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Das frühe Social Media – Interview mit Jens Burger

Social Media Veteran Jens Burger war als Frontmann von „Die Schröders“ schon ein aus Funk, Fernsehen und Magazinen bekannter Rockstar, als es für den Otto-Normalbürger noch gar kein Internet gab. Frühe Formen von Social Media entdeckte er nach 2004, weil er zu der Zeit als People-Fotograf und Werber auf der Suche nach neuen, frischen Gesichtern war.

DOCMA: Wie war Social Media in der Zeit, bevor man diesen Begriff erfunden hat?

Jens Burger: Meinen ersten Kontakt mit Online-Gemeinschaften hatte ich schon Mitte der 90er Jahre. Damals waren das „gated Communities“, in denen man meist nur als zahlendes Mitglied Zugang bekam. Teils musste man sich dort noch wie bei AOL oder in Apples eWorld extra mit einem Modem einwählen. Das in dieser Zeit Spannende war für uns, gefühlt nur einen Klick weit entfernt mit Menschen aus anderen Ländern in direktem Kontakt stehen zu können. Das findet heute – glaube ich – niemand mehr besonders aufregend. Für mich bot sich damals die Gelegenheit, über eine solche Community im Selbststudium HTML zu lernen und zu erfahren, wie man damit funktionsfähige und schick gestaltete Webseiten bauen kann. Aber als ich das mit dem HTML so weit beherrschte, wie ich es für meinen Bedarf brauchte, ließ das Interesse an dieser Frühform des „sozial Media“ schnell nach.

Social Media Jens Burger
Jens Burgers Webseite

DOCMA: Es ging also eher um die Sache als um die Leute dort?

Jens Burger: Definitiv. Deshalb würde ich solche Communities auch nur als eine Vorform betrachten. Viel persönlicher wurde es für mich etwa zehn Jahre später, so um 2004. Da begann ich mich für die Fotografie von Menschen zu interessieren und war auf der Suche nach Models, an und mit denen ich üben, beziehungsweise Ideen ausprobieren konnte. Als ich in meinem persönliche Umfeld niemanden mehr fand, der sich zum x-ten Mal von mir fotografieren lassen wollte, stieß ich auf die Model-Kartei (www.model-kartei.de). Die Plattform hatte Hendrik Siemens schon im Jahr 2000 gegründet, und sie sollte Fotografen, Modelle, Visagisten und Mietstudios zusammenbringen.

DOCMA: Das klingt eigentlich eher wie ein Vermittlungsforum und nicht wie Social Media.

Jens Burger: Auf den ersten Blick stimmt das sicherlich. Aber hier gab und gibt es immer noch die Möglichkeit, als Fotograf Bilder von eigenen Shootigs hochzuladen. Wer mag, kann die Bilder kommentieren und so fand ich damals eine Reihe von anderen Fotografen, die – wie ich – mitten im Lernprozess steckten und jemanden brauchten, mit dem sie über ihre Arbeiten reden konnten.

DOCMA: Und diese Diskussionen verliefen immer sachlich?

Jens Burger: Es ging hier ja um Bilder und um Geschmacksfragen. Da haben wir uns natürlich rumgezankt, was toll ist und was nicht. Aber im Kern blieb es immer sachlich. Das war ja auch wichtig, denn im Lauf der Zeit hast du viele Modelle und Fotografen persönlich kennengelernt. Da wäre übermäßige Unhöflichkeit in den Diskussionen nicht so angebracht gewesen. Aus diesen Treffen sind für mich viele noch heute andauernde Freundschaften entstanden, und wir haben damals auch viele Projekte mit mehreren Fotografen und Models gemeinschaftlich geplant und durchgeführt.

DOCMA: Bist du immer noch in der Model-Kartei aktiv?

Jens Burger: Nein, schon lange nicht mehr. Das hat zwei Gründe. Zunächst hatte sich mein Hobby nach einiger Zeit in ein Geschäftsmodell gewandelt. Seither ist die Model-Kartei für mich nicht mehr ganz so revant, weil die Verbindlichkeiten hier etwas anders sind, als ich sie bei beruflichen Aufgaben voraussetzen muss. Wenn ich jemanden für ein Shooting buche, muss ich mich auch darauf verlassen können, dass er wirklich kommt, denn bei solchen Aktionen sind auch noch eine Reihe anderer Leute mit am Set, die alle Geld kosten. Ich habe es schon häufiger erlebt, dass dann die „Nebenberufs“-Modelle kurz vor dem Termin plötzlich verhindert waren oder auch mal ohne Entschuldigung gar nicht auftauchten. Wenn mir das in meiner Freizeit passiert, ist es einfach nur ärgerlich, bei einem kommerziellen Shooting kann so ein Ausfall viel Geld kosten.
Der zweite Grund, aus dem ich mein Model-Kartei-Engagement heruntergefahren habe, war Facebook. Ab etwa 2008 sind viele meiner Kontakte zu dem damals noch jungen Dienst gewechselt und das war dann irgendwie von heute auf morgen unsere neue digitale Heimat. In meinem Blog habe ich der Model-Kartei vor einiger Zeit einen kleinen Nachruf geschrieben.

DOCMA: Wenn du so früh mit dabei warst, hast du sicherlich unendlich viele Follower auf Facebook.

Jens Burger: Leider nicht. Ich hatte lange Zeit nur nur einen privaten Account. Da kann man maximal 5000 Freunde haben, und als ich die recht schnell zusammenhatte, kam ich lange Zeit gar nicht auf die Idee, mir eine Fan-Page einzurichten. Als ich es dann doch tat, war es viel zu spät. Da sind jetzt schon seit Jahren so um die 10.000 Fans versammelt, und da ich kein Geld für Werbeaktionen in die Hand nehme, werden es auch nicht mehr.

DOCMA: Liegt das vielleicht in deinem Engagement?

Jens Burger: Glaube ich nicht. Ich war eine Zeit lang sehr aktiv und habe viele Postings und Aktionen gestartet. Ich wollte aber auch nie Influencer werden (lacht und holt einen großen Stapel Bücher an den Tisch). Das sind meine „Social Books“, nach Jahren geordnet. Da sind alle Posts drin, für mich so ein Social Media-Archiv auf Papier. „My social book“ ist ein cooler Service, wenn auch nicht gerade günstig. Auch wenn Social Media etwas Schnelllebiges ist, gefällt mir die Idee, diese Zeit festhalten zu können.

Eine lange Zeit hat das ganz gut funktioniert mit Facebook. Da konnte man recht einfach den Kontakt zu potenziellen und bereits vorhandenen Kunden aufrecht erhalten. Damals habe ich sogar extra Foto-Aktionen für Facebook-Posts gemacht, weil so etwas die beste Werbung war. Heute ist das nur noch eingeschränkt möglich. Wenn ich alle meine Leute erreichen will, muss ich Geld zahlen. Da ist es aus meiner Sicht sinnvoller, das Geld in die eigene Webseite zu stecken und in Aktionen, die jetzt auch immer mehr auf meinem eigenen Blog stattfinden. Das ist mir aber erst so um 2016 aufgegangen. Seither bin ich umgeschwenkt und mache inzwischen auch viel Content für meine Website und hier und da mal ein Youtube-Video.

DOCMA: Du bist also raus aus der Social Media-Nummer?

Jens Burger: Nein, natürlich nicht. Ich habe allerdings mein Engagement seit 2015 fast ganz zu Instagram verlagert. Das ist einfach, passt zu meinen Vorlieben und man muss nicht für alles bezahlen. Allerdings wächst auch hier meine Fan-Base schon lange nicht mehr weiter. Wie bei Facebook ist so um die 10.000 eine Schwelle, die zumindest für mich kaum zu überschreiten ist. Bei mir schwankt es immer um diese Marke herum, dadurch kann ich manchmal, wenn ich über 10.000 bin, auf bestimmte Funktionen zugreifen – wie die Möglichkeit in Stories Links zu setzen –  und dann ein paar Tage später wieder nicht mehr.

DOCMA: Machst du denn heute noch Social Media-Shootings, um etwas für deinen Instagram-Kanal zu haben?

Jens Burger: Nein. Ich habe inzwischen verstanden, dass das so für mich nicht mehr funktioniert. Stattdessen bin ich seit einiger Zeit häufiger mal mit Katrin Lehr von Viel Unterwegs auf Reisen und unterstütze sie fotografisch. Das ist besser verbrachte Zeit und man kommt auch zu ganz neuen Bildeindrücken. Für mich ist das ein Invest in die Substanz meiner Außendarstellung. Hier entsteht eigener Content und der ist nicht so flüchtig, wie ständig nur auf Facebook oder Instagram zu posten.

DOCMA: Wir bedanken uns für das Gespräch!

Reisebilder aus Canada von Jens Burger

Zur Person


Neben seiner Arbeit als Spezialist für ungewöhnliche Porträts arbeitet Jens Burger heute auch als Reise- und Hotelfotograf. Sein Wissen teilt der offizielle Fuji X-Fotograf in Workshops. Mehr Infos auf seiner Webseite

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Christoph Künne

Christoph Künne ist Mitbegründer, Chefredakteur und Verleger der DOCMA. Der studierte Kulturwissenschaftler fotografiert leidenschaftlich gerne Porträts und arbeitet seit 1991 mit Photoshop.

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