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Fotos kolorieren: Handarbeit schlägt neuronales Netz

Fotos kolorieren

Fotos kolorieren / Ein manuell-digital eingefärbtes Foto der „Reichspogromnacht“ von Marina Amaral aus dem Buch „Die Welt von gestern in Farbe“. Wie sich Geschichte wiederholt – vor ein paar Tagen griffen Neonazis ein jüdisches Restaurant im Chemnitz an.

Schwarzweißfotos einzufärben ist eine mühsame Angelegenheit. Der handwerkliche Aufwand ist erheblich, die Recherche noch mühsamer, wenn die Farben wirklich stimmen sollen. Doc Baumann hat sich das neue Buch „Die Welt von gestern in Farbe“ angeschaut und die dort abgedruckten Ergebnisse mit den Einfärbungen eines neuronalen Netzes verglichen.

Das Buch „Die Welt von gestern in Farbe“ ist ein Geschichtsbuch, das mehr als 200 historische Ereignisse der Zeit zwischen 1850 und 1960 in Bild und Text dokumentiert. Warum ausgerechnet diese Jahre? Weil es ab 1850 brauchbare Schwarzweißfotos gab und nach 1960 überwiegend in Farbe fotografiert wurde. Dan Jones hat die Texte verfasst, Marina Amaral alte Fotos – das Wort Photographien wäre hier schöner – eingefärbt. Doch Fotos kolorieren ist mehr als Handwerk. Die beiden sichteten für ihr Projekt rund 10.000 Bilder, rund 200 blieben für die Illustration des Buches übrig und mussten eingefärbt werden.

Im Vorwort heißt es: „Bei der Kolorierung historischer Fotos muss man sehr gewissenhaft vorgehen und seine Hausaufgaben machen. Das Porträt eines Soldaten z.B. enthält Farben für Uniformen, Medaillen, Abzeichen, Fahrzeuge, Haut, Augen und Haare. Wenn möglich, sollte jedes Detail genau recherchiert werden. Die Originalfarben erkennt man nicht, indem man die Grautöne alter Fotos betrachtet.“

Und weiter: „Geduld ist eine nützliche Tugend! Die Kolorierung eines einzigen Fotos kann eine Stunde oder einen Monat dauern, und manchmal, nach all der vielen Arbeit, muss man akzeptieren, dass aus einer Vielzahl möglicher Gründe das Resultat unbefriedigend ist. Es sieht einfach falsch aus!“

Nun, sehen die Bilder des Bandes „richtig“ aus? „Dieses Buch ist ein Versuch, der ausgeblichenen Vergangenheit farbliche Brillanz zurückzugeben.“ Was immer man unter „Brillanz“ verstehen mag – auf die Bilder dieses Buches trifft das nicht zu. Sie sehen genau nach dem aus, was sie auch sind: Einfärbungen. Ist das schlecht? Nein, nur der Anspruch ist zu hoch gesteckt. Die Fotos wirken – bis auf ganz wenige Ausnahmen, etwa einige Porträts – genau so, wie kolorierte Fotos schon immer ausgesehen haben. Wer sich ein wenig mit Fotografie auskennt, sieht sofort: Aha, koloriert!

Der Unterschied zu traditionell eingefärbten Bildern besteht darin, dass hier digitale Werkzeuge benutzt wurden. Das macht das Kolorieren von Fotos deutlich einfacher. Bei einer herkömmlich eingefärbten Fotografie ist eine falsche oder zu starke Farbe kaum noch zu verändern. Bei Photoshop – ich gehe davon aus, dass Marina Amaral diese Software eingesetzt hat – hat die Retuscheurin hingegen viele arbeitserleichternde Möglichkeiten: Die Einfärbungen lassen sich auf Ebenen vornehmen, die hinsichtlich ihres Wirkungsmodus und ihrer Deckkraft jederzeit verändert, im Grenzfall ganz gelöscht werden können, Farbton und Helligkeit sind nachträglich korrigierbar. Als Retuscheur ist man nicht auf eine Ebene beschränkt, sondern kann beliebig viele anlegen und mischen.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen sind die Einfärbungen der historischen Fotos gut gelungen. Auch, wer sich weniger für Geschichte interessiert, findet hier eine aufschlussreiche Lektüre – Bildbearbeiter/innen mit ähnlichen Ambitionen entdecken viel Material für die eigene Praxis.

 

Dan Jones, Marina Amaral: Die Welt von gestern in Farbe, Riva Verlag, München, 2018. Gebunden, 432 Seiten, € 29,99

Fotos kolorieren

Titelseite des Buches: Fotos kolorieren mit Marina Amaral

 


Fotos kolorieren: Neuronale Netze als Konkurrenten


Nachdem ich mir das Buch angeschaut hatte, fragte ich mich: Lohnt sich dieser Aufwand tatsächlich? Bis zu einem Monat – was ich für etwas übertrieben halte – Bearbeitungszeit für ein Bild? Doch selbst, wenn man dafür nur ein paar Stunden oder einen ganzen Tag benötigt – muss man sich diese Mühe geben, wenn neuronale Netze das in Sekunden erledigen?

Fotos kolorieren lassen kann man im Web etwa über Algorithmia. Allerdings ist die Ausgabe auf eine Bildbreite von 800 Pixeln begrenzt. Ich zeige Ihnen ein paar Beispiele.

Fotos kolorieren

Fotos kolorieren mit Algorithmia: Oben: Originalfoto, Mitte: vom neuronalen Netz eingefärbtes Foto, unten: die dabei verwendete Schwarzweiß-Version

Schauen Sie sich allein die Ergebnisse an, so erscheinen die gar nicht mal so schlecht. In der Regel ist das farbige Original ja unbekannt. Allerdings haben wir die Möglichkeit, das Graustufenduplikat eines Farbfotos bei Algorithmia hochzuladen und nach wenigen Sekunden das Ergebnis zu erhalten. Und das lässt sich nun ganz einfach mit dem farbigen Original vergleichen.

Die Ergebnisse sind ernüchternd. Auch wenn das Deep-Learning-System aus Millionen von Vergleichsfotos gelernt hat, dass eine graue Fläche oben wohl der blaue Himmel ist und eine unten das blaue Meer, und alles, was an den Rändern irgendwie verwuselt ist Vegetation (falls es sich nicht über oder unter einem Gesicht befindet, dann sind es Haare), ist die Umsetzung dürftig. Oder sagen wir gerechterweise: beeindruckend und dennoch dürftig.

Fotos kolorieren

Fotos kolorieren. Original (oben) und Einfärbung durch das neuronale Netz (unten) haben wenig miteinander zu tun. Nicht nur die Farben sind weitgehend falsch – an vielen Objektkanten arbeitet das System unsauber.

Fotos kolorieren für den Hausgebrauch ist mit dieser Methode durchaus möglich. Einen Stapel alter Familienfotos können Sie auf diese Weise fix einfärben. Sollten sich allerdings Betrachter daran erinnern, welche Farbe gewisse Objekte damals tatsächlich hatten, ist die Enttäuschung vorprogrammiert. Denn selbst ein so markantes Objekt wie ein Leuchtturm wird in seinen Streifen nur halbherzig rot koloriert.

Fotos kolorieren

Fotos kolorieren: Links das Original – rechts die Einfärbung durch das neuronale Netz

Lässt man eine Schwarzweiß-Version des Titelbilds – der Absturz des Zeppelins Hindenburg – durch das A.I-System laufen, kommt ein buntes Bild heraus, das meilenweit von der digital handkolorierten Version von Marina Amaral auf dem Buchcover entfernt ist.

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Fotos kolorieren: So sieht die Einfärbung des Fotos von der Explosion der „Hindenburg“ durch das neuronale Netz aus – vergleichen Sie es mit dem von Amaral bearbeiteten Titelbild oben.

Wüsste man nur, was das Algorithmia-System genau mit den Schwarzweiß-Bildern angestellt hat. Ließe sich die hinzugefügte Farbe von den Helligkeitswerten trennen … Aber das geht doch, mühelos. Wandeln Sie das heruntergeladene Foto in Photoshop unter Bild > Modus in ein Lab-Bild um und blenden Sie den Helligkeitskanal aus – schon haben Sie die reine Farbinformation.

Fotos kolorieren

Fotos kolorieren: Nach einer Umwandlung des per A.I. eingefärbten Schwarzweißfotos (oben) lässt sich die koloroierte Variante in Photoshop leicht in den Lab-Modus umwandeln. Blenden Sie nun den Helligkeitskanal (L) aus, sehen Sie das reine Kolorierungsergebnis (unten): großflächig, undifferenziert und weich über Objektgrenzen hinweggehend.

Und die zeigt, dass Fotos kolorieren auf A.I. eine recht grobe Angelegenheit ist. Dabei wird nicht etwa jedes in den Himmel ragende Blatt separat eingefärbt, sondern das Verfahren arbeitet sozusagen mit einem großflächigen und nicht sonderlich hart begrenzten Pinsel. Mal werden dabei Blätter vor dem Himmel blau, mal wird Himmel hinter Blättern grün. Es ändert erstaunlicherweise kaum etwas am Ergebnis, wenn Sie die Schwarzweiß-Umwandlung anwenden.

Wie gesagt, auf den ersten Blick sehen die Resultate ganz eindrucksvoll aus, und für den Hausgebrauch sind sie sicherlich nützlich. In einem Buch wie dem hier vorgestellten allerdings ließe sich das Verfahren jedoch nicht anwenden, da wäre mit viel Kritik zu rechnen, wenn Objekte falsch eingefärbt wurden. Hier hilft also nur, wie das Autorenpaar im Vorwort betont, intensive Recherche, um herauszufinden, wie etwas damals wirklich ausgesehen hat.

Auch Google arbeitet an einem entsprechenden System, und man darf gespannt sein, ob die Entwickler dort beim Kolorieren von Fotos zu besseren Ergebnissen gelangen. Irgendwann allerdings dürften auch neuronale Netze auf der Basis der ausgewerteten Bilddaten dazu in der Lage sein, Objekte einigermaßen richtig und vor allem differenzierter als derzeit einzufärben.

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  1. winnetou

    Die Beispiele sind nicht wirklich überraschend und erinnern mich an die „Wunderfolie“, die meine Eltern mal in den 60ern bestellten. In der Werbeanzeige war vollmundig angekündigt worden, dass besagte Folie jede Schwarz-Weiss-Flimmerkiste in einen Farbfernseher verwandeln würde!
    Die Folie musste einfach nur vor der Mattscheibe angebracht werden. Das Wunderwerk der Wissenschaft wurde natürlich umgehend bestellt…und die Ernüchterung (Enttäuschung) folgte auf den Fuß: Es handelte sich lediglich um eine von Blau über Orange nach Grün verlaufend eingefärbte Plastikfolie. Der Nachrichtensprecher mit blauem Haar, orange Teint und grünem Anzug war immerhin ganz lustig anzuschauen…

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