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Wenn Digitalfotos den Bach runtergehen

Die Bilddaten gehen den Bach runter / Foto und Montage: Doc Baumann

31 Wasserfall

WENN DIGITALFOTOS DEN BACH RUNTERGEHEN / Foto und Montage: Doc Baumann

In der aktuellen Ausgabe des Spiegel beklagt unser Journalistenkollege Ullrich Fichtner die mangelnde Ewigkeitsgarantie von Digitalfotos und erinnert sich wehmütig der guten alten Zeit analoger Abzüge und sicherer Negative. Er hat recht und gleichzeitig unrecht.

Man kann die Kritik eines Mitmenschen an einem leidigen Übel aus vollem Herzen teilen und trotzdem seine Argumentation mit derselben tiefen Überzeugung zurückweisen. Letztlich geht es um so etwas wie den Denkfehler „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“. Auch wenn der Satz in Maos kleinem, roten Buch steht, ist er dennoch ein Musterbeispiel für undialekisches Denken, wie die Amerikaner derzeit wieder einmal am Beispiel der Assad-Feinde vom Islamischen Staat schmerzlich erfahren müssen.

Vergisst jemand, sein Auto per Funksignal abzuschließen, wenn er es verlässt, und findet nach seiner Rückkehr nur einen leeren Stellplatz im Parkhaus vor, dann wäre es unfair, den Diebstahl der Funktechnik in die Schuhe zu schieben. (Verständlich wäre es hingegen, sich darüber zu ärgern, dass es Bösewichte gibt, die mit Störsendern das Funksignal unwirksam machen, auf die Weise das angenommene Verschließen des Autos verhindern und sich mit diesem gen Osten aufmachen, kaum dass der Besitzer außer Sichtweite ist. Da würde man sich in der Tat wünschen, die Hersteller böten eine sicherere Technik an.)

Zurück zu unseren Digitalfotos. Ich habe selbst vor einiger Zeit beklagt, dass ich geringe Chancen dafür sehe, unsere Bilder noch in einigen Jahren oder gar Jahrzehnten öffnen zu können. Von den rund 130 Jahren, die die frühesten Familienfotos in alten, samtroten und mit einer Metallschnalle verschließbaren Fotoalben überdauert haben, ganz zu schweigen. Doch als Grund für diesen Zweifel hatte ich benannt, dass Marktführer Photoshop im Laufe der Jahre ohne nachvollziehbaren Grund manche Formate im Öffnen-Dialog einfach hat wegfallen lassen. Noch gibt es andere Software, die das kann. Aber wie lange noch? Und wer weiß, wie die Entwicklung neuer und die Pflege alter Dateiformate in der Zukunft aussehen mag?

Ebenso darf man sich ängstlich Gedanken darüber machen, wie es mit der Haltbarkeit von Datenträgern aussieht. Diese einmal unangemessen optimistisch vorausgesetzt: Wie lange gibt es die entsprechenden Laufwerke noch? Wie lange die nötigen Steckerverbindungen, zumindest Adapter? Dies alles kann einem durchaus schlaflose Nächte bereiten, wenn man auf einem Bilddatenbestand von ein paar zehn- oder hunderttausend Fotos hockt.

Doch diese Überlegungen kommen in der Glosse von Ullrich Fichtner gar nicht vor. Stattdessen warnt er: „Ihr werdet alles verlieren, weil die Festplatte plötzlich spinnt oder weil das Facebook-Konto gehackt wird, weil doch mal eine Cloud platzt oder ein Webhost pleitegeht oder weil das Smartphone im Taxi liegen geblieben ist.“ Wo er recht hat, hat er recht. Dennoch erinnert seine Klage an das Beispiel des unverschlossenen und dann geklauten Autos. Analog-Nostalgie hilft da bestimmt nicht weiter (auch, wenn ich sie zum Teil gern teile). Wer sein altes Auto nicht mit dem Schlüssel abschließt, ist vor Diebstahl ebenfalls nicht sicher. Wer ihn mit einem Magnet im Radkasten versteckt und dabei beobachtet wird, hat dasselbe Schicksal zu erwarten.

Dass man etwas für seine Datensicherheit tun muss, sollte sich inzwischen herumgesprochen haben. Was nicht bedeutet, dass ich nicht zahlreiche Leute kennen würde, die ihre Bilder und andere wichtige Daten auf der Festplatte gespeichert haben und sonst nirgendwo und gläubig darauf vertrauen, dass sie dort für alle Ewigkeit sicher sein werden. Ich nehme mal an – zumindest hoffe ich es – , dass Kollege Fichtner seine journalistischen Texte nicht mit der von ihm beschriebenen Unbekümmertheit allein auf der internen Festplatte und in der Cloud gespeichert hat. Pessimistisch vermute ich, dass Meldungen bezüglich des Abgreifens von Daten aus der Cloud nur deshalb bisher nicht in den Medien auftauchen, weil die Aufarbeitung der Snowden-Dateien bislang noch nicht so weit fortgeschritten ist. NSA & Co. und Kriminelle dürften sich dieses Material kaum entgehen lassen.

Also, lieber Kollege Fichtner: Mindestens eine externe Festplatte für die Datensicherung verwenden, zudem ab und an die Digitalfotos – und andere Daten – der letzten Wochen auf eine DVD schreiben, und sicherheitshalber noch auf eine weitere, die man außerhalb der eigenen Wohnung aufbewahrt. Wenn dann die Festplatte spinnt, die Cloud platzt und eine Webhost pleitegeht, können Sie das mit einem Schulterzucken hinnehmen.

Ihre Fotos dürfen Sie trotzdem, wie Sie das als Schutzwall gegen den digitalen Verfall empfehlen, weiterhin ausdrucken. (Auf der sicheren Seite sind Sie damit allerdings auch nicht. Die Digitaldrucktechnik hat sich in den letzten Jahren zwar zweifellos erheblich verbessert – auf meinen frühen, professionell produzierten Prints sind jedoch nur noch ein paar blasse Farbspuren zu erahnen.) Drucken sollten Sie allerdings nur, wenn Sie die Bilder an die Wand hängen oder in die Brieftasche stecken wollen. Oder geben Sie auch alle Ihre Texte und E-Mails auf Papier aus, für den Fall, dass die Festplatte spinnen sollte?

  1. kkm3105

    …und nicht zu vergessen die Gefahr, dass einem der Himmel auf den Kopf fällt. Das setzte schon Obelix gewaltig zu…

    • pferd1

      Werter Herr Doc Baumann,
      leider empfinde ich den Beitrag nicht wirklich hilfreich, denn es fehlt der Hinweis auf die M-Disk. Zugegeben ein Medium das natürlich die entsprechende Software und Hardware benötigt. Aber man kann sicherlich eine längere Zeitspanne damit überbrücken zumindest solange bis es eine neue bessere Technik gibt.
      Im übrigen stelle ich mir die Frage, wie machen es die Provis die im öffentliche Interesse Unterlagen digital archivieren. Zu diesem Thema findet man fast keine Informationen. Sicher ist deren Art der Archivierung wesentlich teurer als die der „Normalanwender“. Das muss aber nicht sein, wenn diese Technik von der breiten Masse angewandt werden könnte.
      Können Sie dazu etwas in Docma bringen?

      Mit freundlichen Grüßen

      Rudolf Weinzierl

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