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Machen Sie ruhig blau!

Macht Blau blind?“ hatte ich vor drei Jahren an dieser Stelle gefragt – es gab konkrete Hinweise darauf, dass blaues Licht die Sehzellen unserer Augen schädigen könnte. Also beispielsweise das Licht der Displays, auf die wir während der Arbeit und in unserer Freizeit schauen. Die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft gibt für Blau nun Entwarnung.

Machen Sie ruhig blau!
Blauer Himmel – eine Gefahr für unsere Augen?

Die potentielle Gefahr für unsere Augen hatte sich damals in Laborversuchen gezeigt: Retinal, eine chemische Verbindung, die von entscheidender Bedeutung für unser Sehvermögen ist, kann sich durch die Bestrahlung mit blauem Licht in ein Zellgift verwandeln, das menschliche Zellen – und damit auch die Sehnerven selbst – zerstört. Jedenfalls im Prinzip; ob der Anteil an blauem Licht, mit dem wir es im Alltag zu tun haben, tatsächlich gefährlich ist, blieb zweifelhaft. Im Laufe der Evolution haben sich schließlich wirksame Schutzmechanismen gegen das allgegenwärtige blaue Licht entwickelt: In der Makula, der Zone des schärfsten Sehens in der Netzhaut, sind gelbe Pigmente eingelagert, die blaues Licht absorbieren – deshalb auch der lateinische Name Macula lutea („gelber Fleck“).

Diese Zweifel bestätigt die Deutsche Ophtahalmologische Gesellschaft in einer Pressemeldung anlässlich ihrer Jahrestagung, die auch das Thema „Mythos Blaulichtschaden?“ in einem Symposium behandelt. Wie Michael Bach, Professor Emeritus am Universitätsklinikum Freiburg, sagt, „ist die Lichtstärke bei der Nutzung elektronischer Geräte viel zu gering, um Netzhautschäden an den Augen hervorzurufen“. Im Freien haben wir es mit Licht in einer ganz anderen Größenordnung zu tun, denn schon der bedeckte Himmel an einem Wintertag erreicht 5000 lux; die Sommersonne kommt auf 100.000 lux. Die Helligkeit eines typischen Displays beträgt dagegen bloß 500 lux oder weniger (bei einem empfohlenen Abstand von 50 Zentimetern). „Auch wenn Kinder durch Corona-bedingten Fernunterricht stundenlang vor Bildschirmen sitzen, sind zumindest Blaulicht-Augenschäden dadurch nicht zu befürchten“, so Professor Bach.

Spezielle Kontaktlinsen oder Brillen, die schädliches blaues Licht herausfiltern sollen, sind daher überflüssig. Eine im Februar veröffentlichte Studie hat gezeigt, dass Blau blockierende Linsen gegenüber gewöhnlichen Kontaktlinsen keinerlei Vorteil bieten.

Ein Übermaß an blauem Licht wurde auch für Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus verantwortlich gemacht. Wir sind es gewohnt, dass die Farbtemperatur vom bläulichen Tageslicht zum rötlicheren Kunstlicht am Abend hin abnimmt, während das Licht des Bildschirms meist auf tageslicht-typische Farbtemperaturen um 6500 K kalibriert bleibt. Wenn wir noch am späten Abend bläulichem Licht ausgesetzt sind, könnte das die Melatoninproduktion der Zirbeldrüse durcheinanderbringen, die unseren Schlaf-Wach-Rhythmus steuert. Apple hat deshalb eine „NightShift“-Funktion in macOS und iOS integriert, die die Farbtemperatur am Abend absenken und den natürlichen Wechsel des Lichts simulieren kann. In einer neuen Studie haben sich solche Anpassungen jedoch als unwirksam und unnötig erwiesen. Wer seinen Augen etwas Gutes tun will, so Professor Bach, kann die Display-Helligkeit am Abend reduzieren – mehr ist nicht zu tun. macOS und iOS passen die Displayhelligkeit ohnehin schon automatisch dem Umgebungslicht an.

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Michael J. Hußmann

Michael J. Hußmann gilt als führender Experte für die Technik von Kameras und Objektiven im deutschsprachigen Raum. Er hat Informatik und Linguistik studiert und für einige Jahre als Wissenschaftler im Bereich der Künstlichen Intelligenz gearbeitet.

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