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documenta 14: Kunst mit kleinen Fehlern

Kunst mit kleinen fehlern

Kunst mit kleinen Fehlern / Nisyros von Panos Kokkinias, Ausschnitt, documenta 14

Seit vielen Jahren widmet sich Doc Baumann neben Montage-Tutorials auch der Bildkritik. Gute – eher schlechte – Beispiele dafür findet er überwiegend in der Werbung und in aktuellen Medien. Aber auch in den Kunstwerken großer Meister entdeckt er immer mal wieder Unstimmigkeiten. Nun ist ihm auf der documenta 14 in Kassel eine großformatige Bildmontage von Panos Kokkinias aufgefallen, die genau jene Fehler zeigt, die er sonst in seiner Bildkritik aufspießt.

Wer die Werke der großen Meister genauer unter die Lupe nimmt, findet dort immer wieder Kunst mit kleinen Fehlern. Man muss nur vorurteilsfrei an die Sache herangehen – und das bedeutet in diesem Fall: Mängel auch dann erkennen, wenn sie von anerkannten Künstlern stammen. Nehmen wir als Beispiel nur einmal Cezannes Gemälde „Knabe mit roter Weste“ (um 1893). Der Oberarm des Jungen ist anatomisch völlig falsch und viel zu lang. Und anders als bei gewissen Statuen von Michelangelo gibt es in diesem Fall dafür keinerlei kompositorische Rechtfertigung.

Aber schauen Sie sich mal an, was Kunsthistoriker und Kritiker dazu schreiben. Dass der Arm falsch ist, können sie schlecht leugnen, das lässt sich ohne größeren Aufwand einfach nachmessen. Aber da es scheinbar per definitionem unmöglich ist, dass ein Malergenie wie Cezanne Fehler macht, wird großartig herumgeeiert, wie toll doch dieser falsche Arm sei.

Oder ein anderes Beispiel für Kunst mit kleinen Fehlern:1800 malte Erdmann Hummel eine Ansicht des Kasseler Schlosses Wilhelmshöhe. Ein schönes Gemälde der Romantik, das als Reproduktion in Kassel allerorten verkauft wird. Nur: Die Szene ist so unmöglich, denn die Mittagssonne steht hier im Norden!

Bleiben wir in Kassel und schauen wir, was 217 Jahre später dort passiert, auf der derzeit laufenden Ausstellung documenta 14. Nach der Hälfte der Ausstellungsdauer habe auch ich mich nun dorthin gewagt; dass ich die Eintrittskarte geschenkt bekommen habe, hat die Entscheidung erleichtert. Und ich muss gestehen: Ich wurde nicht enttäuscht! Oder genauer: Die Exponate der documenta haben mich so wenig angesprochen, wie ich es erwartet hatte. (Mit einer Ausnahme: Gleich im Eingangsbereich des Hauptgebäudes Fridericianum gibt es die Projektion eines animierten Cosmaten-Mosaiks. Und da mich die Cosmaten stark interessieren, fand ich das spannend. Die Frage ist nur, ob ein über 1000 Jahre altes, animiertes Mosaik ein hinreichender Grund ist, eine Ausstellung mit Gegenwartskunst zu besuchen?)

Meine Unzufriedenheit – die vielen Veröffentlichungen zufolge ein statistischer Ausreißer sein muss, aber vielleicht werden immer die Falschen gefragt – hat auch gewiss nichts mit dem angeblich politischen und kritischen Anspruch dieser documenta zu tun, sondern damit, dass ich ihn nicht angemessen umgesetzt sehe. Und wenn ich dann noch das wichtigtuerische, intellektuell aufgeblasene Geschreibsel der Ausstellungsmacher dazu lese … (siehe meine Hinweise in der aktuellen DOCMA 78 auf Seite 62/63).


Kunst mit kleinen Fehlern: Dürfen Künstler das?


Aber kommen wir zum eigentlichen Objekt meiner Kritik, einer großen Montage mit dem Titel Nisyros , zu der man auf dem daneben aufgehängten Schildchen (immerhin, bei dieser Ausstellung nicht selbstverständlich) erfährt, dass es sich um einen „Archiv-Inkjet-Print“ von Panos Kokkinias handelt.

Erster Eindruck: Immerhin mal ein Bild, auf dem ich was erkenne und auf dessen Inhalt ich mir einen Reim machen kann, ohne dass ich Katalogeinträge studieren muss: Ein felsiger Strand, darauf viele Menschen, die herumstehen oder –gehen und dabei meist fotografieren.

Zweiter Eindruck als Bildkritik-sensibilisierter Betrachter: Dass es sich um kein Foto, sondern um eine Montage handelt, liegt nahe und macht das Bild eher interessanter für mich. Doch leider fällt mir nach wenigen Blicken auf: Die Schlagschatten der Personen können nicht auf eine einheitliche Lichtquelle zurückgehen. Mal steht die Sonne im Zenit, mal etliche Grad weiter seitlich. Halt die üblichen Schatten-Fehler.

Es ist nicht schwer sich vorzustellen, wie es dazu gekommen ist. Kokkinias hat offenbar zahlreiche Aufnahmen der Fotografierenden gemacht, was einige Zeit dauert. Beim Zusammenmontieren hat er nicht darauf geachtet, dass sein Bild nun eine physikalisch unmögliche Szene zeigt, da nebeneinander stehende Personen Schatten unterschiedlicher Länge werfen. Oder hat er es gemerkt, aber es war ihm egal? Und die documenta-Macher? Ich denke, die schweben in solch hohen Sphären, dass sie sich um solche Banalitäten, um Kunst mit kleinen Fehlern, nicht scheren.

Ich spinne den Gedanken aber mal weiter. Was, wenn man sie darauf anspräche und auf diesen deutlich erkennbaren Widerspruch hinwiese? Angesichts dessen, was bisher an documenta-Texten erschienen ist, würde ich ungefähr so etwas wie das Folgende erwarten:


Trans-chronische Entitäten als Aufhebung räumlich-zeitlicher Fixierung


Die Korrelation von Künstler und Gesellschaft ist eine hochkomplexe, in welcher der ästhetisch Schaffende sich nur im Widerspruch zu gesellschaftlichen Normen äußern und sich an ihnen reiben kann. Die Übernahme traditioneller, der Reproduktionsideologie des Kapitalismus verhafteter, affirmativer Sehweisen und Wahrnehmungsschemata würde einen kritischen Standpunkt des „außerhalb“, das gleichzeitig seinen Ort im „innerhalb“ fixiert, ad absurdum führen.

So hat Kokkinias folgerichtig kritisches Potenzial radikal ausgeschöpft, indem er den Zeitbegriff der durch Warenproduktion getakteten, ökonomisierten Gesellschaft aufgibt und ihn mit seinem eigenen, humanen konfrontiert. Damit wendet er sich gleichzeitig gegen das zum Herrschaftsinstrument ontologisierte Prinzip des Satzes vom ausgeschlossenen Dritten sowie gegen die aristotelische Logik überhaupt: Während im Alltagsleben der Widerspruch zwischen richtig und falsch unaufhebbar ist, hebt Kokkinias dieses Verhältnis in eine neue Dimension und zeigt die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Die im Schatten quasi räumlich materialisierte Position des Subjekts transformiert so die intendierte zeitliche Differenz des isolierten homo oeconomicus zum zoon politikon.

Die von ihm dargestellten Personen befreien sich aus einer konstitutiven Rollenzuweisung und treten gleichzeitig als Subjekt und Objekt des fotografischen Prozesses auf. Ihre nicht länger an das Diktat der Zeit gebundene Seinsweise entfernt sie damit von einer normativen Zeitachse und verschiebt sie als Fotografierende und Fotografiert-Werdende von einer sozialen Festlegung auf ein Hier und Jetzt hin zu trans-chronischen Entitäten, die sich nicht länger auf einen von außen getakteten, ökonomisierten Zustand der Existenz festlegen und fremdbestimmen lassen, sondern Identität analog zur Heisenbergschen Unschärferelation als Prozess des Vergangenen, das untrennbar in Gegenwart und Zukunft hineinragt, realisieren.

 

Oder auf Deutsch: Diese Schatten mit unterschiedlichen Beleuchtungswinkeln sind zwar ziemlich daneben und wahrscheinlich merkt’s auch kaum jemand – aber wenn man lange genug unverständlich über diesen Sachverhalt schwafelt, werden die meisten am Ende erschöpft aufgeben.


Was die dürfen …


Zu befürchten ist als Reaktion auf solche Kunst mit kleinen Fehlern nun allerdings, dass manche Möchtegern-Digital-Artists ihren eigenen Murks durch hochoffiziellen documenta-Murks geadelt sehen und verkünden: Das war schon bei Kokkinias kein Fehler, sondern untergründige Absicht, und bei mir ist es genau das Gleiche. Montagefehler gibt es gar nicht – nur Betrachter und verbohrte Kritiker, die zu blöd sind, die dahinterstehende Absicht zu erfassen. So!

 

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  1. anthra

    Oftmals sind mir offensichtliche Manipulationen lieber als perfekte Bearbeitungen, welche dann nicht mehr erkannt werden und damit zu „Fake News“ werden können. Offensichtliche Manipulationen sind hingegen ehrlich.

    Die Fehler im Bild , die angemerkten falschen Schatten, fallen sicher nicht nur Doc Baumann auf, sondern auch laienhaften Betrachtern. Vielleicht wird denen nicht bewusst, woran das liegt, aber das Bild wirkt irreal. Und dann fängt er an, darüber nachzudenken, ob die Situation wirklich irreal ist oder nicht doch irgendwie der Wahrheit entspricht. Und genau das dürfte vom Künstler beabsichtigt sein.

    Wenn alle Schatten korrekt wären, wäre die Bildaussage eine andere. Für ein Bild der Dokumenta hätte der Künstler sicher Leute bitten können, mit entsprechender Pose auf den Strand zu gehen, und alle Schatten hätten gestimmt. Er hat es aber nicht getan. Und daher gehe ich davon aus, dass die falschen Schatten beabsichtigt sind. Und wenn Herr Kokkinias (der Künstler) unseres Docs Artikel lesen sollte, wird er sich sicherlich über den unfreiwilligen Humor amüsieren.

  2. winnetou

    Selten so geschmunzelt wie bei´m Lesen
    von Doc Baumann´s „Bildlegende“!
    Köstlich!

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