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I’m back – wie man fast jede alte Kleinbild-SLR zur Digitalkamera macht

Die Vinylplatte feiert ein Comeback, obwohl sie technisch längst obsolet ist, und auch die alten analogen Spiegelreflexkameras, die in der Tiefe von Schränken und Kellerregalen lagern, lassen ihren Besitzern keine Ruhe – nun hat eine kleine Gruppe von Enthusiasten einen neuen Versuch gestartet, Kleinbildkameras in das digitale Zeitalter zu retten, genauer: Wie man fast jede alte Kleinbild-SLR zur Digitalkamera macht.

I’m back – wie man fast jede alte Kleinbild-SLR zur Digitalkamera macht
Das Digitalrückteil „I’m Back“ (links) und eine damit zur Digitalkamera umgewandelte Nikon-SLR (rechts)

Als ich zum ersten Mal vom „I’m Back“-Projekt hörte, das analoge Kleinbildkameras mit einem Digitalrückteil zu Digitalkameras umrüsten sollte, dachte ich an eine ähnliche Lösung wie Leicas Digital-Modul R (DMR) von 2005. Das DMR wurde statt der Rückwand an eine R8- oder R9-Spiegelreflexkamera angesetzt. Das DMR basierte auf einem APS-H-Sensor, der im Filmfenster der Kamera Platz fand; die Kamera selbst musste nicht verändert werden und ließ sich ohne DMR weiterhin mit Kleinbildfilm verwenden. Das DMR arbeitete eng verzahnt mit der Kameraelektronik zusammen, so dass Body und Rückteil eine Einheit bildeten. Dafür waren 7440 Euro anzulegen, aber schließlich war das R-System generell nicht für Billigkomponenten bekannt.

„I’m Back“ ist während der Crowdfunding-Kampagne schon für 175 Euro zu haben; wenn man sich zutraut, die Teile selbst zusammenzubauen, kann man den Bastelsatz noch günstiger bekommen. Zudem soll sich das Digitalrückteil mit fast allen analogen SLRs nutzen lassen und dabei auch noch das volle Kleinbildformat nutzen – das vielfach teurere DMR konnte das nicht, denn der Sensor – der größer als seine lichtempfindlich Fläche ist – musste ja durch das Filmfenster passen. Wie ist das möglich?

I’m back – wie man fast jede alte Kleinbild-SLR zur Digitalkamera macht
Auch die legendäre Pentax Spotmatic aus den 60er Jahren kann mit dem Rückteil digital fotografieren. Deren TTL-Belichtungsmessung lässt sich dabei allerdings nicht nutzen, denn für die Belichtungssteuerung sorgt das Rückteil.

Dort, wo man einen Sensor erwarten würde, sitzt beim „I’m Back“ eine Mattscheibe. Auf dieser entsteht ein Bild, das von einem kleinen Kameramodul im Rückteil abfotografiert wird. Wie groß der eingesetzte CMOS-Sensor von Panasonic ist, geben die Entwickler nicht an, aber er dürfte den Sensoren von Smartphones ähneln. Zur Belichtungssteuerung dient ein elektronischer Verschluss („rolling shutter“); der Schlitzverschluss der Kamera wird auf „B“ gestellt und damit praktisch deaktiviert. Über ein Blitzsynchronkabel, die einzige elektrische Verbindung zwischen Kameragehäuse und Rückteil, erfährt das digitale Kameramodul, dass man den Verschluss betätigt hat, und nimmt ein 12-Megapixel-Bild auf. Dessen Qualität wird nicht nur durch den kleinen Sensor, sondern auch durch die Mattscheibe begrenzt, deren Struktur in den bislang verfügbaren Beispielbildern deutlich sichtbar ist. Dafür bleibt die Bildanmutung erhalten, die man von der Fotografie auf Kleinbildfilm kennt, denn es wird ja das vollständige Format erfasst.

I’m back – wie man fast jede alte Kleinbild-SLR zur Digitalkamera macht
Ein mit dem Digitalrückteil „I’m Back“ aufgenommenes Bild. Die Struktur der Mattscheibe, deren Bild das Rückteil abfotografiert, zeichnet sich deutlich ab.

Dass man mit „I’m Back“ weder die Bildqualität einer aktuellen DSLR erreicht, noch der Qualität der analogen Kleinbildfotografie nahe kommt, geben seine Entwickler bereitwillig zu. Es ist eher eine zweckfreie Spielerei und darin dem Ansatz der Lomographie ähnlich. Angesichts der überschaubaren Kosten könnte man durchaus das nie auszuschließende Risiko einer Crowdfunding-Kampagne eingehen, sofern man noch eine Spiegelreflexausrüstung herumliegen hat, die weder im Müll noch in der Vitrine enden soll.

Michael J. Hußmann
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Michael J. Hußmann

Michael J. Hußmann gilt als führender Experte für die Technik von Kameras und Objektiven im deutschsprachigen Raum. Er hat Informatik und Linguistik studiert und für einige Jahre als Wissenschaftler im Bereich der Künstlichen Intelligenz gearbeitet.

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2 Kommentare

  1. Ein weiterer Punkt dürfte bei manchen Kameras, der zusätzliche Stromverbrauch sein, welcher durch den
    offenen Verschluss (Stellung „B“) entsteht.

    Denke dabei z.B. an meine Canon AE-1, welche einen elektromechanischen Verschluss hatt(e). Dürfte also ein weiteres Problem darstellen.
    Wie Michael Hussmann im Artikel so schön geschrieben hat – eher zweckfreie Spielerei.

  2. Witziges Teil. Und eine nette Idee. Das dürfte gerade für Sammler älterer Kameras interessant sein.

    Der vom Vorposter (artflix) angesprochene Punkt zum Batterieverbrauch ist übrigens meistens kein Problem. Die Kameras, für die das Produkt interessant ist, die aus den 50er bis 80er Jahren kommen, haben die Batterie oft ausschließlich für die Belichtungsmessung benötigt, so denn überhaupt vorhanden. Der Verschluss war rein mechanisch, hat keinen Strom verbraucht und funktionierte auch ohne Batterie (auch in Stellung B).

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