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Zufälle beim Romanschreiben

Zufälle beim Romanschreiben
Zufälle beim Romanschreiben: Ein frühes Perpetuum mobile des Orffyreus

DOCMA-Autoren sind nicht nur als Tutorial-Verfasser tätig, sondern auch künstlerisch im Bereich der Bilder. Doc Baumann arbeitet zudem seit 26 Jahren an einem Roman. Hier berichtet er darüber, welch merkwürdige Zufälle mitunter beim Romanschreiben bei seinen Recherchen vorkommen und wie sich gewisse Kreise nach vielen Jahren unerwartet schließen.

Vor 300 Jahren setzte im Kasseler Schloss Weißenstein (heute Wilhelmshöhe) ein Mann namens Orffyreus ein übermannsgroßes Rad in Bewegung, das sich daraufhin laut klappernd munter weiterdrehte. Der Raum wurde abgeschlossen und versiegelt. Im Februar 1718, als das Zimmer erneut geöffnet wurde, drehte sich das Rad noch immer. Landgraf Karl bestätigte dem Erfinder wenig später schriftlich, dass seine Perpetuum-mobile-Maschine ohne Zuführung äußerer Energie während dieses langen Zeitraums rotiert sei. Das Ereignis ist historisch verbürgt und wird auch in meinem Roman eine Rolle spielen.

Wie auch immer – seit den rund hundert Jahre später entdeckten Gesetzen der Thermodynamik wissen wir, dass ein Perpetuum mobile nicht möglich ist (und schon gar keins wie das des Orffyreus, das zudem noch schwere Gewichte heben sollte). Angesichts seiner vielen Experimente darf man wohl annehmen, dass der Erfinder selbst an die Realisierbarkeit seiner Idee glaubte – wie auch immer er bei solchen Vorführungen nachgeholfen haben mag.

Dass jemand Tausende von Stunden in ein Objekt investiert, an dessen Möglichkeit er glaubt, ist nicht verwunderlich. Ich dagegen habe bisher rund 26.000 Stunden in Recherchen über den Weg eines geheimnisvollen Objekts durch die Jahrhunderte gesteckt, von dem ich weiß, dass es nie existiert hat. Dazu gehört die Lektüre von 1.500 Büchern zum Thema, das Aufsuchen von mehr als zwanzig Originalschauplätzen von New York bis Jerusalem und das Anlegen von gewaltigen Datenbanken und chronologischen Listen. Begonnen habe ich mit meinem Roman 1991.

Einige alte Kupferstiche, die ich seitdem für Recherchezwecke gesammelt und als Illustrationen des Buches vorgesehen habe, bilden nun übrigens den Grundstock einer Ausstellung zum Thema „Herkules – Bilder aus dem Leben eines unsterblichen Helden“, die bis zum 17. Januar 2018 in Kassel zu sehen ist.

 


Zufälle beim Romanschreiben: Der Ort in der Mitte


Viele Informationen habe ich bei meinen Recherchen gezielt gesucht, über andere bin ich ganz unerwartet gestolpert. Ich will hier nicht zu viel verraten, aber ein paar Andeutungen sollen zeigen, wohin es geht.

Am Anfang stand ein seltsames Renaissance-Gemälde. Nach vielen Jahren kam ich dahinter, dass darin nicht nur ein bestimmtes Objekt versteckt ist, sondern auch unterschiedliche Hinweise auf den Ort, wo man dieses Objekt finden kann, sowie an anderen Stellen verschlüsselte Anspielungen auf eine gewisse Zahl, nennen wir sie x. Sogar die Zahl x hoch 3 taucht dort auf.

Irgendwann schaute ich mir auf der Landkarte den Wohnort einer der im Gemälde abgebildeten Personen genauer an und setzte ihn in Beziehung zu anderen Orten in der Umgebung, die für meine Handlung wichtig sind. Und siehe da: Dieser Ort hat von zwei weiteren die Entfernung von x Kilometern.

Das ist schon erstaunlich genug. Erst sehr viel später kam ich auf die Idee, einmal nachzuschauen, was im geometrischen Zentrum des gleichseitigen Dreiecks liegt, das diese drei Orte bilden. Dort gibt es ein kleines Dorf. Und es trägt – ins Deutsche übersetzt – den Namen: Ort in der Mitte! (Natürlich bin ich dann dorthin gefahren und habe ihn mir genau angeschaut.)

 


Zufälle beim Romanschreiben: Baupläne


Mein Roman beginnt mit einer halb-autobiographischen Erinnerung des Erzählers an seinen Kasseler Kindergarten, der nach dem 2. Weltkrieg in alten Pferdeställen einer ehemaligen Kaserne untergebracht war; dort steht heute ein Studentenwohnheim. Diese Einleitung plante ich bereits vor mehr als 20 Jahren, als ich bereits seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr in Kassel lebte.

Im Kasseler Stadtarchiv habe ich keine verwertbaren Unterlagen zu diesem Gebäudekomplex finden können. Als ich 2013 in die Kasseler Gegend zurückkehrte, erzählte ich irgendwann einem neuen Bekannten von meiner vergeblichen Suche nach Dokumenten über die Ställe dieser ehemaligen Kaserne. Und der sagte: Ach, dieses Gebäude gehörte früher mal mir, die Pläne davon habe ich noch, die kann ich Ihnen gerne geben. Was über den Daumen etwa einer Wahrscheinlichkeit von 1:300.000 entsprechen dürfte.

Nach der Poetik des Aristoteles sollte man als Autor eines Romans einen solchen, völlig unwahrscheinlichen Handlungsverlauf besser vermeiden, wenn man halbwegs glaubwürdig erscheinen will. Wie so oft, war die Realität phantastischer als die Fiktion.

 


Zufälle beim Romanschreiben: Baumaterial


Ab 1973 wohnte ich für ein paar Jahre in einem kleinen Dorf im Landkreis Kassel. Damals studierte ich noch Kunst und dachte nicht daran, einmal einen Roman zu schreiben oder mich in diesem Zusammenhang – unter anderem – mit dem Thema Herkules zu befassen. Ausgerechnet vor diesem Dorf hatte eine 1712 im nahegelegenen Steinbruch grob zugehauene, fast 6 m hohe und entsprechend schwere Sandsteinfigur des Herkules (im Dorf Herklos genannt) neben der Bundesstraße gelegen, die eigentlich nach Kassel befördert werden sollte, aber bereits nach wenigen Kilometern stecken blieb. Stattdessen wurde dann auf dem Herkules-Monument eine Kupfer-Statue des Helden installiert. 1871 wurde der unfertige Sandstein-Herkules schließlich an einen Unternehmer verkauft, der ihn in handliche Stücke zerschlagen und als Bausteine nach Kassel schaffen ließ. Und welches Gebäude wurde daraus errichtet? Eben jene Kaserne, in der später mein erwähnter Kindergarten untergebracht war!


Zufälle beim Romanschreiben: Antike Münzen


Das sind nur ein paar der vielen Kreise, die sich oft erst nach jahrzehntelanger Recherche überraschend geschlossen haben. Hier noch ein weiteres Beispiel, das mit dem Thema Herkules zutun hat. Historisch beginnt mein Roman mit dem Bau des Zweiten Tempels durch Herodes den Großen in Jerusalem. Wie wir aus verschiedenen Quellen, unter anderem dem Bericht des Neuen Testamentes über die sogenannte Tempelreinigung Jesu wissen, gab es dort Geldwechsler, die alle möglichen Währungen der Pilger in solche Münzen umtauschten, die nach jüdischem Gesetz als rein galten und mit denen Opfertiere erworben und die Tempelsteuer entrichtet werden konnte.

An vielen Stellen ist zu lesen, diese reinen Münzen hätten sich – im Unterschied zu denen, die im römischen Reich in Umlauf waren – dadurch ausgezeichnet, dass sie keine dem Abbildverbot der Zehn Gebote widersprechenden Bildprägungen aufwiesen. Doch diese Behauptung ist nicht richtig: Die Jerusalemer Priesterklasse schätzte diese Di- und Tetradrachmen aus Tyrus aus rein wirtschaftlichen Gründen, wegen ihres festgelegten Silbergehalts. Dabei waren sie keineswegs abbildfrei, sondern sie zeigten ein Porträt des Stadtgottes von Tyrus – Melkart. Und Melkart war der phönizischer Name des … Herkules.

Zufälle beim Romanschreiben
Eine Ditrachme aus Tyrus, wie sie um die Zeitenwende als Währung gebräuchlich war

Zufälle beim Romanschreiben: Banden-Unwesen


Bedingt durch merkwürdige biographische Zufälle, und weil ich Ende der siebziger Jahre an der Universität Kassel ein Forschungsprojekt zur Ikonographie von Motorradtankbemalungen angemeldet hatte, fand ich mich 1983 plötzlich und unerwartet in der Rolle des Chefredakteurs der einzigen deutschen Zeitschrift für Motorradrocker wieder. Und das, obwohl ich nie einen Motorradführerschein besessen habe. Die ersten Möchtegern-Rocker, mit denen ich lange zuvor, 1969, in Kontakt gekommen war, waren übrigens Mitglieder eines Kasseler Clubs: die sogenannte … na? … Herkules-Bande! Ein weiterer Kreis, der sich geschlossen hat.

 


Nicht nur Herkules


Falls Sie nun denken, die ganze Handlung würde sich um Herkules drehen – falsch, er stellt nur einen der Schwerpunkte dar. Es geht um das Neue Testament, um den Anlass der Kreuzzüge, um den Weg einer geheimnisvollen Reliquie über Hunderte von Jahren, die Rivalitäten von Orden und Geheimgesellschaften, den Schwiegersohn des Augustus und den Mord an einem deutschen Kunstwissenschaftler 1768 in Italien, die Verursacher des Erdbebens von Lissabon 1756 … bis hin zu den Hintergründen der Jack-the-Ripper-Morde 1888 in London.

Dies alles ist über die Jahrhunderte durch eine gewaltige Verschwörung miteinander verbunden, und ich kann jedes Detail durch historische Quellen exakt nachweisen. Und trotzdem weiß ich natürlich, dass alle Verbindungsfäden nur von mir geknüpft wurden und die ganze Konstruktion reine Erfindung ist. Eben ein Roman.

Zufälle beim Romanschreiben
Herkules erschlägt Cacus / Stich von François de Moine / Cars, um 1800

Photoshop


Damit nun auch alle Leser/innen zufrieden sind, die meine Blog-Texte gern bis zum bitteren Ende lesen und sich dann – obwohl das im Einleitungstext bereits eindeutig angekündigt worden war – darüber beschweren, das alles habe doch gar nichts mit Bildbearbeitung zu tun, noch ein letzter Hinweis: Selbstverständlich kommen auch Photoshop und fragwürdige Bilddateien im Roman vor. Der Erzähler entlarvt sie dank seiner Bildbearbeitungskenntnisse als üble Fälschungen und muss dann erleben …

 

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Hans D. Baumann

Doc Baumann befasst sich vor allem mit Montagen (und ihrer Kritik) sowie mit der Entlarvung von Bildfälschungen, außerdem mit digitalen grafischen und malerischen Arbeitstechniken. Der in den Medien immer wieder als „Photoshop-Papst“ Titulierte widmet sich seit 1984 der digitalen Bildbearbeitung und schreibt seit 1988 darüber.

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