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Kameraverkaufszahlen: Auf dem absteigenden Ast?

Ich wollte ja nicht schon wieder schlechte Laune verbreiten, aber die ersten beiden Monate dieses Jahres waren für die Kameraindustrie nicht gerade erfolgreich. Morgen werden die CIPA-Zahlen für den März veröffentlicht und es bleibt zu hoffen, dass die Kameraverkaufszahlen wieder anziehen.

Kameraverkaufszahlen
Kameraverkaufszahlen: Die weltweiten Verkaufszahlen von Digitalkameras sind von 2017 auf 2018 zurückgegangen und 2019 gibt bislang auch nicht zu Hoffnungen Anlass. Quelle: CIPA

Natürlich sind zwei Monate noch nicht unbedingt aussagekräftig für ein ganzes Jahr; zudem sind Januar und Februar generell eher schwache Monate. Kameras werden vor allem zwischen März und November gekauft, mit einer Delle im Sommer, wenn die Verbraucher der Nordhalbkugel ihr Geld lieber für Urlaubsreisen als für Kameras und Objektive ausgeben. Der Dezember ist, Weihnachten hin oder her, der umsatzschwächste Monat. Viel Hoffnung gibt das jedoch nicht: Von 2017 auf 2018 sind die Verkaufszahlen in jedem Vergleichsmonat zurückgegangen, und nachdem die Zahlen im Januar und Februar wiederum gegenüber 2018 eingebrochen sind, spricht eigentlich alles dafür, dass auch 2019 kein gutes Jahr werden wird. Morgen werden wir (etwas) mehr wissen, denn der Industrieverband CIPA (Camera & Imaging Products Association) hat angekündigt, am Donnerstag die Zahlen für März zu veröffentlichen.

Nach dem Niedergang der Kompaktkameras hatten viele Hersteller ihre Hoffnung auf Systemkameras gesetzt – insbesondere solche ohne Spiegel. Die Verkaufszahlen der Systemkameras allein sehen aber nicht viel besser aus als die für Digitalkameras insgesamt:

Kameraverkaufszahlen
Kameraverkaufszahlen: 2018 konnten sich der Absatz von Systemkameras noch behaupten – zumindest in der ersten Jahreshälfte. Aber 2019 zeigt erneut einen Rückgang. Quelle: CIPA

Würde man die Spiegelreflexkameras aus der Statistik herausrechnen, sähe das Ergebnis besser aus, denn das DSLR-Segment zeigt den stärksten Rückgang, aber bislang sieht es nicht danach aus, als könnten spiegellose Systemkameras die Kameraindustrie retten. Immerhin muss man es versuchen, denn es ist immer schwieriger zu rechtfertigen, einen großen Teil des Etats für Forschung und Entwicklung für DSLRs auszugeben.

Canon hat bereits die Konsequenzen aus der aktuellen Verkaufsstatistik gezogen und die Gewinnprognose für dieses Jahr um 20 Prozent korrigiert. Den Grund für die einbrechenden Kameraverkaufszahlen sieht Canon in den Smartphones, deren Kameramodule immer besser werden und von immer mehr Hobby-Fotografen als gut genug eingeschätzt werden. Tatsächlich bringt ja jede Smartphone-Modellgeneration deutliche Verbesserungen – gegenüber dem Entwicklungstempo bei Smartphone-Kameras wirkt die klassische Kameraindustrie schläfrig. Und dabei geht es nicht einmal nur um technologische Neuerungen, die zu besseren Bildern führen: Vielleicht der wichtigste Vorteil des Smartphones besteht darin, dass man damit aufgenommene Bilder unverzüglich und ohne ein weiteres Gerät der ganzen Welt (oder wenigstens seinen Freunden) zeigen kann. Keine Kamera klassischer Bauart kann da mithalten. Im besten Fall lassen sich die Aufnahmen halbwegs komfortabel auf das Smartphone übertragen und von dort weiterverbreiten.

Es könnte aber noch einen anderen Grund für die zurückgehende Kauflust geben, der scheinbar im Widerspruch dazu steht: Moderne Kameras haben einen hohen Leistungsstand erreicht und wenn Smartphones heutzutage gut genug für die meisten fotografischen Herausforderungen sind, gilt das für eine in den letzten Jahren erworbene Systemkamera erst recht. Nachfolgemodelle bieten mehr Auflösung, weniger Rauschen und eine höhere Geschwindigkeit, aber die Unterschiede sind graduell, und sie sind nicht dazu geeignet, die eigene Fotografie voranzubringen. Wenn man mit seinen Fotos unzufrieden ist, wird eine neue Kamera oder ein neues Objektiv kaum etwas daran ändern; vielmehr muss man an sich selbst arbeiten, an seiner Technik und am Blick für Motive. Könnte es sein, dass sich diese Erkenntnis zum Schaden der Kameraindustrie langsam durchsetzt? Dann würden die sinkenden Absatzzahlen nicht bedeuten, dass weniger mit Systemkameras fotografiert würde – man sähe nur wenig Grund, ein neues Modell zu kaufen.

Und dann gibt es noch eine dritte Möglichkeit: Ist die Fotografie, jedenfalls die Fotografie mit „richtigen“ Kameras, vielleicht uncool geworden, ohne dass wir es bemerkt hätten? Die Alten merken es ja nie, wenn die Jungen wegen deren komischen Hobbys mit den Augen rollen. Es war schon einmal so, dass die Spiegelreflexfotografie ein angestaubtes Image bekommen hatte: Wer damals mit einer großen Kameraausrüstung unterwegs war, und das nicht beruflich tat, galt als eher skurril. Jemand, vor dem man sich besser in Acht nahm, bevor man zu einem nicht enden wollenden Dia-Abend verhaftet wurde. Die Einführung erschwinglicher DSLRs hatte damals dieses Image entstaubt; Canons „Komm spielen“-Kampagne wies seinerzeit den Weg. Die „ernsthafte Fotografie“ musste von ihrer Ernsthaftigkeit befreit werden, um erneut als junges, cooles Hobby kreativer Leute zu erscheinen.

Eines ist klar: Weder mit mehr Megapixeln noch mit einer Blendenstufe mehr Dynamikumfang oder einem schnelleren Serienbildmodus verschafft man sich bei den Jungs (oder den Mädels, was das betrifft) Respekt. Auch die Fähigkeit, sich in den komplexen Menüsystemen aktueller Kameras fehlerfrei bewegen zu können, nötigt niemandem Bewunderung ab. Das können nur Bilder schaffen, und zwar Bilder, die auch alle sehen können. Die Kameraindustrie täte gut daran, das im Auge zu behalten.

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Michael J. Hußmann

Michael J. Hußmann gilt als führender Experte für die Technik von Kameras und Objektiven im deutschsprachigen Raum. Er hat Informatik und Linguistik studiert und für einige Jahre als Wissenschaftler im Bereich der Künstlichen Intelligenz gearbeitet.

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2 Kommentare

  1. Die Verkaufszahlen sind genau dort angekommen wo sie hingehören, in der Realität. In den vergangenen Jahren haben viele Leute Spiegelreflexsysteme gerkauft und in das Zubehör investiert. 2016 und 2017 war der Boom. Jetzt ist der Markt gesättigt und kein Mensch braucht wieder eine neue Kamera. Der Standart ist 24 Megapixel, was braucht man mehr. Vielleicht der ein oder andere Profi auch gerne mal 36 oder 54 Megapixel. Und dann mal ehrlich, wer kauft zum Beispiel die Nikon Z Reihe, nur weil die keinen Spiegel hat, wenn er eine Nikon D 750 hat. Das Teil ist doch nicht schlecht, oder? Ich habe es wirklich satt, jedes Jahr eine neue Kamera zu kaufen, nur weil ein angeblich neueres besseres Modell auf den Markt kommt.. Beispiel: Nikon D 7200 mit 24 MP und einer tollen Bildausbeute. Jetzt Nikon D 7500 mit 20 MP und nur einem Kartenslot und einem Gehäuse aus Kunststoff, aber gleich mal 400 Euro teurer. Der Verbraucher ist nicht blöd und Fotografen schon gar nicht. Aber bei den Herstellern geht es um schnellen Profit und nicht um gute Kameras. Deshalb soll der Kunde am besten jedes Jahr eine Neue kaufen. Früher kaufte man alle 10 Jahre mal was Neues. Das heutige Zeugs hält ja gar nicht so lange. Trotzdem kaufe ich nicht ständig eine neue Kamera, nur weil dann Nikon, Canon, Sonny oder sonstwer dadurch bessere Verkaufszahlen bekommen. Nachhaltigkeit und Qualität, dass sind die Dinge die den Verbraucher überzeugen und nicht alle 4 Wochen ein neues Modell, dass dann auch noch nicht mal einwandfrei funktioniert. Die Chefetagen suchen nur nach Argumenten, um ihr eigenes Fehlverhalten zu verschleiern.
    Übrigens, der Gebrachtkameramarkt bommt!

  2. Auch der März sieht übel aus. Aber man erkennt ganz klar den Trend zur spiegellosen DSLM (digital single lens mirrorless). Die haben im ersten Quartal 2019 erstmals die Mehrheit! Ok, noch nicht nach Stückzahlen, da liegen sie bei 44% für Q1 bzw. 45% für den März, aber nach Umsatz. Trotz aller Stückzahl-Rückgänge ist der Umsatz der DSLMs im Q1 um 3% gestiegen, während sich der Umsatz mit DSLRs fast halbiert hat -48%, jeweils im Vergleich zum Q1 2018. Der Anteil der DSLMs beträgt 58% am Umsatzkuchen, der der DSLRs nur 42%. Alle Zahlen beziehen sich auf die Auslieferungen.

    Es zeigt Wirkung, dass Canon und Nikon in den letzten Monaten spiegellose Vollformat-Kameras in den Markt gebracht haben. Auf der „mit Spiegel“-Seite kamen dagegen in den letzten 18 Monaten nur Billigmodelle in den Markt, Canon 4000D und 250D sowie Nikon D3500. Auch Sony und Panasonic setzen gezielt auf Kleinbild/Vollformat, und Fuji wagt sich ins Mittelformat. Wenn schon weniger verkauft wird, dann möglichst nur hochwertige Ware.

    In der Analyse der Gründe stimme ich voll mit dem Autor überein. Meine letzte DSLR hatte ich sechs Jahre im Betrieb. Meine aktuelle ist jetzt vier Jahre alt, und ich plane keinen Neukauf. Selbst wenn ich ein neues Modell kaufen wollte, ich könnte noch nicht mal. Für die Canon 7D Mark II ist noch kein Nachfolger in Sicht, obwohl die Kamera seit 2014 auf dem Markt ist.

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