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Die besten Illustratoren

So lernen Sie, Ideen zu visualisieren

Es gibt etliche Übersichtsbände über vorbildliche Illustrationen und ihre Schöpfer/innen, die jeweils als die besten Illustratoren vorgestellt werden. Viele dieser Bücher sind Jahresbände; die letzte Ausgabe von „Illustration Now!“ ist 2014 erschienen. Nun präsentieren die beiden Herausgeber einen dicken Wälzer mit dem Titel „The Illustrator – 100 Best from around the World“. Doc Baumann hat ihn für Sie angeschaut.

Die besten Illustratoren
Eine hervorragende typo/grafische Kombination des T der New York Times mit dem Porträt des medienbeherrschenden US-Präsidenten | Melinda Beck: When All the News That Fits Is Trump, 2017 / Columbia Journalism Review / Ohne Angabe der Technik

Im DOCMA-Heft oder hier im Blog stelle ich immer wieder Übersichtsbände mit aktuellen Illustrationen vor: Etwa die Jahresbände der News York Society of Illustrators, die auf phantastische Illustrationen spezialisierten „Spectrum“-Ausgaben, Lürzers „200 Best“ mit dem Fokus auf digital entstandenen Werken – und vor längerer Zeit auch Bände der „Illustration Now!“-Reihe, deren letzter bereits vor fünf Jahren erschienen ist.

Die Herausgeber dieser Serie, Steven Heller und Julius Wiedemann, haben seitdem zwar keine weiteren Ausgaben vorgelegt. Nun ist aber beim Taschen Verlag ein großer und dicker Bildband erschienen, mit dem die beiden den Anspruch stellen, die 100 besten Illustratoren und Illustratorinnen der Welt zu präsentieren.

Gäbe es für eine solche Auswahl auch nur halbwegs „objektive“ Kriterien, müssten eigentlich in allen diesen Reihen immer mehr oder weniger dieselben Leute auftauchen – das ist aber nicht der Fall. Wie das nun mal so ist bei ästhetischen Urteilen (wir kennen das ja bestens von den Jury-Entscheidungen der DOCMA Awards, die hinterher oft von Lesern kritisiert werden), gibt es diese „objektiven“ Kriterien aber nicht. Man kann die eigene Auswahl zwar mit vielen wohlklingenden Worten zu begründen versuchen … letztlich läuft es darauf hinaus, was einem gefällt und was nicht, warum auch immer.

Mir selbst etwa gefallen etliche der in diesem Band vorgestellten Bilder nicht (zu reduziert, minimalistisch und grob), aber ich weiß, dass das nun mal mein persönlicher Geschmack ist und dass den keineswegs jeder teilt. Und andersherum bin ich enttäuscht, dass etwa ein hervorragender Illustrator wie Guy Billout unter diesen 100 angeblich besten keinen Platz gefunden hat.

Die besten Illustratoren im Einzelporträt

Viele der Jahresbände beschränken sich auf die Präsentation der Arbeitsergebnisse; von den Menschen dahinter erfährt man nichts. Nur die Preisträger auf den ersten Plätzen werden gelegentlich mit einem Bildporträt und wenigen Zeilen vorgestellt.

Erfreulicherweise setzen Heller und Wiedemann die gute Tradition ihrer „Illustration Now!“-Bände fort und widmen jedem aus der Hundertschaft nach einer ganzseitigen Illustration ein bis zwei Seiten zur Einführung (was nicht ganz so viel ist, wie es klingt, weil die Texte parallel in Englisch, Deutsch und Französisch abgedruckt sind). Dann folgen mehrere Seiten mit Bildbeispielen.

Die Bildlegenden geben Auskunft über Titel, Entstehungsjahr, Auftraggeber beziehungsweise Verwendung und schließlich die Arbeitstechnik.

Hier allerdings sind die Herausgeber (und das ist leider bei nahezu allen diesen Reihen so) nicht auf der Höhe der Zeit. Denn während die analogen Techniken recht genau aufgeführt werden (etwa: mixed Media, Acyrl auf Leinwand, Handzeichnung), fallen alle mit Computerhilfe generierten Techniken unter den einen Begriff „digital“. Ob Retusche, Montage, Digitalgemälde, Vektorgrafik, 3D, ob Photoshop, Illustrator, Painter, Cinema4D – alles wird in den großen „Digital“-Topf gesteckt.

Die besten Illustratoren
Edel Rodriguez: Agent Orange, 2017 / Personal work / Mixed media, Acryl auf Papier, digital

Technik statt Kunst?

Bleiben wir bei diesem Thema. In seinem Vorwort schreibt Mit-Herausgeber Steve Heller die folgenden erschütternden Sätze:

„In den vergangenen fünf Jahren, in denen ich zwei Einführungen für TASCHENS ‚Illustration Now!‘-Reihe schrieb, sagte ich voraus, dass die Kunst der Illustration, so, wie wir sie kennen, vom Aussterben bedroht sei. Das schien mir damals eine logische Annahme zu sein. Die sprichwörtliche Feder, in unserem Fall Stift und Pinsel, sind heutzutage nicht mehr mächtiger als das Schwert, sie unterliegen Programmen wie Adobe Photoshop und Illustrator. Also deutete ich in meinen Texten an, würde Illustration nun weniger eine Kunst als vielmehr eine digitale Technik sein. Ich entschuldige mich: Ich habe mich in beiden Punkten geirrt. Die Illustration ist lebendig, und die neuen digitalen Werkzeuge haben der Kunst neue Kraft und dem Illustrator größere Beständigkeit verliehen.“

Schön, dass er sich entschuldigt (mal davon abgesehen, dass ich das hier Zurückgenommene in den zitierten Bänden in dieser Schärfe gar nicht entdecken konnte). Aber er gibt diese Sätze ja dennoch wieder. Und da frage ich mich schon, wie jemand mit der Qualifikation, solche Bände zusammenzustellen, derart undifferenzierte Überlegungen formulieren kann. Immerhin kann man doch voraussetzen, dass er sich als Fachmann mit diesem Thema eingehend beschäftigt hat.

Erstens: Wenn er zugesteht, dass die Werkzeuge Stift und Pinsel den digitalen Tools unterlegen sind – warum sollten dann bessere Werkzeuge zu einem Aussterben der Illustration führen? Nun gut, eingeschränkt „so wie wir sie kennen“ – aber das hätte dann für jede technische Neuerung gelten müssen: Collage, Einbezug plastischer Elemente, Airbrush usw.

Zweitens: Illustration als Kunst? Ist Illustration überhaupt Kunst? Das kommt auf die Definition an. Oft wird ein Kunstwerk gerade als etwas definiert, das in keinem Verwertungszusammenhang steht. Genau das aber macht Illustration aus, sie assistiert anderen Kommunikationssystemen und/oder hilft, Objekte und Dienstleistungen zu verkaufen.

Damit Sie mich nicht missverstehen: Da Illustration aus eben diesen Gründen darauf angewiesen ist, nachvollziehbar und verständlich zu sein, rangiert sie für mich über „bloßer“ Kunst, die allzu oft nur auf sich selbst und nicht über sich selbst hinaus verweist, die Betrachter dazu zwingen will, sich in die verborgenen Intentionen ihrer Erschaffer/innen zu versenken. Illustration dagegen muss verständlich sein, sonst kommt sie ihrer Aufgabe nicht nach und ist misslungen.

Drittens: Kunst versus Technik. Ist das kategorial überhaupt ein Gegensatzpaar? Ob etwas ein Kunstwerk ist, unterliegt wertenden Kriterien, Technik bezieht sich auf die Art des Entstehens – beides sind unterschiedliche Aspekte des Werkes, aber keine Alternativen derselben Kategorie. Aber nehmen wir „Kunst“ einmal eingeschränkt als positives Wert- und Qualitätsurteil über hervorragend umgesetzte Ideen und meisterhafte handwerkliche Ausführung. Was sollte dann, bitteschön, die verwendete Technik mit der Qualität des Werkes zu tun haben? Und ist ein Mixed-Media-Bild mit hälftigem Digitalanteil dann nur halb so viel Kunst wie ein komplett gemaltes? Da hätte er entsprechend auch schreiben können: „ … würde Essen nun weniger ein Wohlgeschmack als eine Zubereitungsart sein.“ Die Aussage ist – mit den Worten des Physikers Peter Woits über die String-Theorie – „not even wrong“ (nicht einmal falsch, sondern schlicht sinnlos).

Zumal es inzwischen selbst für Profis kaum noch zu unterscheiden ist, ob ein Bild mit traditionellen oder digitalen Techniken hergestellt wurde. Worauf es ankommt, ist lediglich das überzeugende Ergebnis. Der Weg dorthin interessiert den Betrachter nicht, höchstens den analytisch vorgehenden Bildforensiker. Wir sollten doch aus der Geschichte gelernt haben, dass wir diese leidige Diskussion nicht bei jeder neuen Technik aufs Neue lostreten müssen: Fotografie, Airbrush, Acrylfarben usw. Und wenn schon, dann in Bezug aufs Digitale doch bitte nicht mehr im Jahr 2019!

Die besten Illustratoren auf fast 700 Seiten

Aber diese Bedenken – noch dazu in Bezug auf einen Gedanken, für den sich der Verfasser dann gleich entschuldigt – schränken den Genuss beim Anschauen und Lesen dieses dicken und großformatigen Bildbandes in keiner Weise ein (oder in falschem Politiker-Deutsch: sogar in keinster).

Sie lernen 100 vorbildliche Illustrator/innen kennen – ob diese nun die weltbesten sind oder nicht. Sie lesen etwas über ihre Intentionen und Entwicklungen, und Sie können sich vor allem stundenlang mit ihren Bildern beschäftigen (den analogen wie den digitalen).

Da Sie hier nur die Endergebnisse sehen und es nicht um Tutorials geht, erfahren Sie zwar wenig für die eigene Praxis, was etwa den meisterhaften Einsatz von Photoshop betrifft. Dagegen können Sie sehr viel darüber lernen, wie man Ideen überzeugend visualisiert – das ist letztlich für eine herausragende Illustration ein weit bedeutsameres Kriterium als die angewandte Technik. Und für diesen Aspekt finden Sie in diesem Band Hunderte von lehrreichen Beispielen.

 

Steve Heller und Julius Wiedemann (Herausgeber): The Illustrator – 100 Best from around the World, Taschen Verlag 2019, 664 Seiten, Großformat, gebunden, 50 Euro

Die besten Illustratoren
Cover des Bandes „The Illustrator“ von Christoph Niemann
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Hans Baumann

Doc Baumann befasst sich vor allem mit Montagen (und ihrer Kritik) sowie mit der Entlarvung von Bildfälschungen, außerdem mit digitalen grafischen und malerischen Arbeitstechniken. Der in den Medien immer wieder als „Photoshop-Papst“ Titulierte widmet sich seit 1984 der digitalen Bildbearbeitung und schreibt seit 1988 darüber.

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