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Pin-ups – weich und hart

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By George Petty, courtesy Ronald Feldman Fine Arts, New York, and the George Petty estate

Die beiden Bildbände, die wir Ihnen hier vorstellen, befassen sich mit demselben Thema: Pin-up-Illustrationen. Das ist dann aber auch schon alles, was sie gemeinsam haben.

Während der gewaltige, von Dian Hanson herausgegebene Prachtband The Art of Pin-Up rund 1000 Illustrationen der Ära präsentiert, in der solche Bilder zum Teil noch gemalt und gezeichnet wurden – als ungefähre Orientierung: 1920 bis 1970 –, widmet sich Sorayama XL-Masterworks Edition ganz dem Werk des japanischen Illustrators Hajime Sorayama. Beide Bände sind dick (Sorayama bringt es auf 463 Seiten, Art of Pin-Up auf 546), groß (Sorayama 25 × 30 cm, Art of Pin-Up gar 30 × 40 cm) und bunt.

Dian Hanson zeigt uns die frische, neckische, frivole Welt der amerikanischen ­Pin-ups, in der jedes Bild eine kleine Geschichte erzählt und in der die Modelle meist augenzwinkernd in direkten Blickkontakt mit dem Betrachter treten, verhalten oder offen lächelnd, gar lachend, in humorvoll arrangierten Szenen erstaunt oder liebenswert erschreckt. Diesen illusionären Kontakt gibt es mitunter zwar auch bei Sorayama – aber seine Modelle sind bis auf wenige Ausnahmen (Seite 111 unten rechts) eiskalt, ernst, verschlossen in die Welt der eigenen Lust, gelegentlich dominahaft abweisend selbstbewusst. Die Accessoires und die Innen- oder Freiluft-Umgebung der US-Illustratoren stammen aus unserer Alltagswelt – das Ambiente bei Sorayama ist nur angedeutet, selten überhaupt vorhanden, und Accessoires erinnern in der Regel an SM-Folterkeller: Bondage-Stricke, Ketten, Dildos, chromglänzende Stacheln, Rüstungsteile und Segmente von Robotern.

In Bildern, auf denen die US-Pin-ups ausnahmsweise Kleidung tragen, ist auch diese oft normal, sommerlich-locker, allerdings überwiegt eindeutig Reizwäsche: Negligees, BHs, Strumpfhalter, Slips, Bikinis. Das gibt es auch bei Sorayama, häufig treffen wir aber auf hautenge, spiegelnd-glänzende Lackanzüge.

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By Enoch Bolles

Die amerikanischen Pin-ups machen insgesamt einen „weichen“ Eindruck, schlank, aber gerundet – die japanischen sind muskulöser und durchtrainiert, kurzum „hart“; ihre Haut zeigt fast den metallischen Spiegelglanz der dargestellten Chrom- und Lackoberflächen. Zudem zeigt Sorayama immer wieder auch den Genitalbereich mit anatomischer Genauigkeit bis zum letzten, rosigen Fältchen.

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By Art Frahm

Die Anatomie der Modelle, orientiert an den Wünschen und Erwartungen der männlichen Betrachter zu übersteigern und zu idealisieren, gehört zum Geschäft der Pin-up-Illustration. Natürlich sind auch in The Art of Pin-up die Beine länger, die Brüste voluminöser und die Taillen schmaler als bei den meisten realen Frauen (und auch als bei den zuvor als Malvorlagen fotografierten Modellen, wie entsprechende Vergleiche des Buches zeigen). Sorayama treibt diese Übersteigerung auf die Spitze. Seine Frauen gleichen oft personalisierten, überoptimalen Schlüsselreizen (Sie kennen das aus der Verhaltensforschung: Reize, die bestimmte Merkmale isolieren und hinsichtlich Intensität oder Größe erheblich verstärken).

Bemerkenswert sind darüber hinaus die technischen und stilistischen Unterschiede. Wäre nicht das frivole Sujet, so könnten manche der US-Pin-ups ohne großes Aufsehen in Museen neben Werken von Impressionisten hängen, was sicherlich auch damit zu tun hat, dass die Illustratoren in einer Zeit aufgewachsen sind, in der sie mit entsprechenden Malern vertraut gemacht wurden. Sorayama dagegen arbeitet – mit verschiedenen Techniken von Buntstiften über Aquarell bis zum Airbrush – in geradezu hyperrealistischer Manier, ganz und gar nicht geprägt von der Tradition japanischer Tuschzeichenkunst.

Der Vergleich der Künstler führt – für mich – zu einem interessanten ­Ergebnis: Die amerikanischen Bilder finde ich nett anzuschauen und harmlos, mal humorvoll, mal mit edlem Kunstwillen arrangiert, fast schon Bestandteil der Alltags-Kunstgeschichte, meist virtuos realisiert wie etwa bei Elvgren oder Vargas – aber selten malerisch brillant.

00652_SORAYAMA_XL_Masterworks_CS6.inddSorayamas chromglänzende Roboter-Frauen bewundere ich schon seit Jahrzehnten (unten links). Seine Technik ist in vielen Werken meisterhaft. Aber ich mag einfach viele seiner Sujets nicht. In Ketten gezurrte oder in komplizierten Fesselungen aufgehängte Frauen kann ich trotz lustvollstem Gesichtsausdruck nur als Opfer wahrnehmen. Gegen seine stählernen Fuck-Maschinen ist der Orgasmus-Automat aus Roger Vadims Comic-Verfilmung Barbarella (1968, mit Jane Fonda in der Titelrolle) ein betulicher Apparat, wenig mehr als ein monströser Allround-­Vibrator.

Wenn Sorayama umgeschnallte Penetrationsgerätschaften seiner Modelle in stählerne Schneiden und Spitzen auslaufen lässt, kann ich die technische Perfektion seines Handwerks nicht mehr genießen. Auch wenn die Frauen es vorgeblich zu genießen scheinen. Damit sind sie von den klassischen Pin-ups meilenweit entfernt. Der Gipfel der Quälerei besteht dort darin, dass etwa bei Arthur „Art“ Frahm ständig neckische Windstöße Röcke hochwirbeln und einen Blick auf das Darunter erlauben oder Slips in peinlichen Situationen bis auf die Fußknöchel herabrutschen (Seite 119, unten links). Das sind fügsame Weibchen, die den Abscheu jeder Feministin erregen. Doch das kühle Selbstbewusstsein der sichtlich erregten Sorayama-Modelle scheint eher dem Wunschtraum des Betrachters nach grenzenloser Verfügbarkeit zu entspringen (was man in Shades-of-Gray-Zeiten freilich auch anders sehen mag.)

Leider informiert der Sorayama-Band nicht über Titel und – besonders schade – ­Entstehungsjahr der Werke. The Art of Pin-Up ist da wesentlich auskunftsfreudiger. Nach einer fast 90-seitigen, bebilderten (dreisprachigen) Einleitung wird jeder der zehn exemplarisch ausgewählten Künstler auf mehreren Textseiten ausführlich vor­gestellt; ebenso gibt es informative Bildunterschriften. Weitere 85 Illustratoren behandelt der Anhang. Die Grafiken und Gemälde – deren Originale heute zum Teil zu Preisen um die 200 000 Dollar gehandelt werden–, wurden nicht von den Heft­seiten, Kalendern oder Plakaten reproduziert, sondern von den Originalen. Schmückten sie zu ihrer Entstehungszeit die Spinde und Werkstätten von Soldaten und Arbeitern, so hängen viele von ihnen heute in Museen – eine Ehre der hochkulturellen Anerkennung, die auch Sorayama verdientermaßen in zahlreichen Ausstellungen immer wieder erfährt.

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PIN_UP_HISTORY_XL_INT_3D_01116The Art of Pin-Up
Hrsg.: Dian Hanson
gebunden, 546 Seiten
Taschen Verlag, 2014
150,00 Euro

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Sorayama CoverSorayama. XL-Masterworks Edition
gebunden, 480 Seiten
Edition Skylight, 2014
69,00 Euro

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