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Fotografieren in der Natur

Fotografieren in der Natur
Foto: David Köster

Von Sachbüchern erhofft sich der Leser Antworten auf konkrete Fragen, und in dieser Reihe befragt Michael J. Hußmann Fachbücher darauf, welche Antworten sie geben können. Die sieben Autoren von „Fotografieren in der Natur“ führen in die Genres, Methoden und Stilmittel der Fotografie in Feld, Wald und Flur ein.

Wohl jeder von uns, der eine Kamera besitzt, fotografiert gelegentlich in der Natur. Mit ernstzunehmender Naturfotografie hat das aber meist nicht viel zu tun, denn dazu muss man auch ein Naturkenner sein. Vor dem Meisterwerk steht die Beschäftigung mit der Landschaft, mit Wind und Wetter sowie der Flora und Fauna, und das spiegelt sich in den sieben Kapiteln von „Fotografieren in der Natur“ wider. Sieben Autoren und sieben Kapitel – man könnte vermuten, dass sich jeder sein Lieblingsthema gesucht hätte – aber tatsächlich erfolgte die Arbeits­teilung kleinteiliger.

Zu jedem Kapitel, von „Wald und Wiese“ bis „Natur kreativ“, haben alle Autoren kürzere Artikel von meist vier bis sechs Seiten beigetragen, die sich jeweils mit einem Spezialthema befassen, was die Lektüre um so abwechslungsreicher gestaltet. Jeder Abschnitt benennt den Schwierigkeitsgrad und die Voraussetzungen, was Kamera, Objektive und Zubehör betrifft, führt in die Thematik ein und beschreibt die einzelnen Schritte zum gelungenen Bild. Diese Step-by-step-Anleitungen sind konkret genug, um nützliche Tipps zu geben, bleiben aber auch hinreichend allgemein, um den Leser in seiner Kreativität nicht einzuschränken. Man muss die 328 Seiten des Buchs nicht am Stück lesen, sondern kann sich auch einen Artikel heraussuchen, der sich gerade den Fragen widmet, die einen beschäftigen. Wir befragen also das Buch, und es antwortet mit der Stimme seiner Autoren.

Wie kann man Blendensterne einsetzen?

Wenn Sie Landschaften im Gegenlicht fotografieren, ist es eine spannende Möglichkeit, die Sonne in das Bild einzubinden. Besonders ästhetisch mutet es an, wenn diese als Stern samt Strahlen auf dem Foto erscheint. Dieses Stilmittel wertet selbst unscheinbare Motive auf (siehe oben).

Suchen Sie sich eine offene Landschaft, in der Sie eine freie Sicht auf die Sonne am Himmel haben. Oft ist ein erhöhter Standpunkt mit Fernblick eine gute Wahl. Sie können die Sonne mit einem Ast, Blattwerk oder Felsen verdecken. Liegen diese hinter dem Nahpunkt, können Sie die Objekte auch als Vordergrund nutzen.

Beim Sonnenstern handelt es sich um einen rein optischen Effekt, den Sie mit bloßen Augen gar nicht sehen. Die Strahlen entstehen durch die Beugung des in das Objektiv einfallenden Lichts an den Blendenlamellen. Die Voraussetzung für einen Blendenstern ist immer eine annähernd punktförmige Lichtquelle, meist die Sonne. Die Blendenstrahlen sind umso ausgeprägter, je weiter die Blende geschlossen ist. Testen Sie, bei welcher Blende Ihres Objektivs Ihnen die Strahlen am besten gefallen. Auf die Anzahl der Strahlen haben Sie keinen Einfluss, da diese von der Anzahl der Blendenlamellen Ihres Objektivs abhängt.

Fotografieren in der Natur
Das Schreckhorn wird durch eine Brennweite von 400 mm in den Fokus gerückt. Die Wolken leiten den Blick zum Bergrücken; dadurch wirkt das Bild trotz der langen Brennweite dynamisch. Foto: Radomir Jakubowski

Eignet sich ein Teleobjektiv für Gebirgsaufnahmen?

Von unten betrachtet wirken Berge spektakulär. Sobald Sie jedoch auf dem Gipfel stehen, erscheint die Szenerie oft langweilig. Häufig findet sich nur ein Meer aus Steinen, oder Sie stehen auf einer langgezogenen Ebene aus Gras oder Schnee. In dieser Situation eignet sich ein Weitwinkelobjektiv nur bedingt. Bei der in der Landschaftsfotografie sonst so beliebten Brennweite ist nämlich der Vordergrund von entscheidender Bedeutung. Es lohnt sich daher, in den Bergen auch ein Teleobjektiv dabeizuhaben.

An hohen Bergen entstehen oft unglaubliche Licht- und Wetterstimmungen. Das erste Morgen- und das letzte Abendlicht trifft die Gipfel der höchsten Berge im Umkreis. Neben diesen spektakulären Lichtsituationen finden Sie an den Gipfeln noch ein weiteres Motiv: Wolken, die sich an Bergspitzen stauen, sie verhüllen oder an den höchsten Graten überhaupt erst entstehen, bieten eine Vielfalt sich ständig ändernder Motive. Achten Sie auf Strukturdetails der Berge, suchen Sie nach sich wiederholenden Formen des Gesteins auf der anderen Talseite.

Befestigen Sie Ihre Kamera auf dem Stativ, stellen Sie den nativen ISO-Wert ein und wählen Sie eine mittlere Blende um f8. Da Sie bei der Aufnahme mit dem Tele keinen Vordergrund in Ihr Bild integrieren und auf ein weit ­entferntes Motiv scharfstellen, müssen Sie keine besonders große Schärfentiefe erreichen. Integrieren Sie auch interessante Details wie leuchtende Wolken in Ihren Bildausschnitt. Versuchen Sie, Linien zu finden, die den Blick des Betrachters zu Ihrem Motiv führen. Das können Täler, Gletscher, Bergrücken oder auch Wolkenformationen sein.

Fotografieren in der Natur
Ein Lilagold-Feuerfalter auf einer Schweizer Bergwiese, Foto: Ines Mondon

Wie fotografiert man Schmetterlinge?

Mit ihrem tänzelnden Flug und ihrer farbenfrohen Schönheit vermitteln Schmetterlinge Leichtigkeit, Unbeschwertheit, Poesie und Flüchtigkeit. Da es sich zum Teil um stark bedrohte Arten handelt, müssen Sie besonders sensibel vorgehen. Berühren Sie Schmetterlinge nie mit Ihren Händen. Die Schuppenschicht der Flügel könnte beschädigt werden, was im schlimmsten Fall zur Flugunfähigkeit führt.

Möchten Sie eine ganz bestimmte Schmetterlingsart fotografieren, sollten Sie sich über die genaue Flugzeit, die oft nur wenige Wochen beträgt, informieren, und sich ein passendes Habitat suchen. Suchen Sie mögliche Locations zu verschiedenen Tageszeiten auf. Machen Sie tagsüber einen Spaziergang, und schauen Sie, ob auf einer Wiese Schmetterlinge fliegen. Wenn Sie die gleiche Wiese abends vor Sonnenuntergang und kurz danach besuchen, erleben Sie, wie die Schmetterlinge sich Ihren Schlafplatz suchen. Am Morgen werden Sie sehen, dass die Schlafplätze immer noch dieselben sind, außer es gab nachts ein starkes Gewitter. Schmetterlinge fallen in kühlen Nächten in eine Kältestarre und sind morgens geduldige Fotomotive. Daher können Sie ihnen näher kommen und es reicht eine Brennweite von beispielsweise 70 mm. Wenn die Temperatur steigt, erwachen sie und schenken Ihnen vielleicht noch die Möglichkeit für ein Bild mit geöffneten Flügeln.

 

Daniel Eggert, Mark James Ford, Uwe Hasubek, Radomir Jakubowski,
David Köster, Ines Mondon, Bernhard Schubert:
Fotografieren in der Natur
Rheinwerk Verlag,
2019
328 Seiten, gebunden
39,90 Euro
www.rheinwerk-verlag.de/4831

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Michael J. Hußmann

Michael J. Hußmann gilt als führender Experte für die Technik von Kameras und Objektiven im deutschsprachigen Raum. Er hat Informatik und Linguistik studiert und für einige Jahre als Wissenschaftler im Bereich der Künstlichen Intelligenz gearbeitet.

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