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Varoufakis’ Stinkefinger – gefälscht, echt … oder gerechtfertigt?

9 Muenze

Montage: Doc Baumann

 

„Unser Video ist zu 100 Prozent echt“, „hatte Jan Böhmermann vom Neo Magazin Royale am Donnerstag mit Bezug auf seine Sendung erklärt, in der die Anfertigung des vorgeblichen Finger-Fakes gezeigt wurde. „Wer das Gegenteil behauptet, ist ein Lügner. Als Entschuldigung und Zeichen des guten Willens gegenüber unseren europäischen Freunden sollten Günther Jauch und die Redaktion der ‘Bild’-Zeitung umgehend die Eurozone freiwillig verlassen. Die Unterstellung, dass das Video ein von uns manipulierter Fakefake-Fakefakefake sei, ist absolut haltlos. Niemals würden wir die notwendige journalistische Debatte über einen zwei Jahre alten, aus dem Zusammenhang gerissenen Stinkefinger und all diejenigen, die diese Debatte ernsthaft öffentlich führen, derart skrupellos der Lächerlichkeit preisgeben.”

Wie auch immer. Die Freitag Nacht offiziell ausgestrahlte Dokumentation – ob mit oder ohne Anführungszeichen – vom Neo Magazin Royale ist jedenfalls phantastisch, und wenn sie wirklich eine Fälschung war, dann eine mit der Qualität von Orson Welles’ Hörspiel „Krieg der Welten“, das 1938 zahllose Zuhörer an den Radios in Panik versetzte. (Immerhin wurde statt des Stinkefingers der Arm ohne diesen perfekt einmontiert.)

Geschürte Empörung

Ob Fake oder nicht – wirklich spannend an der ganzen Angelegenheit ist eigentlich die Art und Weise, wie die neue griechische Regierung von unseren Politikern und Medien vorgeführt wird – in diesem Fall durch eine aus dem Zusammenhang gerissene Videosequenz, die – echt oder gefälscht – eine Jahre zurückliegende Situation zeigt, als Varoufakis noch gar kein Minister war.

Nachdem Griechenland 2001 der Euro-Zone beigetreten war, sickerte langsam durch, dass dieser Beitritt nur aufgrund eines Fakes möglich geworden war; hätte die damalige griechische Regierung nämlich die tatsächlichen Verschuldungszahlen genannt, wären die Beitrittskriterien nicht erfüllt gewesen. Wo waren damals die Vertreter von Troika oder vergleichbaren Institutionen, die diese Zahlen intensiv geprüft hätten?

Zwar gab es später durchaus eine gewisse Verärgerung in Europa über das griechische Verhalten. Aber im Vergleich zu den derzeitigen Angriffen gegen das Land war die seinerzeit sehr verhalten, sowohl seitens der meisten Medien wie bei den Politikern. Das Interesse an Griechenland als Absatzmarkt in der Euro-Zone war eben stärker.

Erpresste Reformen – in wessen Interesse?

Noch als Jahre später die zunehmende Verschuldung Griechenlands weitgehend bekannt war, reiste Kanzlerin Merkel eigens nach Hellas und drehte den Griechen quasi im Auftrag der deutschen Rüstungsindustrie Waffensysteme für Hunderte von Millionen Euro an. (Natürlich war diese Aufrüstung dringend nötig, um im griechisch-türkischen Wettrüsten mithalten zu können – beide Länder sind Mitglied der NATO!)

Als die griechische Finanzkrise immer deutlicher wurde, stürzten sich unsere Medien und Politiker auf überbezahlte Staatsangestellte und Arbeiter, die zudem kaum zum Dienst erscheinen (eine durchaus gerechtfertigte Kritik an Korruption und Vetternwirtschaft), aber es war kaum die Rede von der Begünstigung der Reichen oder der orthodoxen Kirche, von Steuerflucht ins Ausland und Konzerninteressen.

Wie bei der „Unterstützung“ vieler anderer armer Länder ging es wohl vor allem darum, sie zum Verscherbeln von Staatseigentum zu nötigen und die Bürger in die Abhängigkeit von multinationalen Unternehmen zu bringen, die mit der Grundversorgung von Wasser und Energie, dem Transportwesen, medizinischer Versorgung usw. Milliardenprofite einfahren wollen. Ein zentrales Standbein der sogenannten „Reformen“ ist die weitestgehende Privatisierung des öffentlichen Sektors. Dieser Bereich ist Milliarden wert und wird in Zukunft Milliarden einnehmen – die Frage ist nur, wer sie einnimmt und über die Preise bestimmt – der eigene Staat oder Konzerne. (Man erinnere sich an die sogenannte „Treuhand“ nach der deutschen Vereinigung.)

Kaum der Erwähnung wert scheint den europäischen Politikern (und den Banken erst recht nicht), dass das bisherige Sparprogramm wenig gebracht hat und dieses wenige nicht im Interesse der Bürger lag, sondern nur in dem der Wirtschaft. Der Anteil armer Menschen schnellte ebenso nach oben wie etwa die Säuglingssterblichkeit, die meisten können sich keine Krankenhausbehandlungen mehr leisten, viele leben an der Elendsgrenze und können Essen und Energie nicht mehr bezahlen. Wenn nun die neue griechische Regierung für diese Menschen Armenspeisungen und Stromkosten-Zuschüsse beschließt, schimpfen die Euro-Politiker über die Nichteinhaltung der Reformmaßnahmen. Allen voran die deutschen aus der „Christlichen“ Union.

Natürlich darf Griechenland nicht auf Kosten der anderen Europäer leben, muss Korruption, Steuerhinterziehung und Vetternwirtschaft bekämpfen und sich endlich auch an die Besteuerung der Superreichen und der immens wohlhabenden orthodoxen Kirche wagen. Die Forderung nach deutschen Reparationen aus dem Zweiten Weltkrieg zu diesem Zeitpunkt ist zumindest nicht sehr geschickt. Irgendwann müssen auch die Milliardenkredite – die bisher fast ausschließlich den Banken und nicht der Bevölkerung genutzt haben – zurückgezahlt werden. Aber ein Land, das zunehmend verarmt und in den Bankrott getrieben wird, wird das niemals können. Sehen das die Euro-Politiker nicht? Interessiert sie diese Verelendung nicht? Oder ist genau diese Entwicklung gewünscht – wenn sich Griechenland der totalen Privatisierung seines öffentlichen Sektors weiterhin widersetzt?

Dann darf man hoffen, dass das Video doch keine Fälschung war und Varoufakis seine Geste bald wiederholt.

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