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Was ist die Zukunft der Foto- und Bildbearbeitungstechnik? Teil I

Ein Tweet von „Blender Guru“ über die Zukunft von 3D (Link) brachte mich zum Nachdenken, wie denn die technische Zukunft von Fotografie und Bildbearbeitung aussehen könnte.

Wohin geht die Reise wohl? ©alphaspirit #133704869, ronstik #85101399 – Adobe Stock. Was ist die Zukunft der Foto- und Bildbearbeitungstechnik? Teil I.
Wohin geht wohl die Reise? ©alphaspirit #133704869, ronstik #85101399 – Adobe Stock

Fotografie: Zukunft der Foto- und Bildbearbeitungstechnik?

Der aktuelle Stand

Canon hatte bereits letztes Jahr das Ende seiner DSLRs verkündet (Link). Nikon hat jetzt – so wird spekuliert – nachgezogen (Link). Nikon reagierte zwar und betonte, man werde weiter DSLRs produzieren, verkaufen und reparieren. Aber der Aussage, dass keine weiteren DSLRS entwickelt werden, wurde nicht eindeutig widersprochen:

Nikon beteuertm DSLRs weiter zu produzieren. Dort steht aber nicht, dass auch neue DSLR-Kameras entwickelt werden sollen.
Nikon beteuertm DSLRs weiter zu produzieren. Dort steht aber nicht, dass auch neue DSLR-Kameras entwickelt werden sollen.

Sonst hat sich eigentlich nicht viel getan im Segment der Systemkameras. Die an sich vielversprechende Lichtfeldfotografie bekommen wir so schnell wohl auch nicht wieder (Link).

Bei den aktuellen Sensor-Arten ist das Ende der Fahnenstange in Sachen Qualität nahezu erreicht (Sensorgeflüster: Rauschen? Was für Rauschen?). Bei den Objektiven lassen sich die optischen Gesetzmäßigkeiten nicht weiter austricksen, sodass man für ein lichtstarkes 400 mm bis 800 mm-Objektiv auch in Zukunft wohl einen größeren Rucksack benötigt. Also extrem viel kleiner, schneller, besser wird das meiste ohne neue technische Tricks kaum werden.

Die wahrscheinliche Zukunft

Wie geht es also weiter und was können wir erwarten? Zumindest eines ist klar: Die Zukunft der Systemkameras ist auf jeden Fall spiegellos. Und ich vermute auch, dass es mechanische Verschlüsse nicht mehr lange geben wird. Tatsächlich war einer meiner persönlichen Höhepunkte der letzten Jahre deshalb die Z9 – Nikons derzeitiges Flaggschiff. Die Kamera hat keinen mechanischen Verschluss mehr und liest den Sensor so schnell aus, dass praktisch kein Rolling Shutter vorhanden ist. Kein Blackout und keine mechanischen Verschleißteile, ausgenommen die Bedienknöpfchen und -rädchen, hat doch etwas.

Die Z9 kommt ganz ohne mechanischen Verschluss und vermeidet dennoch Rolling-Shutter-Effekte. Andere Hersteller werden da sicher nachziehen. Foto: Nikon. Was ist die Zukunft der Foto- und Bildbearbeitungstechnik? Teil I.
Die Z9 kommt ganz ohne mechanischen Verschluss aus und vermeidet dennoch Rolling-Shutter-Effekte. Andere Hersteller werden da sicher nachziehen. Foto: Nikon

Die unsichere Zukunft

Die Frage ist eher, ob Systemkameras auf etwas längere Sicht denn überhaupt noch eine Zukunft haben. Denn zum einen setzt sich der bisherige Trend rückläufiger Fotokamera-Verkäufe fort. Smartphones beherrschen den Markt immer mehr und reichen dem Gelegenheitsknipser inzwischen mehr als nur aus. Dafür wächst der Videomarkt. Und auch hier haben Smartphones inzwischen einen Qualitätsstand erreicht, der für kommerzielle Gelegenheitsproduktionen bereits ausreicht. Hier wächst aber gleichzeitig der Bedarf an hochwertiger Videotechnik (Link), was auch den Systemkameras zugutekommen und deren Fall etwas abbremsen dürfte.

© Photoindustrie-Verband. Was ist die Zukunft der Foto- und Bildbearbeitungstechnik? Teil I.
© Photoindustrie-Verband

Die Frage ist also eher, ob Fotokameras in Zeiten von Video überhaupt noch ihre Beliebtheit halten können. Die Jugend ist inzwischen fast komplett bei der reinen Video-Plattform TikTok unterwegs – auch noch bei Instagram (ebenfalls zunehmend eine Video-Plattform). Auf der Suche nach Inhalten und Wissen bevorzugen übrigens fast 40 Prozent der Generation Z (um den Jahrtausendwechsel geboren) schon eine Suche auf diesen beiden Plattformen gegenüber herkömmlichen Suchmaschinen wie Google (Quelle). „Schnöde“ Fotos treten in der schnelllebig-bunten Videoeffekte-Welt nach und nach in den Hintergrund.

Einen extremen weiteren Schub in diese Richtung könnten insbesondere smarte Videokontaktlinsen bringen, da diese viele Einschränkungen großer Film- und kleiner Action-Cams gar nicht mehr hätten und direkt aus dem Auge in die hektischen Social-Media-Kanäle gestreamt werden könnten.

Noch Zukunftsmusik … Smarte Kontaktlinsen.

Zukunft der Foto- und Bildbearbeitungstechnik? Meine aktuelle Meinung

Auch Systemkameras haben eine Zukunft, wenn ich einmal meine eigenen Erfahrungen und Ansprüchen als Maßstab anlege:

Was Kameras von Smartphones lernen könnten

Den meisten „echten Kameras“ fehlt vielleicht etwas, was Smartphones jetzt schon seit Langem beherrschen: computational photography. Anders als bei der „puren“ Fotografie werden hier nicht einfach die Photonen einer Szene durch die Optik auf den Sensor geleitet und daraus ein Bild erzeugt.

Smartphones nehmen für die „computational photography“ mehrere Fotos in Serie auf, mit mehreren Kameras und LIDAR-Sensoren gleichzeitig, und alle Einzelbilder werden dann – zusammen mit Korrekturprofilen und KI-Algorithmen – zu optimalen Bilderergebnissen verrechnet. Das eröffnet eine Reihe von beeindruckenden Möglichkeiten:

  • Rausch-Reduktion,
  • Langzeitbelichtungen aus der Hand,
  • Reduktion von Objektivfehlern,
  • Entfernung perspektivischer Verzerrungen (zum Beispiel bei Weitwinkelporträts im Nahbereich – auch Selfies genannt),
  • man kann nachträglich das beste Foto aus einer Serie von Fotos aussuchen, die kurz vor oder nach dem eigentlichen Auslösen aufgenommen wurden (bei Olympus gibt es das schon, als „Pro Cap“),
  • man kann die Serie von Fotos nachträglich zu einer Langzeitbelichtung oder zu einer Animation zusammenfügen,
  • eine per LIDAR aufgenommene oder per KI aus dem Foto abgeleitete Tiefen-Map erlaubt die unterschiedliche Nachbearbeitung von Vorder- und Hintergrund des Fotos – etwa das realistische Weichzeichnen mit verschiedenen Bokeh-Formen
  • Und vieles mehr.
Mit dem iPhone ohne Stativ aufgenommen und ebenda in Lightroom (Mobile/Cloud) bearbeitet. Wenn man nicht mehr Brennweite als bis circa 60 mm (KB-äquivalent) braucht, kann man schon infragestellen, ob sich das Mitschleppen besseren Euqipments lohnt. © Olaf Giermann
Mit dem iPhone ohne Stativ aufgenommen und ebenda in Lightroom (Mobile/Cloud) bearbeitet. Wenn man nicht mehr Brennweite als bis circa 60 mm (KB-äquivalent) braucht, kann man schon Infrage stellen, ob sich das Mitschleppen besseren Euqipments lohnt. © Olaf Giermann

Eine KI könnte sich sogar um die Auslösung der Kamera kümmern. Also etwa dann auslösen, wenn wirklich alle Personen für ein Gruppenfoto lächeln und die Augen geöffnet haben.

Auf jeden Fall könnte uns all das viel mehr kreative Kontrolle bringen:

„Das Spannende an der computergestützten Fotografie ist, dass sie dem Künstler nicht die Kontrolle entzieht, sondern ihm mehr Kontrolle gibt, und zwar direkt bei der Aufnahme. Ein Beispiel dafür sind die Dual Exposure Controls von Pixel – getrennte Regler für Lichter und Schatten anstelle eines einzigen Reglers für die Belichtungskorrektur. Ein weiteres Beispiel sind die fotografischen Stile von Apple, die direkt im Sucher angezeigt werden. Dies ist nur die Spitze des Eisbergs. Wir werden in Zukunft mehr Steuerelemente und mehr Möglichkeiten für künstlerischen Ausdruck in Kameras sehen.“ (Quelle im Original: Marc Levoy (Adobe))

Warum Features nicht alles sind

Rein pragmatisch gesehen, ist das alles ganz toll und effektiv. Mir geht es aber so, dass ich mit dem Handy nie so richtig in Fotostimmung komme. Dieses Entdeckergefühl wie bei einem Fotowalk oder die Spielfreude bei einem Model-Shoot stellt sich erst mit einer richtigen Kamera ein, bei der ich selbst die Kontrolle über alle Parameter der Kamera habe.

Smartphones fehlt es vor allem an Brennweite und Lichtstärke. Eine perspektivische Stauchung oder butterweiche Vorder- und Hintergründe lassen sich daher nur – wenn überhaupt – durch nachträgliche KI-basierte Bildveränderungen erzielen. Perspektive ist da vergleichsweise schwierig, Bokeh aber jetzt schon halbwegs gut umsetzbar. Dennoch bleiben Fotos wie dieses (85 mm, f/1.8 an Vollformat) mit einem Smartphone schwierig. @Olaf Giermann
Smartphones fehlt es vor allem an Brennweite und Lichtstärke. Eine perspektivische Stauchung oder butterweiche Vorder- und Hintergründe lassen sich daher nur – wenn überhaupt – durch nachträgliche KI-basierte Bildveränderungen erzielen. Perspektive ist da vergleichsweise schwierig, Bokeh aber jetzt schon halbwegs gut umsetzbar. Dennoch bleiben Fotos wie dieses (85 mm, f/1.8 an Vollformat) mit einem Smartphone schwierig. @Olaf Giermann

Deshalb schlagen in meiner Brust zwei Herzen: Einerseits freue ich mich darüber, was schon das Smartphone alles kann. Andererseits macht mich dann doch erst die richtige Kamera in der Hand glücklich. Genauso wie das Nachbearbeiten am Schreibtisch und an einem richtigen (großen) Monitor. 😉

Geht es Ihnen auch so? Oder könnten Sie sich vorstellen, eines Tages auf die Kamera zu verzichten und alles mit einem Smartphone zu erledigen (vorausgesetzt, die Bild-Qualität wäre dieselbe)?

In Teil 2 erfahren Sie nächste Woche an dieser Stelle meine Gedanken zum Thema: „Die Zukunft von Bildbearbeitung und 3D“

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Olaf Giermann

Sein Erstkontakt mit Photoshop erfolgte 2003 an der Uni, an der das Programm als reine Scanner-Software eingesetzt wurde. Inzwischen gilt Giermann sprichwörtlich als das »Photoshop-Lexikon« im deutschsprachigen Raum und teilt sein Wissen in DOCMA, in Video­kursen und in Seminaren.

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8 Kommentare

  1. Kraut und Rüben gut durchmischt!
    Was hat denn die mögliche Aufgabe einer Kameratechnik, nämlich von DSLRs, mit der Zukunft der Fotografie zu tun? Sich ändernde Technik bringt weitere, zusätzliche Möglichkeiten, andere Werkzeuge, anderen Umgang, kein Ende der Fotografie.

    Was wurde mit analogem Filmmaterial über den Farbstich einzelner Fabrikate diskutiert, eher gejammert.
    Nun hat man mit Digitalkameras einen recht guten Weißabgleich und wovon träumen die innovativen Bildbearbeiter? Von Presets, mit denen sie alte Filme möglichst gut nachbilden können.

    So wie jetzt jede und jeder mindestens ein Samrtphone mit sich trägt, muss dieses natürlich auch für das Knipsen genutzt werden. Man muss ja den festgehaltenen Augenblick unbedingt sofort möglichst vielen via social-media zeigen. Wahrscheinlich wird die Industrie für die vielen Handy-Videos auch bald Fernsehgeräte im Hochformat anbieten.
    Also, um die Zukunft der Fotografie mache ich mir keine Sorgen, was gerade hip ist sieht man in der Glaskugel.

    1. „ Was hat denn die mögliche Aufgabe einer Kameratechnik, nämlich von DSLRs, mit der Zukunft der Fotografie zu tun? “

      Worauf bezieht sich die Frage? Hier ging es jedenfalls nicht um die Zukunft der Fotografie an sich, sondern um die Technik dafür, die ein wichtiger Teil der Fotografie ist. 🤷‍♂️

      1. ” Hier ging es jedenfalls nicht um die Zukunft der Fotografie an sich, sondern um die Technik dafür, die ein wichtiger Teil der Fotografie ist.”
        Das hatte ich ja ausgedrückt: Der Inhalt hat mit dem Titel nur entfernt zu tun, weil die innerhirnlichen Assoziationen des Autors im Blog fehlen.
        Wichtig ist das Endergebnis, nicht die verwendete Ausrüstung. Wichtig ist das Foto, nicht der Produktionsweg. Für das handwerkliche Erlernen muss man sich mit Möglichkeiten und Technik möglichst eingehend befassen, dass das immer schon möglichst wenige möchten beweisen ja der weitgehende Verzicht auf Handbücher und Meinungsäußerungen, dass man ein mit Funktionen vollgestopftes Gerät ohne Verwendung eines Manuals nutzen können muss.

  2. Dass sich das “Foto-Gefühl” erst mit einer “richtigen” Kamera einstellt liegt vermutlich an Ihrer Sozialisierung, oder? Menschen, die mit dem Smartphone als Kamera aufwachsen dürften das wohl eher als antiquiert betrachten.
    Abgesehen davon bieten “richtige” Kameras für mich vor allem Sensorgröße, ergonomische Vorteile und Verlässlichkeit.

    1. Nee, mit der Sozialisierung hat das zumindest bei mir nix zu tun. Eher mit Haptik, Sucher, Brennweiten … Knöpfe drehen und drücken ist schon etwas anderes als auf einem Bildschirm herumzuwischen. Aber für letztere sind auch haptische Feedbacktechnologien in Entwicklung. Mal schauen, wo die Reise hingeht. 😉

  3. Bei mir trifft vor allem der letzte Teil des Artikels den Nerv! Auch bei mir stellt sich die Kreativität beim Fotografieren erst bei einer konventionellen Kamera ein. Ja, mag sein dass das simple Gewohnheit ist. Obwohl ich selbst im Urlaub immer öfter und lieber ein Smartphone verwende (der Bequemlichkeit und der mittlerweile fast perfekten Technik geschuldet), nervt mich das Fehlen eines Suchers und der jeweils benötigten Brennweite. Mit dem Smartphone bin ich bestenfalls ein „überlegter Knipser“, mit der konventionellen Kamera schon viel mehr der kreative Fotograf.

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