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Leer-Sätze: Kunst nach Photoshop

57 Kunst

Michel Majerus: controlling the moonlight maze, 2002, Foto: Doc Baumann, mit freundlicher Genehmigung der Ausstellung „Images“ im Museum Fridericianum, Kassel

„Kunst nach 1945“ hat etwas mit einem Zeitabschnitt zu tun – „Kunst nach Photoshop“ dagegen bezieht sich auf unser aller Lieblings-Programm als Vorlagenlieferanten. In Kassel läuft derzeit die Ausstellung „Images“. Doc Baumann hat sie sich angesehen; vor allem ein Gemälde von Michel Majerus, in dem er nicht mehr als eine schlichte Wischfinger-Spur erkennen konnte. Ist das Kunst?

 Mit zeitgenössischer Kunst habe ich meine Probleme. Um ehrlich zu sein, mit dem meisten, was seit dem Impressionismus produziert wurde. Früher hat mir diese Haltung Sorgen bereitet. Heute nicht mehr – ich habe mich auf den Standpunkt zurückgezogen, dass mich eigentlich nicht Kunst interessiert, sondern Bilder. Wobei man seit rund einem Jahrhundert ausdrücklich ergänzen muss, um Missverständnisse zu vermeiden: Bilder, die sichtbare Realität wiedergeben, interpretieren, verdichten, verfremden, akzentuieren … Es geht mir also nicht um platten Naturalismus. Aber ich habe – schon lange – keine Lust mehr, mich in die visuellen Privatsprachen von Kunstproduzenten hineinzudenken, die sich mir nicht erschließen.

Insofern muss ich auch nicht mehr darüber nachdenken, ob ein bestimmtes Objekt – meinetwegen auch ein Prozess – nun Kunst ist oder nicht, ob es gute oder schlechte Kunst ist oder gar keine. Dieser Aspekt interessiert mich einfach nicht. Ich gehe davon aus, wenn ein Rahmen darum ist, es auf einem Sockel steht, ein Schildchen daneben klebt, es in einem Katalog beschrieben und in einem Museum ausgestellt wird – dann werden es zumindest einige Leute für Kunst halten.

Anders als bei meinen Bildkritiken, die sich auf Argumente gründen, habe ich bei meinem Desinteresse für Kunst keineswegs den Anspruch, damit richtig zu liegen oder diese Haltung verteidigen zu müssen. Ich will niemanden überzeugen. Anders ausgedrückt: Ästhetische Präferenzen liegen außerhalb der Zone diskursiver Begründbarkeit. Ich kann mit dem Zeugs nichts anfangen – wenn andere das können und die Werke schätzen, gönne ich ihnen das gern. Dabei ist es auch völlig nebensächlich, dass ich promovierter Kunstwissenschaftler bin. Nicht ganz so nebensächlich ist, dass ich in der Zeit, als ich an der Uni noch in diesem Bereich gearbeitet und mich insbesondere für Rezeptionsforschung interessiert habe, ich mit vielen Künstlern gesprochen habe. Besonders gut erinnere ich mich an ein Gespräch mit Beuys anlässlich der documenta 6 in Kassel. Ich hatte zuvor mit über 100 Ausstellungsbesuchern vor einem seiner Werke im Museum Fridericianum ausführliche Interviews geführt, besonders zu ihren Interpretationen davon. Die hatten nun freilich mit Beuys’ Intentionen wenig zu tun – was ihn allerdings keineswegs verunsicherte; er wies die erhobenen Daten einfach zurück und behauptete unverrückbar, die Menschen wüssten ganz genau, was er damit gemeint habe.

Wenn diese Einstellung Künstler glücklich macht und ihnen, den Galeristen und Feuilleton-Autoren dabei hilft, Geld zu verdienen – sei’s drum!

 

Das Stammhaus der documenta ist eben dieses Museum Fridercianum in Kassel – nebenbei: eines der ersten öffentlichen Museen weltweit. An diesem Ort wird bis Mai 2016 die Ausstellung „Images“ gezeigt. Das Gebäude ist mir wohl vertraut; nicht nur wegen der documenta. Im Sommer 1969 habe ich dort meine erste Ausstellung gezeigt und viele Wochen verbracht. Da ich dort auch meine erste Freundin kennengelernt habe, sollte ich eigentlich die schönsten Assoziationen damit verbinden. Tue ich aber nicht. Und das –  Sie werden es kaum glauben – aus typographischen Gründen.

Denn seit einigen Jahren hat sich das Museum einen Schriftzug zugelegt, der bei mir bei jedem Anschauen fast körperlich intensiv empfundenen Widerwillen auslöst. Ich könnte verzeihen, wenn statt einer historisch angemessenen klassizistischen Antiqua eine andere Schrifttype verwendet würde. Selbst die eingesetzte banale Allerwelts-Antiqua könnte ich tolerieren. Aber die – abgesehen vom schlechten Buchstabenausgleich – grauenvolle Vergewaltigung von F und E lässt mich jedes Mal erschauern. Oder volkstümlicher: Ich könnte kotzen! Es geht ja schließlich nicht um eine Spedition oder Autowerkstatt, sondern um einen Kunst-Tempel.

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In diesem Gebäude also, dem Fridericianum, wird nun mit „Images“ Gegenwartskunst präsentiert. Angesichts meiner Abneigung gegen dieselbe wäre ich nie auf die Idee gekommen, mir diese Ausstellung anzuschauen – hätte ich nicht bei der Berichterstattung darüber das Foto eines großformatigen Gemäldes gesehen, das mich sofort an Photoshops Wischfinger-Werkzeug erinnerte. Oder sagen wir: An spielerisches Ausprobieren des Tools, solange man nicht weiß, wie man es sinnvoll einsetzt.

Man kann das mögen oder nicht. Ich mag es nicht und finde es belanglos. (Der Künstler Michel Majerus, der dieses „controlling the moonlight maze“ 2002 auf einigen Quadratmetern als Gemälde realisiert hat, ist im selben Jahr gestorben. Ich weiß: „Über die Toten nichts, wenn nichts Gutes.“ Ich finde es trotzdem banal.)

Man kann das aber auch ganz anders sehen: „Als originärer Raum der Kunst erweitert sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts mittels neuer Technologien der imaginäre Raum. Im permanenten Wechselspiel durchdringt und formt das Imaginäre die Realität. Mehr und mehr gewinnt das imaginäre Potenzial des Bildes an Bedeutung.

Der Begriff des image bezeichnet diesen Prozess. Die in der Ausstellung gezeigten Arbeiten untersuchen das Bild im Moment seiner grundsätzlichen Neubestimmung. Durch die Veränderungen in Genese, Distribution, Funktion und Auftrag des Bildes wird das Bild selbst Ausgangspunkt wie Gegenstand künstlerischer Auseinandersetzung.

Permanenter Transformation und freier Zirkulation der Bilder setzen die Künstler der Ausstellung ein konzentriertes Innehalten entgegen. Jenseits von Fragen nach Materialität werden vorhandene Bilder neu formatiert. Mittels rhythmischer Verzögerung werden die Bilder auf ihr imaginäres Potenzial und ihre Rückkopplung an das Reale untersucht. Losgelöst von Hierarchien sind die Bilder gleich, austauschbar und ortlos, sie sind allein Medium der Reflexion.“ (http://www.fridericianum.org/exhibitions/images)

Zu meinem Blog-Beitrag in der letzten Woche merkte ein Kommentator weise an, es sei gar nicht, wie von mir behauptet, weltbewegend, dass DOCMA 69 erschienen sei. Da hat er recht, und ich schlug vor, künftig warnend „Ironie“ darüber zu schreiben, wenn ich Sätze nicht ganz ernst meine. Würde der oben zitierte Text von mir stammen, hätte ich das jetzt entsprechend ergänzen müssen. Ein „Mittels rhythmischer Verzögerung werden die Bilder auf ihr imaginäres Potenzial und ihre Rückkopplung an das Reale untersucht“ muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Viel mehr kann man damit allerdings kaum machen – mich erinnern diese Sätze an Benedikt XVI. Bücher über Jesus; nicht vom Inhalt her, von der Struktur. Klingt alles tiefsinnig und bedeutsam. Versucht man allerdings, diese Bedeutung zu erschließen, landet man in einer Welt aus Zuckerwatte und Dämmstoffen.

Aber das ist kein Einzelfall: Ausstellungskataloge, Kunstbücher und die Feuilletonseiten sind voll mit solchen Leer-Sätzen. Aber vielleicht bin ich ja auch nur zu blöd; ich verstehe weder die moderne Kunst noch ihre Interpreten. Deswegen sehe ich in Majerus’ „kontrolliertem Mondlicht-Labyrinth“ (ist bestimmt hoch-poetisch) eben auch nur eine großformatig abgemalte, etwas unbeholfene Wischfinger-Spur. Bereits 2002 hätte man diese Datei einfach großformatig ausdrucken können – vielleicht besteht die Kunst ja in diesem Abmalen, mit Farben auf Leinwand … mit rhythmischer Verzögerung.

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Doc Baumann: Hypnerotomachia Poliphili – Jacobus coniunctio, 2016

  1. terrapixel

    Einen weiteren Eimer bitte. Ich kotze mit!

  2. klickser49

    Diesen Artikel würden sicher sehr Viele unterschreiben – ich denke bei solcher „Kunst“ immer an „Hurz“ von Hape Kerkeling. Lasst uns Eimer kaufen…

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