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Bildkritik: Herr Ove, überlebensgroß?

Schmunzel-Tipp: Da lacht das Bildbearbeiter-Herz, und die Seele weint dazu

Kürzlich lief die Filmkomödie „Ein Mann namens Ove“ im Fernsehen, und die TV-Zeitschriften kündigten ihn mit einem vom Verleih bereitgestellten Bild an. Anlass für unseren Leser Hendrik aus Lübeck, sich bei Doc Baumann über diese perspektivewidriger Montage  zu beschweren – „der wächst doch über sich selbst hinaus und damit auch über seine ganze Umgebung“ –, verbunden mit der Bitte zu erklären, was und warum hier falsch montiert wurde.

Bildkritik: Herr Ove, überlebensgroß?
aus „TV- Spielfilm”, Emojis: sergeitokmakov pixabay

In der Tat sieht dieses Bild recht merkwürdig aus, und Herr Ove scheint tatsächlich erheblich überdimensioniert zu sein. Unser Leser Hendrik weiß auch, woran das liegt: „Bekanntlich liegen ja in einem Foto die Augen der abgebildeten Personen ungefähr auf einer Höhe, nämlich dem Horizont. Aber das wussten die Monteure hier wohl nicht. Auch wenn der Schauspieler größer wäre als die Frau rechts, würde sein Kopf nicht bis zum Giebel des Hauses ragen.“

Bildkritik: Herr Ove, überlebensgroß?
Werbefoto zum Film „Ein Mann namens Ove“ / @ Verleih

Also folgen wir zunächst einmal Hendriks Anregung: Dank Bürgersteigkante, Fenstern und Giebeln lässt sich schnell die Perspektive im Bild ermitteln: Fluchtlinien (weiß) ziehen, die sich sauber im Fluchtpunkt links im Bild schneiden, in dieser Höhe den Horizont (grün) einzeichnen, fertig.

Bildkritik: Herr Ove, überlebensgroß?
Konstruktion von Fluchtlinien, Fluchtpunkt und Horizont

Im zweiten Schritt ziehen wir eine neue Fluchtlinie vom Fluchtpunkt zur Ferse der Frau (blau), eine weitere zu ihrem Kopf (rot); dann vom Scheitel und Fuß zwei waagerechte Linien nach links. Verlängert man diese Fluchtlinien nach „vorn“, also im Bild rechts, lässt sich aus ihrem Abstand dort ermitteln, wie groß die Frau sein müsste, wenn sie weiter vorn stünde. Befände sie sich nun neben Herrn Ove, läge ihre obere und untere Begrenzung zwischen den beiden schwarzen Linien. Doch direkt neben ihm würde sie ihm gerade bis zur Brust reichen, was ja wohl nicht sein kann …

Würde die Frau aus ihrer jetztigen Position so weit nach vorn rücken, dass sie neben Herrn Ove steht (zwischen den beiden schwarzen waagerechten Linien), reichte sie ihm gerade mal bis zur Brust. Ein Beleg für eine unplausible Montage … ?

Angenommen, dass der Schauspieler Lassgård etwas größer ist als seine Filmpartnerin, geben wir also etwas hinzu und lassen ihn im nächsten Schritt auf eine vertretbare Größe schrumpfen (verbunden mit einer schnellen Retusche des Hintergrunds, nachdem wir den Mann ausgewählt, auf eine neue Ebene dupliziert und skaliert haben). Das sieht schon realistischer aus.

So sieht das nach der Skalierung des Mannes schon realistischer aus und Herr Ove passt nun in der Größe besser zu den anderen Personen. Aber …

Allerdings fällt etwas anderes auf. Hatte Hendrik nicht zu Recht daran erinnert, dass die Augen aller Personen ungefähr auf gleicher Höhe liegen sollten und dass diese mit dem Horizont zusammenfällt? Nun geht der aber, wie die Perspektivekonstruktion zeigt, gar nicht durch seine Augen, sondern liegt etwa in Höhe seines Nabels. Also wurde sein Foto (vor der Montage?) aus einer niedrigeren Position aufgenommen, was auch daran zu erkennen ist, dass wir sein Kinn leicht von unten sehen. Der Horizont schneidet die anderen Personen ebenfalls nicht in Nabelhöhe; in einem Bild zusammengebracht, hieße das, dass diese deutlich kleiner sein müssten als er. Die Frau würde dann jedoch sehr klein sein, denn bei ihr liegt der Horizont zwischen Schulter und Brust. Ein solcher Größenunterschied kann doch nicht sein!

Oder doch? Eine Web-Recherche ergibt, dass der Schauspieler Rolf Lassgård bemerkenswerte 1,93 m groß ist, eine weitere führt zu einem Standfoto aus dem Film, auf dem er direkt neben der Frau steht. Und bis wohin reicht sie ihm da? Nun, genau bis zur Brust. Denn die iranische Schauspielerin Bahar Pars ist mit 1,57 m wiederum so unterdurchschnittlich klein, wie er überdurchschnittlich groß ist. Damit passt alles zusammen und die vorgebliche Montage ist wohl ein schlichtes Foto.

Aber ein Argument hat Hendrik noch: „Außerdem sieht man an dem Schlagschatten seines [im Bild] linken Fußes, dass montiert wurde, denn warum sollte der viel heller sein als der des anderen?“ Auch hier hilft eine kurze Web-Recherche weiter: Auf diesem Foto ist der Schatten so dunkel, wie er sein sollte, im mitgeschickten Bild aus der Programmzeitschrift wurde einfach eine helle Fläche halbtransparent überlagert, damit man den Text links besser lesen kann.

Fazit: Entgegen dem ersten Anschein handelt es sich hier um keine Montage; der Mann in meiner nach dieser falschen Annahme „korrigierten“ Version ist zu klein, und manche Menschen sind nun mal so groß oder so klein, dass man schon mal ins Zweifeln geraten kann. Hendriks Vorschlag für die Überschrift „Schmunzel-Tipp: Da lacht das Bildbearbeiter-Herz, und die Seele weint dazu“ passt aber trotzdem, wenn auch anders als gedacht.

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Doc Baumann

Doc Baumann befasst sich vor allem mit Montagen (und ihrer Kritik) sowie mit der Entlarvung von Bildfälschungen, außerdem mit digitalen grafischen und malerischen Arbeitstechniken. Der in den Medien immer wieder als „Photoshop-Papst“ Titulierte widmet sich seit 1984 der digitalen Bildbearbeitung und schreibt seit 1988 darüber.

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