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KI: Die „Zukunst“ – Widerstand ist zwecklos

Wir stehen einer Bilderflut aus Fotos – und nun auch KI-generierten Bildern – gegenüber. Wo bleibt da denn die Kunst? Eine Reaktion hauptsächlich auf die immer eindrucksvoller funktionierenden Text-zu-Bild-KI. Aber ja, wo bleibt sie denn in Zukunft, die Kunst?

Die KI ist da – und bleibt. © Olaf Giermann/Midjourney. Die „Zukunst“ – Widerstand ist zwecklos
Die KI ist da – und bleibt. © Olaf Giermann/Midjourney

Was ist denn Kunst?

Die Antwort auf diese Frage ist gar nicht so einfach. Bei Wikipedia findet sich diese Definition: „Kunst ist ein menschliches Kulturprodukt, das Ergebnis eines kreativen Prozesses. Das Kunstwerk steht meist am Ende dieses Prozesses, kann aber auch der Prozess bzw. das Verfahren selbst sein.“

Ob etwas Kunst ist, oder nicht, liegt zum einen in der Intention des Künstlers, und zum anderen in dem, was davon beim Betrachter ankommt. Als ich letztes Jahr im Hessischen Landesmuseum Darmstadt die Joseph Beuys-Ausstellung (Link) besuchte, hörte ich im ersten Raum (Block Beuys, Raum 1) jemanden sagen, dass es aber schade wäre, dass hier gerade Bauarbeiten im Gange wären. Nun ja, das war sie bereits, die Kunst.

© Joseph Beuys, Block Beuys, Raum 1 © Hessisches Landesmuseum Darmstadt, VG Bild-Kunst, Bonn, 2023
© Joseph Beuys, Block Beuys, Raum 1 © Hessisches Landesmuseum Darmstadt, VG Bild-Kunst, Bonn, 2023

Und ist es denn Kunst, wenn jemand die als Kunst an eine Wand geklebte Banane isst – die als Kunstwerk 120.000 Dollar wert war? Mehr Informationen darüber.

© Reuters
© Reuters

Fakt ist: Beides hat zumindest mich zum Nachdenken angeregt. Und vor allem die Beuys-Ausstellung hallte noch öfter in meinem Kopf nach. Insofern hat die Kunst oder „Kunst“ etwas bewirkt. Und das ist für mich das Entscheidende: eine wie auch immer geartete Idee hinter dem Ganzen.

KI – Kunst und Ideen

Ein Abbild von etwas zu schaffen ist seit Erfindung der Fotografie schon lange keine Kunst mehr. Heute kann jeder den Ausschnitt mit dem Smartphone wählen und auf die Auslösetaste oder den Touchscreen tippen, um ein Foto zu erzeugen. Befand sich eine schöne Landschaft, ein niedliches Tier oder insbesondere ein schöner Mensch im Bildausschnitt, wird das Foto in den sozialen Medien schnell viel Gefallen generieren. Da tut es oft schon das eigentlich die Gesichtsproportionen extrem verzerrende Selfie. Egal. Es ist ja keine Kunst – ohne notwendige Idee.

Mit den neuen KI-Tools ist das nicht anders. Jeder kann sie benutzen. Handwerkliche Fähigkeiten braucht es nicht mehr. Porträts schöner Frauen gefällig? Noch einen Sonnenuntergang dazu? Bitte schön. 20 verschiedene Bilder dauern in Stable Diffusion auf einer Nvidia-RTX-Grafikkarte keine fünf Minuten.

Schöne Porträts – kein Problem mit Midjourney oder wie hier mit Stable Diffusion. Kein Kunststück. Die „Zukunst“ – Widerstand ist zwecklos
Schöne Porträts – kein Problem mit Midjourney oder wie hier mit Stable Diffusion. Kein Kunststück.

Nicht anders als bei der Fotoschwemme kann auch die KI haufenweise Alltagsfotos ausgeben. Denn die meisten der Fotos, mit denen etwa Stable Diffusion trainiert wurde, sind wahrscheinlich belanglose Alltagsfotos.

Midjourney dagegen produziert ohne großes Zutun Bilder, die gut aussehen. Jeder, der eine Idee hat, ist dadurch in der Lage eindrucksvolle Bilder erhalten zu können. Ich habe in diesem Zusammenhang schon gelesen, dass die KI eine Art Demokratisierung der Kunst wäre. Jeder könnte kreativ werden, ohne irgendwelche handwerklichen Fähigkeiten zu erlernen.

In den Kunstmarkt kommt man damit aber noch lange nicht. Davon, ein KI-generiertes Bild für 400.000 Euro zu verkaufen, können die meisten nur träumen. Die Zahl habe ich mir jetzt auch nicht ausgedacht – lesen Sie hier die Story aus dem Jahr 2018 nach.

Beim Auktionshaus Christie's zahlte ein Interessent für dieses KI-Bild knapp 400.000 Euro. © Christie's/​dpa. Die „Zukunst“ – Widerstand ist zwecklos
Beim Auktionshaus Christie’s zahlte ein Interessent für dieses KI-Bild knapp 400.000 Euro. © Christie’s/​dpa

Meine „Zukunst“ – wie ich KI-Art sehe

Mich beeindrucken die meisten der hunderten KI-generierten Bilder nur wenig, die ich täglich beim Stöbern im Netz, bei Facebook, Instagram und Co. sehe. Denn ich weiß, dass hinter den meisten Bildern kein jahrelanges Lernen und Üben steht (von den vielen Künstlern, deren Artworks für das Trainieren der KI verwendet wurden, einmal abgesehen). Und viele Bilder lassen weder eine eigene Handschrift noch eine eigene Idee erkennen. Bei einigen erkenne ich direkt, dass hier wahrscheinlich dieselben Prompt-Kombinationen im Einsatz waren, die ich schon bei zig anderen Bildern gesehen hatte. Rezept: Man gehe auf Lexica.ai oder Prompthero, kopiere sich einen Prompt und füge ihn in Stable Diffusion oder Midjourney ein. Da durch unterschiedliche Seed-Werte immer andere Ergebnisse gerendert werden, kopiert man nicht einmal das originale Bild. Man erzeugt stilistisch dann aber nur ein Plagiat.

Prompt-Kunst

Hochinteressant finde ich aber KI-Bilder, die eine kreative Bildidee visualisieren und auch den kreativen Eingriff des „Promptkünstlers“ erkennen lassen. Wenn Sie selbst mit generativen KI experimentieren, merken Sie schnell, dass es oft mit dem Einfügen eines kopierten Prompts nicht getan ist. Oft braucht es viele Versuche, Variationen, Referenzbilder, das Mischen von Bildern, um dem gewünschten Ergebnis zumindest nahezukommen. Und da ringen mir einige Werke wirklich größten Respekt ab. Weil auch bei der KI-Art der Prozess eine Rolle spielt.

Zusammen mit Photoshop wird es dann richtig spannend. Es ist ja kein Gesetz, dass man die Bilder, die einem die KI ausspuckt, genauso veröffentlichen muss. Man darf natürlich Störungen retuschieren, Elemente und verschiedene KI-Resultate kombinieren, das Ganze color-graden und wie auch immer optimieren.

Fazit

Die „Zukunst“ liegt also meiner Meinung nach da, wo die Kunst schon immer brillierte: in kreativen Ideen. Das Werkzeug spielte dabei höchstens in der Aktionskunst eine Rolle, wo der Prozess wichtiger als das Ergebnis ist. Warten wir mal ab, bis der erste Promptkünstler live „auflegt“ und vor Publikum ein Bild per Text oder Sprache generiert und fortlaufend transformiert. KI-Kunst ist jedenfalls gekommen, um zu bleiben. Widerstand ist zwecklos.


Hier noch ein paar meiner mit Midjourney umgesetzten Ideen der letzten Tage. Musste selbst schmunzeln. Ich wünsche Ihnen einen entspannten Start in die neue Woche.

Für Star-Trek-Fans und passend zum Thema „Widerstand ist zwecklos“: Diese Idee mit gestrickten Borgs schwebte mir schon länger im Kopf herum. Aber in meinen 3D-Programmen stieß ich immer wieder auf Hürden, deren Lösung mich zu viel Zeit gekostet hätte. Das Thema werde ich aber definitiv noch einmal in Handarbeit (Photoshop/Illustration/3D) angehen.

"Wir sind gestrickte Borg. Kabelmanagement ist zwecklos." – Meine Idee mit einigen Midjourney-Versuchen und dann Photoshop umgesetzt. Die „Zukunst“ – Widerstand ist zwecklos
„Wir sind gestrickte Borg. Kabelmanagement ist zwecklos.“ – Meine Idee mit einigen Midjourney-Versuchen und dann mit Photoshop umgesetzt.

Für Kirchenkritiker:

Hier hab ich tatsächlich nur "Rhesus Christus" in Midjourney eingegeben. Sämtliche Promptverfeinerungen führten zu keinem Ergebnis, das mir besser gefallen hätte. ;-)
Hier hab ich tatsächlich nur „Rhesus Christus“ in Midjourney eingegeben. Sämtliche Promptverfeinerungen führten zu keinem Ergebnis, das mir besser gefallen hätte. 😉

Für Mittelalter-Fans. Auch die Idee eines Black-Friday-Sales im Mittelalter wollte ich mit 3D umsetzen, bin dann aber beim Rigging der Personen und deren Gesichtsausdrücken gescheitert. Da hätte ich das gleich alles in Photoshop malen müssen. Die KI-Ergebnisse sind aber schon vorzeigbar. Die kleinen und verkorksten Hände habe ich zum Teil belassen, weil die hier auch auf lustige Weise zu der Szene passten.

Die „Zukunst“ – Widerstand ist zwecklos
Die „Zukunst“ – Widerstand ist zwecklos

Mehr über die beste Herangehensweise bei der Prompt-Generierung erfahren Sie übrigens in meinem sehr ausführlichen Artikel zu diesem Thema im nächsten Heft.


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Olaf Giermann

Sein Erstkontakt mit Photoshop erfolgte 2003 an der Uni, an der das Programm als reine Scanner-Software eingesetzt wurde. Inzwischen gilt Giermann sprichwörtlich als das »Photoshop-Lexikon« im deutschsprachigen Raum und teilt sein Wissen in DOCMA, in Video­kursen und in Seminaren.

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2 Kommentare

  1. Wunderbarer Artikel! Ich finde es immer wieder toll und anregend, derartige Beiträge im Blog zu lesen. Sie erweitern den Horizont, machen auf neue Entwicklungen aufmerksam und regen an, über Fotografie, Bild, Kunst und Kreativität nachzudenken. Danke!

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