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Bildmanipulation vor Photoshop

Das Buch „Faking it“ beweist mit seinen vielen Bildbeispielen und erhellenden Texten, dass die Geschichte des Mediums Fotografie von seinen Anfängen an auch eine Geschichte nachträglicher manipulierender Eingriffe war.

Zum Jahresende 2012 präsentierte das Metropolitan Museum of Art in New York eine Ausstellung mit mehr als 200 Exponaten zum Thema FAKING IT – Manipulated Photo­graphy before Photoshop; anschließend wird sie in Washington und Houston zu sehen sein. Wer nicht extra zu diesem Anlass eine Reise über den Atlantik antreten möchte, kann für weniger Geld den (englischsprachigen) Katalog erwerben und findet dort gleich noch eine Menge aufschlussreicher Texte zum Thema Bildmanipulation.
Der Ansatz ist insofern bemerkenswert, als es hier nicht spezifisch um Probleme der Bildfälschung geht. Natürlich kommt sie unvermeidlich vor. Es werden aber ebenso Bereiche wie Werbung oder Übertreibungen der Art behandelt, wie wir sie in unserer Serie über alte Bildpostkarten aufgreifen (DOCMA 48, S. 106, DOCMA 49, S. 110; dem Sammler Peter Weiss, der uns für diese Folgen sein Archivmaterial und Hintergrundwissen zur Verfügung stellt, verdanke ich übrigens auch den Hinweis auf dieses Buch).
Interessant und für viele eher unerwartet ist etwa das sehr frühe Auftreten von Techniken, wie wir sie heute mit HDR umsetzen. Bereits in den 1860er Jahren kombinierten Fotografen Aufnahmen identischer Szenen mit unterschiedlicher Belichtungsdauer, um zum Beispiel weiß ausgefressene Himmel gegen solche mit durchzeichneten Wolken zu ersetzen – wenn sie nicht gleich den Himmel aus einem anderen Foto einmontierten.
Im Vorwort des Bandes schreibt Adobe Senior Director Maria Yap in ihrem Sponsor’s Statement: „Seit mehr als zwanzig Jahren – seit der ersten Version im Jahr 1990 – wird Adobe® Photoshop® angeklagt, die fotografische Wahrhaftigkeit zu unterminieren. Die implizite Voraussetzung dabei ist, dass Fotos, die vor 1990 aufgenommen wurden, die unverfälschte Wahrheit einfingen und dass erst die durch Photoshop möglichen Manipulationen diese Wahrheit kompromittierten.
,Faking it‘ stellt diese Annahme nun in Frage, indem die Ausstellung zweihundert Werke präsentiert, welche die verschiedenen Wege aufzeigen, in denen Fotografien seit den frühen Tagen des Mediums in Kunst, Politik, Nachrichten, Anzeigen, Mode und anderen Bereichen manipuliert wurden. Die Ausstellung dreht dieses Verhältnis von ­Fotografie und visueller Treue um. In Ergänzung eines historischen Kontexts für Photoshop greift die Ausstellung wichtige Fragen da­rüber auf, wie Fotografien unsere Wahrnehmung der Welt beeinflussen und wie wir ihnen genaue Informationen über diese Welt entnehmen.
,Faking it‘ stellt zudem einen wichtigen Schritt für Adobe dar: Es ist die erste größere Museumsausstellung, die Adobe sponsert.“ (Diese Behauptung von Maria Yap muss ich nun allerdings in ergebener  Dankbarkeit zurückweisen: Adobe unterstützt von Anfang an die – etwas kleineren – Jahresausstellungen des ­DOCMA Awards – auch, wenn man das in Kalifornien wahrscheinlich gar nicht weiß.)
Der Band beweist mit seinen vielen Bildbeispielen und erhellenden Texten, dass die Geschichte des Mediums Fotografie von seinen Anfängen an auch eine Geschichte nachträglicher manipulierender Eingriffe war, wobei diese Beschreibung zunächst rein beschreibend und nicht wertend ist.
Kritisch ist lediglich anzumerken, dass die Bildunterschriften meist sehr knapp gehalten sind und keinen Aufschluss darüber geben, was am jeweiligen Foto mit welchen Mitteln verändert wurde. Das ist wohl ebenfalls eine Frage des Mediums: Während der Leser bei ­einem Zeitschriftenbeitrag erwartet, solche Informationen in Kurzform in der Bildbeschreibung geliefert zu bekommen, lassen sich Buchleser eher darauf ein, längere Texte zu erfassen, um so die Einbettung in größere Zusammenhänge besser zu verstehen.

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