs-Zuckerwürfels erzeugt. Noch realistischer hätte das Composing gewirkt, wenn Staiger hier mehrere, den Lichtverhältnissen in der Montage besser angepasste Ausgangsbilder des intakten Zuckerwürfels verwendet hätte. Die später am Tassenrand eingebauten Splitter entstanden aus freigestellten Bruchstücken der kaputten Tasse. Sie tragen merklich dazu bei, dass der Aufprall und damit die Dynamik des Würfelschusses realistisch erscheint.


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Christoph Künne

Christoph Künne ist Mitbegründer, Chefredakteur und Verleger der DOCMA. Der studierte Kulturwissenschaftler fotografiert leidenschaftlich gerne Porträts und arbeitet seit 1991 mit Photoshop.

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