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Bilder der vergehenden Zeit

Ein Bildband von Stephen Wilkes

Definitionsgemäß ist ein Foto etwas Statisches – wie jedes Bild, das nur einen Augenblick einfrieren, aber keine zeitliche Entwicklung wiedergeben kann. Eigentlich. Denn immer wieder versuchen Künstler auf unterschiedliche Weise, Bilder der vergehenden Zeit zu schaffen. Doc Baumann hat sich den neuen Bildband „Day to Night“ von Stephen Wilkes angeschaut, in dem der Wechsel der Tageszeiten mit Photoshop-Montagen sichtbar gemacht wurde.

Bilder der vergehenden Zeit

Ein Paar umarmt sich inmitten des Flusses von Fußgängern auf Londons Trafalgar Platz, 2013   © 2019 Stephen Wilkes

Es ist verwirrend: Auf der einen Seite des großformatigen Fotos bricht gerade die Morgendämmerung an – in der Mitte sehen wir dieselbe Szene im hellen Mittagslicht – und auf der gegenüberliegenden Seite ist bereits die Nacht aufgezogen. Doch das wird uns nicht in mehreren nebeneinander gestaffelten Fotos vorgeführt, additiv und streifenweise, sondern in einem einzigen Bild.

Fotografieren kann man so etwas nicht (oder sagen wir besser: noch nicht. Die Kamera- und Handyhersteller lassen sich ja immer Neues einfallen, so dass es einen nicht wundern würde, wenn irgendwann auch solche „Fotos“ dank eingebauter Kamera-K.I. möglich würden).

Sie und mich kann derlei natürlich nicht aus der Fassung bringen. Für nahezu alles, was man auf Bildern sieht und das sich so ohne Weiteres nicht fotografieren lässt, kennen wir das Zauberwort: Photoshop! Und in der Tat erklärt das, wie die Bilder in diesem Buch zustande gekommen sind.

Bilder der vergehenden Zeit sind insofern etwas Ungewöhnliches, als sie in der Regel – Fotos ohnehin – etwas Räumliches zeigen, zeitlos, einen eingefrorenen Augenblick. Dort sind Objekte nebeneinander zu erkennen. Anders als im Film, der uns solche Objekte ebenso zeigt, zudem aber – scheinbar – um die Dimension der Zeit erweitert: Zum Nebeneinander kommt das Nacheinander.

In den Bildern von Stephen Wilkes haben wir nun beides. Wir sehen eine Szene mit all den Objekten und Personen, die sie bevölkern; ihr Nebenaneinander – zumindest das der statischen Gegenstände – bleibt gewahrt, wie sich das in einem Bild gehört. Zudem aber herrschen im selben Bild an unterschiedlichen Stellen unterschiedliche Tageszeiten. Die gewohnte Gleich-Zeitigkeit des im Bild Dargestellten ist aufgehoben.

Bilder der vergehenden Zeit

Wilkes kämpfte in Paris gegen das miserable Wetter bei einem 18-stündigen Shooting des gut frequentierten Champs de Mars und des Eiffelturms, von einem 13 Meter hohen Hubwagen aus, 2014. © 2019 Stephen Wilkes

Bilder der vergehenden Zeit: Day to Night

Wilkes musste warten, bis Photoshop Ebenen und Ebenenmasken anbot und Pixelmengen verwalten konnte, die für sehr großformatige Drucke ausreichen.

Dann konnte er sich mit seiner Kamera mit 4×5-Zoll-Digitalrückteil und sehr stabilem Stativ passende Orte für seine Aufnahmen suchen (oder diese mitunter auch erst einrichten) und im Laufe eines Tages, mitunter bis zu 36 Stunden, viele, viele Fotos aufnehmen, die er dann später am Rechner montierte.

Auch wenn das Vorwort des Buches von Lyle Rexer zu diesen technischen Aspekten wenig mitteilt – als Photoshop-Anwender können wir uns gut vorstellen, wie viel Arbeit in diesem Montagen steckt. Nehmen wir etwa die Wolken: Im Laufe eines Tages ändern sie sich ständig. Eine Panorama-Montage kann aber nur ein paar von ihnen darstellen. Die waagerechte Erstreckung einer Wolke ist aber meist weit größer als der über diese Strecke allmählich stattfindende Helligkeitswechsel.

Und auch bei identischem Bildausschnitt – notfalls lassen sich Ebenen in Photoshop ja passgenau ausrichten – steckt viel Arbeit darin, mit Ebenenmasken Personen oder mobile Objekte an passender Stelle einzufügen.

Eine einfachere Anwendung: Tag und Nacht

2014 konnten Sie in DOCMA 57 ab Seite 54 ein Tutorial von mir lesen, in dem es um ein vergleichbares Problem ging. Dort sollte allerdings nicht der kontinuierliche Verlauf der Zeit gezeigt, sondern nur zwei Zustände kombiniert werden: Tag und Nacht. Ich wollte damals auch gar nicht das Vergehen der Zeit thematisieren, sondern lediglich ein technisches Montageproblem lösen.

Wenn Sie eine Nachtaufnahme einer Szene haben und einen Teil davon hell erleuchten wollen, so geht das nicht auf dem Weg, den betreffenden Abschnitt einfach kräftig aufzuhellen. Das bietet weder eine Lösung dafür, dass es wegen der Tagesbeleuchtung helle und dunkle Bereiche von Objektoberflächen sowie Schlagschatten gibt (beides kommt nachts wegen der gleichmäßigen Nicht-Beleuchtung nicht vor). Hinzu kommt, dass die künstliche Beleuchtung nachts am Tag völlig fehlt; das betrifft Lichtquellen ebenso wie angestrahlte Gegenstände.

Die Lösung ist eine Montage aus Tag- und Nachtszenen. Das Prinzip ist dasselbe wie bei Wilkes – allerdings mit einem „entweder/oder“ statt einem „sowohl/als auch“.

Bilder der vergehenden Zeit

Eine einfachere und nicht-kontinuierliche Mischung einer Nacht- und einer Tages-Szene zeigt diese Montage aus einem Tutorial in DOCMA 57 | Fotos und Montage: Doc Baumann

Schlagschatten: Uneinheitliche Bilder der vergehenden Zeit

Bildmontagen mit einer scheinbaren zeitlichen Dimension stehen allerdings vor einem schwer lösbaren Problem: Wenn die zu kombinierenden Fotos nicht den kompletten Tag über bei diffusem Licht aufgenommen werden, enthalten sie unvermeidlich Schlagschatten. Und deren Richtung ändert sich nun einmal im Lauf eines Tages um rund 180 Grad.

In DOCMA 79 hatte ich in meiner Bildkritik ein Werk der damaligen documenta 14 vorgestellt. Ebenfalls eine großformatige Montage, die Panos Kokkinias von Touristen in einer kargen Landschaft auf Nisyros zusammengestellt hatte. Die Ausgangsfotos wurden offenbar im Laufe mehrerer Stunden gemacht, und so war es unvermeidlich, dass die Schlagschatten der montierten Personen in unterschiedliche Richtungen deuteten. (Die der Landschaft natürlich ebenso, aber hier lässt sich ja auf ein einziges Foto zurückgreifen.)

Den meisten documenta-Besuchern dürfte dieser Bruch kaum aufgefallen sein. Aber wenn man sich oft mit Bildkritik am Beispiel misslungener Montagen beschäftigt, fallen einem solche Widersprüche natürlich auf.

Auch bei den Montagen Wilkes ist diese Uneinheitlichkeit der Schlagschatten leider immer wieder zu erkennen. Meist schafft er es war zwar, die Schattenrichtungen kontinuierlich zu staffeln und anzupassen. Bei etlichen Werken jedoch fallen Schlagschatten nebeneinander stehender Personen in ersichtlich abweichende Richtungen, kreuzen sich gar im schlimmsten Falle, oder manche Menschen müssen ganz auf ihre Schatten verzichten.

Angesichts der hohen Foto- und Montagequalität der in diesem Buch zusammengestellten Werke mag solche Kritik etwas kleinlich wirken, aber dem Anspruch auf Perfektion steht diese Uneinheitlichkeit im Wege.

Bilder der vergehenden Zeit

Der beliebte Südrand des Grand Canyon, vom 70 Fuß hohen Desert View Watchtower aus gesehen. Arizona, 2015. „Ich habe während des 36-stündigen Shootings oben auf einem Wachturm geschlafen. Es gab dort natürlich keine künstliche Beleuchtung, also musste ich auf den Mond warten, damit er den Canyon erleuchtet. Für die Belichtung blieb mir nur eine Stunde Zeit. © 2019 Stephen Wilkes

Neben- und nacheinander

Manchmal hilft es, wenn man sich als Künstler – oder jemand, der etwas über Bilder schreibt –, ein wenig mit Kunstgeschichte auskennt. Dann muss man zum Beispiel ein Gemälde von Pieter Brueghel, in dem mehrere Zeitabschnitte nebeneinander zu sehen sind (oder sein könnten), nicht als großartige Entdeckung feiern, weil dort ein Nacheinander visuell in ein Nebeneinander übersetzt wurde.

Derartige Bilder gab es schon zuvor seit Jahrhunderten, viele alte Buch- und Wandmalereien zeugen davon. Häufig war dort der zeitliche Ablauf in einen räumlichen übersetzt worden, etwa als Stationen entlang eines Weges. Erst der spätere „Wettstreit der Künste“ führte zu Überlegungen und Diskussionsbeiträgen, was einer bestimmten Kunstgattung angemessen sei oder nicht. Prägend war der „Laokoon“-Aufsatz von Lessing, in dem er ausführte, dass Malerei und Bildhauerei – anders als die Dichtung – nur einen einzigen Augenblick aus einer Handlung isolieren können. Im optimalen Falle deren Höhepunkt, der Vorausgehendes und Folgendes zumindest erahnen lässt.

Wenige Jahrzehnte später wurde die Fotografie erfunden, und – eigentlich unerwünschte – Verwischungen aufgrund langer Belichtungszeiten bewiesen, dass auch ein eigentlich statisches Medium durchaus in der Lage ist, zeitliche Verläufe wiederzugeben.

Doch wir müssen hier nicht den ganzen Verlauf der Kunst- und Technikgeschichte nachverfolgen. Ob mit oder ohne Vorläufer: Die Fotos und Montagen von Stephen Wilkes lohnen, sich mit ihnen zu beschäftigen.

Bilder der vergehenden Zeit – Das Buch

In dem großformatigen Bildband im Querformat, wie immer beim Taschen Verlag hinsichtlich Druck- und Papierqualität hervorragend, sind zahlreiche dieser Tag-Nacht-Montagen von Wilkes zusammengestellt. Etliche von ihnen werden auf der Folgeseite durch die vergrößerte Wiedergabe eines Ausschnitts ergänzt, der mehr Details erkennen lässt. Fast alle Fotos sind doppelseitig wiedergegeben, mitunter sogar auf doppelten Klappseiten.

Wilkes hat es verdient, dass man sich als Leser/in ausgiebig mit seinen Montagen befasst und den Blick lange und intensiv durch die Szenen wandern lässt. Allerdings sollten Sie sich dabei Zeit lassen und nicht den ganzen Band in einem Rutsch durchgehen. Denn sonst könnte sich doch angesichts des immer selben Themas ein gewisser Ermüdungseffekt einstellen.

Stephen Wilkes: Day to Night. Herausgegeben von Reuel Golden, Taschen Verlag 2019. 260 Seiten, gebunden, Großformat 32 x42 cm, Einleitungstext dreisprachig engl, deutsch, franz. 100 Euro

Cover

 

 

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Hans Baumann

Doc Baumann befasst sich vor allem mit Montagen (und ihrer Kritik) sowie mit der Entlarvung von Bildfälschungen, außerdem mit digitalen grafischen und malerischen Arbeitstechniken. Der in den Medien immer wieder als „Photoshop-Papst“ Titulierte widmet sich seit 1984 der digitalen Bildbearbeitung und schreibt seit 1988 darüber.

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