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Hochgestapelt – was bringt Sonys Alpha 9?

Also, was bringt Sonys Alpha 9? Sonys neues Alpha-Modell polarisiert – für die einen ist die Alpha 9 der Canon- oder Nikon-Killer, für die anderen eine Playstation-Kamera. Tatsächlich ist sie weder das eine noch das andere, aber gleichwohl ein Kameramodell mit hochinteressanten Eigenschaften und diversen Verbesserungen im Detail, was das Ende der vertrauten Rangordnung im Kameramarkt einläuten könnte.

Ich sollte vorausschicken, dass ich kein ausgesprochener Fan von Sonys Kameras bin. Ich könnte dafür einige Gründe nennen, aber letztendlich läuft es darauf hinaus, dass der Funke einfach nicht übergesprungen ist. Man verliebt sich oder man verliebt sich nicht, und die Sony Alphas lassen mich gewöhnlich kalt. Andererseits habe ich Respekt vor dem, was Sonys Entwickler leisten. Wie ist nun die Alpha 9 einzuschätzen? Ist sie der „game changer“, für den sie manche halten?

Hochgestapelt – was bringt Sonys Alpha 9?

In der ersten Schicht des Sensors werden in jedem Pixel Elektronen gesammelt und die Ladung am Ende der Belichtung digitalisiert (1). Die digitalen Pixeldaten werden in der zweiten Schicht vorverarbeitet (2) und in einem Puffer-RAM (3) zwischengespeichert, bevor sie vom Kameraprozessor (4) weiterverarbeitet werden. (Quelle: Sony)

Der offensichtliche Vorsprung der Alpha 9 gegenüber sowohl den bisherigen Alpha-Modellen mit E-Mount als auch den Modellen der Mitbewerber ist ihre Geschwindigkeit. Eine Serienbildfrequenz von 20 Bildern pro Sekunde schafft keine DSLR – und auch keine spiegellose Systemkamera, unter denen die Olympus OM-D E-M1 Mark II mit 18 Bilder/Sek. bislang die Spitzenposition einnahm (wie die Alpha 9 mit elektronischem Verschluss). Anders als bei einer DSLR gibt es auch keine Dunkelpause. Die Serienbildfrequenz ist dabei nur ein Parameter; die Alpha 9 kann auch 60 AF-Messungen pro Sekunde vornehmen und im Sucher bis zu 120 Bilder pro Sekunde anzeigen.

Die Grundlage für die hohe Geschwindigkeit liefert ein Stacked CMOS-Sensor. „Stacked“, also „gestapelt“ bedeutet, dass der Sensorchip aus mehreren Schichten besteht. Sony hatte bereits einen dreilagigen Sensor für Smartphones entwickelt; der Sensor der Alpha 9 dagegen hat nun zwei Schichten. Die erste Schicht entspricht einem gewöhnlichen BSI-Sensor, der auftreffende Photonen in Elektronen wandelt, diese Elektronen sammelt und am Ende der Belichtungszeit die pro Pixel gesammelten Ladungen digitalisiert. Eine zweite Siliziumschicht dient der Vorverarbeitung der Pixeldaten, um beispielsweise schadhafte Sensorpixel auszublenden, und enthält zudem ein Puffer-RAM, um die Daten zu speichern, bevor sie ausgelesen und vom Prozessor der Kamera weiterverarbeitet werden.

Wichtiger noch als die Bildfrequenz ist die Geschwindigkeit, mit der der Sensor ausgelesen wird. Der elektronische Verschluss der Alpha 9 unterstützt Verschlusszeiten bis 1/32000 Sek., was dem Stand der Technik entspricht (ihr mechanischer Schlitzverschluss schafft wie üblich 1/8000 Sek.), aber entscheidend ist nicht, wie kurz jedes Sensorpixel belichtet werden kann, sondern wie lange das Auslesen des gesamten Sensors dauert. Ein elektronischer Verschluss braucht dafür gemeinhin länger als ein Schlitzverschluss, doch mit einer Bildfrequenz von 20 Bildern pro Sekunde ist der Sensor schneller als jeder andere mit „rolling shutter“ zuvor – bleibt aber noch weit von einem globalen elektronischen Verschluss entfernt, der alle Pixel gleichzeitig belichten könnte. Deshalb lässt sich der elektronischer Verschluss auch nicht mit einem Blitz nutzen und die Synchronzeit liegt weiterhin bei 1/250 Sek..

Wieso aber kann der Sensor zur automatischen Fokussierung 60 Bilder pro Sekunde liefern und für den elektronischen Sucher sogar 120 Bilder? Eine eindeutige Antwort von Sony steht bislang aus, doch ist es denkbar, dass die Auslesung dafür nicht mit den vollen 14 Bit pro Pixel erfolgt, sondern auf 12 Bit oder weniger beschränkt bleibt. Ein CMOS-Sensor mit globalem elektronischem Verschluss bleibt der heilige Gral, aber dieser Sensor mit seinen zwei Schichten markiert eine wichtige Zwischenstation: Ein Sensor, dessen Pixel alle gleichzeitig ausgelesen werden können, wird erst recht einen integrierten Pufferspeicher benötigen, der diese Datenmenge aufnimmt, bevor sie der Prozessor der Kamera verarbeiten kann.

Die Alpha 9 ist aber nicht nur schneller als ihre Vorgänger. Aufgrund der gestiegenen Kapazität ihres Akkus soll sie bis zu 650 Aufnahmen mit einer Akkuladung schaffen (mit dem Display – bei Nutzung des Suchers sind es immerhin noch 480 Aufnahmen), was in der Praxis weit wichtiger sein mag. Auch das Bedienkonzept und die Menüstruktur hat Sony gründlich überarbeitet; unter anderem gibt es jetzt einen Mini-Joystick zur Auswahl des AF-Messfelds. Eine AF-On- und eine AEL-Taste liegen nun endlich dort auf der Rückseite, wo sie für den Daumen des Fotografen gut erreichbar sind.

Hochgestapelt – was bringt Sonys Alpha 9?

Von der Sony Alpha 7S II …

Hochgestapelt – was bringt Sonys Alpha 9?

… zur Alpha 9 hat sich viel geändert: Sony hat nicht nur den zuvor verwaisten Platz links vom Sucher für ein Einstellrad genutzt, sondern auch die Bedienelemente auf der Rückseite sinnvoller gestaltet.

Merkwürdig ist nur, dass die Alpha 9 trotz aller Verbesserungen zwar unkomprimierte Raw-Dateien speichern kann, es aber noch immer nicht schafft, Raw-Daten verlustfrei zu komprimieren – eine Disziplin, die andere Hersteller durchaus beherrschen.


Ein Sprung vorwärts – was bringt Sonys Alpha 9?


Alles in allem ist die Alpha 9 ein Sprung vorwärts. Aber ist sie deshalb ein „game changer“, der die DSLRs von Canon und Nikon überflüssig macht? Schon früher wurde ein neues Nikon-Modell oft als „Canon-Killer“ apostrophiert, so wie eine neue Canon als „Nikon-Killer“ galt. Aber so funktioniert das nicht. Wer sich für das System eines Kameraherstellers entschieden hat, wird ihm nicht untreu werden, nur weil der Mitbewerber eine Kamera vorstellt, die besser als alles ist, was der bevorzugte Hersteller anbietet. Vielmehr vertraut man darauf, dass dieser bald mit einem gleichwertigen oder besseren Modell kontern wird.

Auch ein Fotograf, der Wert auf eine hohe Serienbildfrequenz legt, wird deshalb nicht unbedingt von Canon oder Nikon zu Sony wechseln. Ein Systemwechsel steht normalerweise erst an, wenn man mit den Leistungen des eigenen Systems ernsthaft unzufrieden ist und ein anderes Besserung verspricht. Aber es gibt noch einen anderen Aspekt. Selbst wenn man mit seiner Ausrüstung im Grunde zufrieden ist, kann man den Eindruck bekommen, dass man von zukunftsträchtigen Entwicklungen zunehmend abgekoppelt ist – der technische Fortschritt findet anderswo statt. Genau das aber ist der Eindruck, den die Alpha 9 vermittelt. Die spiegellose Kameratechnik ist der Bereich, in dem sich derzeit am meisten tut, und da sowohl Canon wie Nikon davor zurückscheuen, sich hier ohne Vorbehalt zu engagieren, geraten sie zunehmend ins Hintertreffen. Obwohl die Alpha 9 kein Canon- oder Nikon-Killer ist, bestärkt sie die Zweifel, ob die DSLR-Systeme von Canon und Nikon noch eine Zukunft haben.

Michael J. Hußmann

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  1. funatyc

    Das Fazit und die letzten Sätze treffen es genau auf den Punkt. Die Platzhirsche ruhen sich auf ihrem Image und der Mundpropaganda seit Jahren aus und haben es verlernt auf die Kunden zu hören. Stattdessen haben sie es sich scheinbar zum Ziel gemacht, möglichst wenig neues, dafür aber für viel Geld zu verkaufen. Als ich anfing zu fotografieren und mir eine kleine Bridgekamera gekauft hatte, damals überhaupt noch nicht mit der Absicht mich etwas ernsthafter mit der Fotografie zu befassen, stand ich doch relativ früh vor der Entscheidung mir eine „richtige“ Kamera zu kaufe. Freunde, Bekannte und sogar die manchmal nicht vor Kompetenz strotzenden Verkäufer vom Elektrofachmarkt waren sich einig „Nimm eine Canon wenn Du was gutes haben willst“. Da musste etwas dran sein. Also wurde die erste Canon angeschafft. Und mit der Zeit das Nachfolgemodell, und noch eins und so weiter. Dannach folgte der schlüssiger Schritt zu einem „Klassenaufstieg“ Die erste Zweistellige von Canon musste her. Später dann auch die einstelligen. Und irgendwann, schaut man sich die Toplisten bei 500px, flickr, instagram etc. und stellt fest „Hoppla! Die fotografieren ja alle mit anderen Herstellern!“ Ok, einige Canons sind auch darunter aber eigentlich eine Ausnahme. Und dann sieht man Videos, wo Leute mit „Spielzeug-Kameras“ Bildergebnisse liefern, die sich mehr als sehen lassen und dabei ein Drittel an Gewicht mit sich herumtragen. Man entdeckt dann tolle Features wie Fokus-Peaking, Live-Bulb, digitale ND Filter etc pp alles was das Herz begehrt und das bei höchster Abbildungsqualität und Qualität, mit einem Dynamikumfang, von dem ich mit jedem meiner Canons nur träumen kann. Einer Serienbild-Geschwindigeit die ich mir als Hobby-Fotograf bei Canon nicht leisten kann und möchte. Also kann ich nur zustimmen, irgendwann kommt der Tag an dem man sich nicht nur Technisch sondern auch qualitativ abgehängt fühlt, obwohl man für seine Werkzeuge auch nicht wirklich wenig bezahlt hat. Also folgte der Blick zum Nachbarn, und der war so ernüchternd, dass darauf auch die Aufgabe des kompletten Systems und ein Wechsel anstand. Doch Zeiten ändern sich, heute bin ich der den die Leute fragen was sie sich kaufen sollten, mit dem kleinen Unterschied, dass ich ihnen nichts vorgebe sondern ganz bewusst nahelege sich Olympus, Panasonic, Sony und Fuji anzuschauen, bevor sie sich klassische DSLR Systeme anschauen. Und bei Fotografen die ich persönlich kenne, ist es heute auch nicht viel anders, denn viele fotografieren selbst mit einem der genannten Systeme. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Mundpropaganda ihr Werk erledigt, und dieses geht zwar nicht so schnell ist dafür aber langanhaltend. Speziell Canon sollte das nicht aus den Augen verlieren, sonst wird der Preis für die Ignoranz und Arroganz verheerend ausfallen.

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