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Weiß auf Schwarz oder umgekehrt?

Seit wenigen Jahren bevorzugen Softwarehersteller eine Schnittstellengestaltung mit dunklem Hintergrund, vor dem sich weiße oder oft nur graue Texte mehr oder weniger lesbar abheben – Weiß auf Schwarz. Vorher hatte für mehr als 20 Jahre ein Interfacedesign mit schwarzer Schrift auf weißem Grund dominiert. Ich bin nun allerdings schon so alt, dass ich mich noch gut an die dunkle Phase davor erinnere. Das Design der Benutzerschnittstellen unterliegt Modewellen.

Als ich Ende der 70er Jahre Informatik studierte, bedeutete die Arbeit mit einem Computer, dass man vor einem Terminal saß – einem Kasten mit Bildschirm und Tastatur, den die jüngere Generation für einen Computer halten würde, aber der eigentliche Computer stand zwei Stockwerke tiefer und füllte einen ganzen Raum. Das Terminal war nur der Zugang zu einem Großrechner, der allerdings viel weniger leistete als ein PC oder Mac heute.

Weiß auf Schwarz oder umgekehrt?

Weiß auf Schwarz: Ein Terminal vom Typ DEC VT100, wie es Ende der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts verbreitet war (Quelle: Jason Scott, Wikimedia Commons)

Ein solches Terminal konnte nur Text darstellen, keine Grafik. Es gab nur eine Schrift in einer Größe, und die Schrift leuchtete meist grün und manchmal bernsteinfarben auf dem dunklen Hintergrund des Röhrenbildschirms. Die damals modernsten Terminals des Typs VT100 brachten diverse Extras, und sie zeigten weiße Schrift auf dunklem Grund – oder schwarze Schrift auf weißem Grund, was sich inverse video nannte, obwohl es doch eigentlich die abseits des Computers gewöhnliche Darstellung war: schwarze Buchstaben auf weißem Papier.

Das Problem mit inverse video war, dass es fürchterlich flimmerte. Genau genommen flimmerten die Bildschirmbilder wegen der geringen Wiederholfrequenz immer, aber wenn der gesamte Hintergrund flimmernd leuchtete, tat es den Augen besonders weh.

Der Apple Macintosh brachte dann 1984 nicht nur Fenster, Menüs und die Mausbedienung, sondern auch inverse video als Standard. Der Bildschirm der ersten Macs maß nur mickrige 9 Zoll, aber da stand schwarze Schrift gestochen scharf und flimmerfrei auf weißem Grund. Der Text auf dem Bildschirm sah endlich aus wie Text auf dem Papier, und man konnte sogar zwischen verschiedenen Schriften wählen.

Diesem Vorbild eiferten später auch Windows und das konkurrierende, aber weniger erfolgreiche GEM nach. Microsoft setzte bei Windows zwar auch auf Farbe (die ziemlich willenlos eingesetzt wurde), aber die Fenster zeigten vor allem schwarze Schrift auf weißem Grund.

Weiß auf Schwarz oder umgekehrt?

Helle Schrift auf dunklem Grund – die aktuelle Mode des Interfacedesigns

Von diesem Gestaltungsschema sind die Softwarehersteller erst vor wenigen Jahren wieder abgerückt. Das Interface von Photoshop kann man längst abdunkeln und Lightroom ist standardmäßig dunkel gehalten. Man kann diese erneute Invertierung so rationalisieren, dass das Interface gegenüber dem Inhalt zurücktritt; die Bedienelemente sollen nicht mit dem Bild konkurrieren. Immerhin arbeiten Textprogramme noch immer mit schwarzer Schrift auf weißem Grund. Dennoch glaube ich, dass es vor allem eine Modeerscheinung ist und dass wir in ein paar Jahren mit der nächsten Invertierung rechnen dürfen.

Mir wäre es recht. Im Stillen hege ich nämlich den Verdacht, dass die hellgrundigen Bildschirme auch etwas mit jener Zeit zu tun hatten, in denen die Welt der Computer und des Internets noch neu und aufregend war und eine fabelhafte Zukunft versprach. Heute sind dort nicht mehr jugendliche Nerds die treibenden Kräfte, sondern große Konzerne, Geheimdienste und staatliche Trollfabriken – düstere Aussichten also, und genauso sieht es aus, wenn wir heute auf einen Bildschirm schauen.

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  1. sunrisemoon

    Die Prognose, dass Marketingleute etwas, das es bereits vor vielen Jahren gab, als die größte Innovation aller Zeiten preisen, ist nicht besonders neu.
    Dass anfangs Monitore mit schwarzem Hintergrund und weißer, grüner oder bersteinfarbenen Schrift ausgestattet waren liegt an vielen technischen Gegebenheiten. Die Auflösung war schlecht, die Bildwiederholfrequenz unzureichend, und damit war bei den meisten Monitoren, ebenso wie bei Fernsehgeräten, das Flimmern sehr stark und ein längeres Arbeiten bei einem hellen Hintergrund nicht zumutbar.
    Allerdings gab es auch Ausnahmen. Ich hatte einen CP/M-Rechner von Epson, dessen Monitor hatte nicht nur eine relativ gute Auflösung, sondern war mit einem „Nachglühen“ ausgestattet, was das Flimmern praktisch nicht merkbar machte. Und das war kein Plasmaschirm.
    Außerdem gab es, nachdem sich die IBM-kompatiblen PCs durchzusetzen begannen, von Siemens einen PC mit schwarzer Schrift auf weißem Hintergrund, und das ziemlich flimmerfrei.
    Und was die ziemlich dunkle Benutzeroberfläche von Zeichen- und Malprogrammen (und auch bereits vieler anderer Programme) anbelangt: Nun, ein Monitor für Bildbearbeitung soll möglichst von Streulicht geschützt sein. Das Foto leuchtet und soll nicht vom leuchtenden Rest oder irgendwelchen, farbigen Hintergründen beeinflusst werden.
    Also ist der Vollbildmodus mit möglichst wenig Einflüssen, die das Hirn des Bearbeiters, der Bearbeiterin ablenkt, die optimale Arbeitsumgebung.
    Egal was Modeerscheinungen einem einreden wollen.
    Nur, wenn die Benutzeroberfläche der Software kein Einstellung erlaubt, ist ohnehin jede Diskussion darüber müßig.

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