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Nicht mehr meine Welt

 

Hatten Sie schon mal das Gefühl, nicht mehr wirklich wichtig genommen zu werden, das fünfte Rad am Wagen und nur noch um der alten Zeiten willen geduldet zu sein? So müsste es heutzutage jedem gehen, der Digitalkameras und Computer nutzt – und tun wir das nicht alle?

Man mag es leugnen, aber wir neigen dazu, davon auszugehen, dass sich die Welt um uns selbst und unsere Bedürfnisse dreht. Wenn wir ehrlich sind, wissen wir aber auch, dass das nicht stimmt. Wir fotografieren mit Digitalkameras und bearbeiten unsere Bilder am Computer, und wir nehmen irgendwie an, dass den Herstellern von Bildsensoren, Prozessoren, Grafikchips und Speicherbausteinen unsere Bedürfnisse am Herzen liegen. Tun sie das wirklich?

Es ist schon lange her, dass Kameras – Fotoapparate, um es mit einem altertümlichen Begriff auf den Punkt zu bringen – die Art von Geräten waren, die den Zielmarkt der Sensorhersteller bildeten. Schon vor Jahren wurden die Kameramodule von Smartphones immer wichtiger, wie man anhand der aktuellen Patentanmeldungen feststellen konnte, aber die größeren Sensoren profitierten im Nachhinein von allen Innovationen, die für kleinere Sensorformate entwickelt wurden. Die BSI-Technologie ist mittlerweile im Kleinbildbereich angekommen, wurde aber eigentlich für fingernagelgroße Sensoren entwickelt, deren Pixel so klein waren, dass lichtstarke Objektive sinnlos gewesen wäre, wenn deren Licht bei einem FSI-Sensor größtenteils in der Verdrahtung hängen bliebe. Heute ist die BSI-Technologie, die die Verdrahtung auf die Rückseite des Sensors verlegt, der Standard.

Inzwischen spielen auch die Smartphone-Hersteller nur noch die zweite Geige; es sind die Automobilhersteller, deren Belange die Sensorhersteller im Auge haben. Schließlich braucht ein Auto bald nicht mehr nur eine Kamera als rückwärtige Einparkhilfe; sich selbst steuernde Fahrzeuge müssen rundum sehen. Ob wir Fotografen einen Nutzen von der Forschung und Entwicklung in diesem Bereich haben, ist fraglich und eher zufällig. Wie die DigiTimes berichtet, baut Samsung seine Fertigungskapazität aus, um Sony in diesem Bereich zu überflügeln, und dabei geht es, natürlich, um Sensoren für die Automobilindustrie.

Im Computerbereich sieht es ähnlich aus. Früher dachte man, Prozessor-Chips würden für Computeranwender entwickelt, vielleicht noch für Spielekonsolen, aber auch damit ist es vorbei. IoT (das Internet of Things) und Server-Farmen für das Cloud-Computing sind die Hauptabnehmer für solche Komponenten. Und Grafikkarten? Dass die schnellen GPUs für Photoshop-Anwender entwickelt würden, hatte wohl niemand vermutet, aber auch Gamer, früher die Hauptzielgruppe, werden nur noch geduldet. Eine GPU, die einfache Aufgaben massiv parallel ausführen kann, eignet sich für vielerlei Aufgaben, beispielsweise für das maschinelle Lernen mit neuronalen Netzen, und zunehmend sind es solche Anwendungen, für die diese Komponenten optimiert werden. Nvidia entwickelt in Kooperation mit Baidu, dem chinesischen Google-Pendant, Prozessoren für autonom fahrende Autos.

Hoffen wir also mal, dass wir weiterhin geduldet werden und dass sich unsere Bedürfnisse auch in Zukunft noch mit denen der wichtigeren Kunden der Halbleiterhersteller vereinbaren lassen. Wirklich sicher ist das nicht.

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Michael J. Hußmann

Michael J. Hußmann gilt als führender Experte für die Technik von Kameras und Objektiven im deutschsprachigen Raum. Er hat Informatik und Linguistik studiert und für einige Jahre als Wissenschaftler im Bereich der Künstlichen Intelligenz gearbeitet.

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5 Kommentare

  1. Das mag der Realität entsprechen, wie aber der dicke Mann aus Oggersheim (Helmut Kohl) damals schon zu sagen pflegte: entscheidend ist, was hinten raus kommt. Will sagen, dass es letztlich keine Rolle spielt für wen die ürsprüngliche Entwicklung stattgefunden hat, es ist entscheidend wer die Profiteure davon sind. Und sind nicht in den letzten Jahren auf dem Kameramarkt Quantensprünge geschehen? Man stelle sich vor, solch geldgewaltige Industrien wie die Automobilhersteller würden keinen Bedarf an Technik anmelden, würde die Entwicklung in dem Maß weiter voran schreiten? Wären die Käufer von Fotoapparaten bereit, die Entwicklungen über teurer werdende Produkte zu finanzieren? So eine Querfinanzierung hat auch Vorteile. Das exklusive Gefühl mag dabei verloren gehen – aber am Ende des Tages macht das keine Neuerung wett.

    1. Hallo dirk: Kann ich sogar verstehen deine Ansicht, nur machen wir uns bitte nichts vor, es wird uns noch bitter treffen „unsere schnellen Quantensprünge „ etwas langsamer wäre auf jedenfalls gesünder und zwar für alle Menschen. Kannste Glauben!

    2. Als Physiker stört mich, dass immer mehr Leute Dinge falsch zitieren. Ein Quantensprung, ist die kleinste Energie-Manifestation, die wir kennen.
      Schon beim Atom sind die Dimensionen ungewohnt. Vergrössert man ein Atom so, dass es gerade in ein Fussball-Stadion passt, entspricht der Kern einem Reiskorn auf dem Anspiel-Punkt. Dieser besteht wiederum aus diversen Teilen, welche dann als kleinste bekannte Einheit ein Quant ist. Nicht zu verwechseln mit der Familie Quandt, die deutlich grösser, aber weniger einflussreich ist 😉
      Heutige Top-Kameras können schon weit mehr als wir ausnutzen können. Wenn die Entwicklung nicht mehr wesentlich weitergeht, stört es das Ergebnis kaum. Schliesslich werden auch Golf und Tennis-Schläger nicht mehr stark verbessert. Trotzdem wird dieses Hobby und auch der Sport weiter gepflegt!

      1. Ja, die falsche Verwendung von „Quantensprung“ stört mich auch, und ich bin nicht einmal Physiker, aber es steht zu befürchten, dass „Quantensprung“ in der Umgangssprache heutzutage eben genau das meint und sich niemand mehr davon abbringen lässt.

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