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Am Anfang war das Layout

Eva Ruhland hat sich die Sieger-Bücher unseres Fotobuch-Wettbewerbs aus DOCMA 37 angeschaut.

In DOCMA 37 haben wir die Gewinner des Fotobuch-Wettbewerbs vorgestellt. Unsere Fotobuch-Spezialistin Eva Ruhland hat sich die Sieger-Bücher angeschaut und untersucht in einer sechsteiligen Serie, was daran besonders gut ist, aber auch, was die Preisträger hätten noch besser machen können. Im ersten Teil der Serie geht es um Erwin Saidnaders Fotobuchprojekt SÜDPARK.
Alle Baukunst bezweckt eine Einwirkung auf den Geist, nicht nur einen Schutz für den Körper. Mit diesem Zitat des britischen Schriftstellers John Ruskin stimmt der Linzer Fotokünstler Erwin Saidnader die Leser auf sein 2010 entstandenes Fotobuchprojekt SÜDPARK ein. Das klingt nach der Einleitung für einen Bildband über Meisterwerke der Architektur in den Metropolen den Welt – und nicht nach einem visuellen Rundgang durch ein Gewerbegebiet in der Peripherie der österreichischen Stadt Linz.
Erwin Saidnader hat mit seinem preisgekrönten Fotobuch gleich zwei Kunststücke vollbracht: Erstens haben er und sein Team schlichte Zweckbauten in faszinierenden Architekturaufnahmen festgehalten, und zweitens hat er die Ergebnisse in einem ansprechenden Fotobuch voller typografischer und gestalterischer Kniffe vereint. Das Besondere daran: Die Fotos folgten den Layoutvorgaben.
Aller Anfang ist schwer
„Ich wohne in der Nähe des neu entstandenen Ge­werbegebiets­ Südpark und bin beim Spazierengehen auf die Idee zu einem Projekt für die Mitglieder meines Fotoclubs­ gekommen“, lässt uns ­Erwin Saidnader, seines Zeichens aktives Mitglied des Fotoclubs der Linz AG Sport, wissen. Doch der Weg zum ambitionierten Fotobuchprojekt war steinig – die anderen Clubmitglieder fanden die Idee, Zweckbauten in einem Gewerbegebiet abzulichten, nicht besonders attraktiv. Doch Saidnader war von seiner Idee überzeugt und ging allein auf Erkundungstour, stets auf der Suche nach Besonderheiten an den Produktionshallen und Bürogebäuden von Schuhfabriken, Softwareschmieden und Ventilatorenherstellern. Mit den Probebildern im Kasten machte sich der Linzer an die Ausarbeitung eines Layoutkonzepts für das Club-Projekt.
Erst das Layout, dann die Fotos
Während sich das Layout der meisten Fotobücher dem vorhandenen Bildmaterial unterzuordnen hat, ging Erwin Saidnader den umgekehrten Weg: Er entwarf eine strikte Layoutvorgabe, gepaart mit einer einheitlichen Bildwirkung in formaler und farblicher Hinsicht. Keine leichte Aufgabe bei sieben weiteren ­Fotografen, die Saidnader für sein ambitioniertes Projekt mit dem Titel SÜDPARK gewinnen konnte.
„Fotos müssen raus aus dem Computer!“
Warum Saidnader ausgerechnet das Medium Fotobuch für sein Projekt gewählt hat, liegt in seiner Vorliebe zu greifbaren Fotoarbeiten begründet. Seine Devise lautet: „Fotos müssen raus aus dem Computer!“; eine reine Bildschirmpräsentation seiner Arbeiten kommt für ihn nicht in Frage. Und aufgrund seiner langen Erfahrung mit Konzeption und Layout von Drucksachen kam er schon früh in Berührung mit über das Internet vertriebenen digitalen Fotobüchern: „Kaum habe ich von der Möglichkeit erfahren, Fotobücher im Internet zu bestellen, habe ich auch schon die ersten Experimente damit gemacht.“ Seine ersten Eindrücke waren allerdings ebenso kostspielig wie ernüchternd: „Die Bücher, die ich bei den ersten kleineren Anbietern bestellt habe, kosteten mehr als 150 Euro. Das Papier war schlecht, die Farben flau und beim Umblättern sind die Seiten rausgefallen?…“ Solche Probleme gehören mittlerweile jedoch der Vergangenheit an – große Unternehmen wie CEWE bieten Digitaldruck auf hochwertigem ­Fotopapier mit solider Bindung.
Ein Fotobuch wie ein Kunstbuch
Neben dem Konzept „Inhalt folgt Form“ hat Erwin Saidnader das gesamte Fotobuch wie ein typisches Fach- oder Kunstbuch aufgezogen. Die Umschlagseiten enthalten Buch- und Untertitel auf der Titelseite (U1) sowie Informationen zum Inhalt auf der Rückseite (U4, siehe Abbildung linke Seite oben). Nach dem Aufblättern des Buchs wird der sogenannte „Schmutztitel“ sichtbar, auf dem Buchtitel und Herausgeber klein abgebildet sind. Dann folgt das Vorwort, das von einem Architekturstudenten verfasst wurde (Bild rechts oben). Einen stimmungsvollen Einstieg ins Thema bietet die mit „Impressionen und Architektur“ betitelte Zitateseite (Bild rechts, Mitte). Dann folgt eine Doppelseite mit dem aufwendig gestalteten Inhaltsverzeichnis (Abbildung rechts unten), das von Profilporträts der beteiligten Fotografen illustriert wird. „Auch das war Bestandteil meines Fotoworkshops,“ lässt uns Saidnader wissen, „die Aufnahme mehrerer Motive vor identischen Hintergründen und bei absolut gleichmäßiger Ausleuchtung.“
Hintergründiges
Titel, Rückseite und die einleitenden Seiten des Fotobuchs sind mit monochromen Ausschnitten vorgestellter Fotos hinterlegt, die mit Bewegungsunschärfe und reduzierter Deckkraft in Photoshop bearbeitet und montiert wurden. Saidnader hat übrigens für den gesamten Gestaltungsprozess Adobe Photoshop CS5 gewählt und auf die Unterstützung eines Satzprogramms wie InDesign bewusst verzichtet: „Alle Fotografen sollten ihre Bilder selbst ins Layout einfügen, und dabei war Photoshop der kleinste gemeinsame Nenner.“ Der Fotobuchgestalter hat eine Vorlage im PSD-Format angelegt, welche die Platzhalter für die Aufnahmen gemäß des vorgegeben Layoutkonzepts als fixierte Ebenen enthielt. Die teilnehmenden Fotografen fügten ihre Bilddateien eigenständig ein und lernten dabei, dass es bei der Wahl des richtigen Bildausschnitts auf jeden Millimeter ankommt. Um eine über alle 106 Seiten hinweg gleichmäßige Bildwirkung in Sachen Färbung, Kontrast und Tonalität zu erzielen, hat Saidnader ein Preset in Adobe Lightroom angelegt, durch das alle fertigen Aufnahmen geschleust wurden.
And the winner is …
Nach einer Begehung des Areals unter der Leitung eines kundigen Architekturstudenten (der zur Überraschung der Fotografen bereits dem Rohbau der links abgebildeten Ingenia GmbH eine hervorragende Qualität attestierte, welche anschließend tatsächlich einen Architekturpreis erhielt) wurden die 24 abzulichtenden Gebäude per Losverfahren unter den acht Fotografen verteilt. „Nur so konnten wir sicherstellen, dass nicht jeder die Sahnestückchen für sich rauspickte“, erklärt Saidnader die Gründe für die ungewöhnliche Verlosungsaktion. Nach getaner fotografischer Arbeit machten sich Saidnader und seine Clubkollegen an die Montage der Bilder in die quadratischen Masken der vorgesehenen Photoshop-Ebenen. Dabei herausgekommen sind drei Seiten pro Gebäude – als Pflicht eine herkömmliche Totale und eine interessante Viertelung per „Fadenkreuz“, und als Kür die vier Detailaufnahmen mit bildgeometrischen Wechselwirkungen. Die fertigen Seiten hat Erwin Saidnader als hochauflösende JPG-Dateien exportiert und damit die Layoutseiten im CEWE-Fotobucheditor bestückt. Für die zehn bestellten Exemplare im XL-Format 29 x 29 wurden aufgrund der hohen Seitenzahl fast 1?000 Euro fällig – doch „die Hälfte der Produktionskosten haben wir ja durch den DOCMA-Gewinn wieder drin!“, freut sich Saidnader. Gratulation!

SÜDPARK: Vom Konzept zum Fotobuch

Farbanpassung und Teiltonung
Jedes Foto wurde in Adobe Photoshop Lightroom mit einem vordefinierten Preset entwickelt. „Nur so konnte ich sicherstellen, dass über alle 106 Seiten unseres Fotobuchs hinweg eine homogene Bildwirkung erzielt wird“, erklärt Saidnader diesen Bearbeitungsschritt. Die Klarheit wurde angehoben und die Sättigung verringert [1], bevor die Bilder mithilfe der Funktion „Teiltonung“ [2] mit dem Farbton 50 bei einer Sättigung von 30 in den Lichtern und Schatten die charakteristische Gelbtönung erhielten.

Fotos in Templates Einpassen
Nach der Entwicklung in Lightroom wurden die Fotos in Photoshop geladen und dort auf vordefinierten Ebenen [1] platziert, die entweder das Fadenkreuz für die Einzelbilder [2] oder vier Aussparungen für die Viererkombis enthalten. Für die korrekte Beschriftung hat Erwin Saidnader vier separate Textebenen [3] mit der Schriftart „Bitstream Vera Sans“ angelegt.

Seitenbeschriftung und gepinselte Signaturen
Die Bilder erhielten mittig gesetzte Bildunterschriften mit dem Firmennamen in Großbuchstaben [1]. Der untere Seitenrand wird von eine Fußzeile [2] mit Buchtitel, Aufnahmedatum und einem ungewöhnlichen Detail in der Mitte geziert: Einer Signatur [3] des jeweiligen Fotografen als Photoshop-Pinsel-Spur [4].

Gestaltung der Titel- und Rückseite
Für die Umschlagseiten kamen monochrome Versionen abgedruckter Fotos bei stark reduzierter Deckkraft zum Einsatz. Saidnader hat viel Liebe zum gestalterischen Detail bewiesen: Die Textgruppen Titel-Fotografen-Gebäude bilden ein gefälliges Dreieck [1] und die hinterlegten Bilder enthalten allesamt parallele, aufsteigende Diagonalen [2] (gestrichelte Linien). Eine mit Bewegungsunschärfe gefilterte Aufnahme des Ortsschilds [3] bringt Spannung in den Titel. Der Buchrücken [4] entstand erst später im CEWE-Editor.

Zitateseite und Projektbeschreibung
Durch Schmutztitel und Doppelseiten mit Zitaten [1], Vorwort und Projektbeschreibung [2] nimmt Saidnader die Struktur eines Kunstbuchs auf. Schönes Detail: Die von angedeuteten Sucherrahmen [3] eingefassten Zitate.

Inhaltsverzeichnis
Beim Inhaltsverzeichnis geht Saidnader unkonventionelle Wege, indem er den Inhalt nicht nach Seitenzahlen, sondern alphabetisch nach den Namen der Fotografen ordnet [1]. Bemerkenswert sind die perfekt ausgerichteten Gesichter [2] und die Blicklinien [3] der Porträtierten auf ihre Namen.

Innenlayout
Das Innenlayout ist schlicht und effizient: Die quadratischen Bildrahmen sitzen jeweils 23 mm vom oberen, linken [1] und rechten [2] Rand entfernt, so dass im Falzbereich [3] viel Weißraum bleibt, was den Doppelseiten einen luftiges Erscheinungsbild verleiht.

Fotobuch-Erstellung
Die Einzelseiten [1] wurden mit einer Auflösung von 30 x 30 cm bei 300 dpi als JPGs gespeichert und im CEWE-Editor einzeln auf die Vorlagenseiten gezogen [2]. Die Bestellung erfolgte als CEWE Fotobuch XL mit 106 Seiten und Hardcover im Digitaldruck [3].

Diesen und weitere Artikel sowie Workshops, Tipps & Tricks finden Sie in der DOCMA-Ausgabe 42. Das Heft können Sie hier bei uns im Webshop bestellen.
Das Inhaltsverzeichnis und die Arbeitsmaterialien zu den Workshops im Heft finden Sie hier.

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