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Cine-Objektive – was sind sie, wer braucht sie?

In letzter Zeit bringen immer mehr Objektivhersteller Cine-Linsen beziehungsweise Cine-Objektive heraus – teilweise neue Rechnungen, teils Varianten vorhandener Objektive, die für Video-Anwendungen optimiert sind. Was hat es mit diesen Objektiven mit den charakteristischen Zahnkranz-Ringen auf sich? Sind sie für Fotografen überhaupt interessant?

Cine-Objektive

Typisch für Cine-Objektive sind die genormten Zahnkränze an Stelle der üblichen Fokus-, Zoom- und Blendenringe, außerdem eine T- statt der F-Skala der Blende. (Quelle: Sigma)

Cine-Objektive gab es natürlich schon immer, aber in der Fotografie spielten sie keine Rolle. Objektive für Standbilder und solche für Filme gehörten zwei verschiedenen Welten an – für die einen interessierten sich Fotografen, für die anderen Kameraleute. In der letzten Zeit beginnen sich die Sphären jedoch zu vermischen: Nachdem Systemkameras mit und ohne Spiegel immer öfter für Filmaufnahmen genutzt werden, beginnen Hersteller von Foto-Objektiven auch den Cine-Markt zu erobern.

Sigma kündigte Ende letzten Jahres eine Serie von acht Cine-Objektiven an, die in Versionen für Canons EF-Bajonett, Sonys E-Mount und das bei Filmkameras weit verbreitete PL-Bajonett auf den Markt kommen sollen. Leicas Schwesterunternehmen CW Sonderoptic, das auf Cine-Linsen spezialisiert ist, bringt fünf klassische M-Objektive in einer Cine-Version heraus – allerdings immer noch mit dem M-Bajonett seiner Messsucherkameras. Fuji hat jüngst die neueste Objektiv-Roadmap für sein X-System vorgestellt, auf der auch zwei Cine-Objektive verzeichnet sind, das MK 18–55MM und das MK 50–135MM. Die Objektive sollen zunächst in einer E-Mount-Version für Sonys Filmkameras FS5 und FS7 kommen, später auch in Versionen für Fujis eigenes X-System. In diesem Marktsegment ist Fuji beziehungsweise seine Objektivschmiede Fujinon schon lange aktiv; neu ist allerdings, dass diese Objektive nun auch innerhalb eines Kamerasystems auftauchen, bei dem der Schwerpunkt auf dem Standbild liegt. Sollte man sich als Fotograf für solche Objektive interessieren?

Cine-Objektive

CW Sonderoptic hat einige der besten M-Objektive zu Cine-Linsen umgearbeitet; das M-Bajonett ist ihnen geblieben. (Quelle: CW Sonderoptic)

Wenn man sich Cine-Objektive näher anschaut, fallen zunächst die Zahnkränze auf, an deren Stelle man gummierte Ringe für Fokus, Zoom und Blende erwartet. Die Zahnkränze haben das standardisierte 0.8-Modul, was bedeutet, dass man Kamera und Objektiv auf ein Stützsystem montieren kann, in dem passende Zahnräder in die Zahnkränze greifen, mit denen der Kameramann die Schärfe („follow focus“), die – bei Cine-Objektiven stufenlos verstellbare – Blende und bei Zooms auch die Brennweite geschmeidig einstellt. Autofokus und Belichtungsautomatik sind bei Filmaufnahmen kein Thema, denn schließlich will man keine pumpende Fokussierung, weil der AF nach der maximalen Schärfe sucht, und auch die Belichtung sollte sich bei leicht schwankenden Lichtverhältnissen nicht ständig ändern. Daher ist auch die Anpassung an unterschiedliche Objektivanschlüsse relativ unproblematisch – eine Datenübertragung zwischen Objektiv und Kamera ist nicht zwingend nötig. Dass CW Sonderoptic die Leica-Objektive mit einem M-Bajonett versieht, hat einen einfachen Grund: Das Auflagemaß dieser Objektive ist kürzer als das des im Cine-Bereich gängigeren PL-Mount, so dass die Objektive in die Kamera hinein ragen müssten. Da es die beliebten RED-Filmkameras aber auch in Versionen mit M-Bajonett gibt, ist dieser Anschluss durchaus für Filmzwecke verwendbar; an die – technisch durchaus mögliche – Verwendung an einer Leica M hat CW Sonderoptic weniger gedacht.

Auffällig ist auch, dass vor der Blende der Buchstabe T für „Transmission“ steht – als Fotografen sind wir „F“ für „Fokus“, also „Brennweite“ gewohnt. Die gewohnte Blendenzahl als Verhältnis der Eintrittspupille zur Brennweite besagt für sich genommen noch nicht, wie viel Licht durch das Objektiv dringt. Hier spielt auch die Lichtdurchlässigkeit der Linsen eine Rolle, und je mehr Glaskomponenten ein Objektiv hat, desto mehr Licht wird vom Objektiv geschluckt. Der T-Wert dagegen gibt die tatsächliche Lichtstärke an, so dass man zwischen zwei Objektiven wechseln und bei identischem T-Wert davon ausgehen kann, dass das Bild die gleiche Helligkeit behält. Da die Belichtungszeit bei Filmaufnahmen durch die Bildfrequenz vorgegeben ist, muss man die Belichtung mit Blende oder ISO-Wert regulieren, und zur Vermeidung von Helligkeitssprüngen während der Aufnahme ist eine stufenlos verstellbare Blende nötig. Der Fokusring sollte sich in einem großen Winkelbereich von 270 bis 320 Grad drehen lassen, was feine Verstellungen erlaubt.

Für Fotografen sind diese Eigenschaften eher uninteressant, nutzlos oder gar störend. Die Zahnkränze sind schlecht für das Handling und bei der manuellen Fokussierung möchte man nicht so viel kurbeln, wie es typische Cine-Objektive erfordern. Cine-Objektive sind durchweg teuer, nicht nur wegen der aufwendigen Mechanik, sondern auch aufgrund der strengeren Selektion, die eine identische Transmission und Farbcharakteristik über alle Objektive eines Herstellers hinweg garantiert. Für Cine-Objektive braucht sich also nur zu interessieren, wer tatsächlich neben Standbildern auch Filme produzieren will.

Nicht zu vergessen: Cine-Objektive sind auch dann oft nicht für das Kleinbildformat geeignet, wenn von „35 mm“, also der Breite des Kleinbildfilms die Rede ist. Ein Teil von Sigmas Cine-Objektiven sowie die MK-Optiken von Fuji sind für das in der Filmproduktion beliebte Super-35-Format gerechnet. Das ist zwar vom 35-mm-Kinofilm abgeleitet, den wir als Kleinbildfilm kennen, aber der Kinofilm läuft vertikal statt horizontal durch die Kamera, so dass die Breite des Bildes nur 24 mm beträgt – beim Kleinbild ist das ja dessen Höhe. Super 35 entspricht ungefähr dem APS-C-Format, weshalb Fujis MK-Objektive zwar für Sonys Filmkameras mit E-Mount und Super-35-Sensor geeignet sind, nicht jedoch für eine Alpha 7.

Je mehr man sich mit Cine-Objektiven beschäftigt, desto deutlicher erkennt man, dass es für Filmaufnahmen nicht genügt, an seiner Kamera den Moviemodus zu aktivieren. Filmaufnahmen mit professionellem Anspruch stellen eigene Anforderungen, denen die vorhandenen, für Standbildaufnahmen optimierten Objektive kaum entgegen kommen. Aber schließlich muss auch der Kameramann durchaus andere Fähigkeiten als der Fotograf mitbringen. Technisch mögen Fotografie und Film zwar immer mehr verschmelzen, aber es bleiben zwei eigenständige Künste.

Michael J. Hußmann

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