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Techtalk: Überwachung

Seit den Enthüllungen von Edward Snowden wissen wir um unsere allgegenwärtige Überwachung. Doch das war nur der Anfang. Inzwischen ist die Technik so weit ­gediehen, dass wir bald wohl auch mit den Auswirkungen des­ ­Datensammelns konfrontiert werden.

Überwacht werden tut nicht weh – erst mal zumindest. Würde es schmerzen, wären die Bürger auf die Straßen gegangen, um sich gegen die Überwachung durch die Geheimdienste zur Wehr zu setzen. Zur Zeit ist noch das Gegenteil der Fall: Statt sich sich aufzulehnen oder wenigstens das eigene Verhalten zu hinterfragen, machen die meisten Netzbürger einfach weiter wie bisher. „Es wird ja schon nicht so schlimm sein“, hört man immer wieder oder – schlimmer noch – „Und wenn schon, ich habe ja nichts zu verbergen.“ Das ist das Totschlagargument allererster Güte, mit dem man die fröhlich betriebene 24-Stunden-Eigendenunziation vor sich selbst rechtfertigt.
Als Vater einer Tochter im Facebook-Alter hatte ich ernstliche Probleme zu erklären, warum es denn so wenig selbstverantwortlich ist, wenn man sein ganzes Seelen­leben über Dienste wie Twitter, Google und Whatsapp mit der Welt da draußen teilt. Politische Schreckensszenarien wirken unglaubhaft, wenn es im Alltag nicht einmal mehr den Wettstreit von Weltanschauungsfragen gibt, außer vielleicht, ob man Apple oder Windows bevorzugt. Warnungen vor Konsequenzen im späteren Arbeits- oder Wirtschaftsleben verfangen sich im pubertierenden Hirn ebenso wenig wie die vor falschen „Freunden“.
Ein Artikel in der Frankfurter Allgemeinen über die Möglichkeiten der Kriminalitätsprävention zeichnet dagegen ein sehr realistisches Szenario, warum man sich fürchten sollte vor dem, was der nächste logische Schritt der Überwachung sein wird.
Kurz gefasst geht es dabei um Folgendes: Heute schon hinterlassen wir Datenspuren bei fast allem, was wir tun. Beim Surfen im Internet, beim E-Mailen, in den sozialen Netzwerken, beim Bezahlen mit EC- und Kreditkarten, beim Sparen mit Kundenkarten, beim Telefonieren, bei jeder Bewegung, die wir mit einem Handy in der Tasche vollführen und bei unseren Auftritten vor den Überwachungskameras im öffentlichen Raum, in Hotels und an Tankstellen. Demnächst wird es noch schlimmer, denn bald haben wir alle „intelligente“ Stromzähler, die auf Basis unserer Gerätenutzung noch mehr über uns und unsere Gewohnheiten daheim mitteilen. Diese Mini­computer sind nicht nur in der Lage zu erfassen, wann wie viel Strom verbraucht wird, sondern sie ordnen den Verbrauch den einzelnen Geräten zu.

Und was ist daran so schlimm? Wenn die Krieger gegen den Terror, also die NSA und natürlich die anderen Geheimdienste, Zugang zur Summe dieser Daten haben, können sie daraus ein sehr umfassendes, ja minutiöses Profil jedes Einzelnen und seiner speziellen Gewohnheiten errechnen. Es gibt heute schon Analysewerkzeuge, die 2000 Kriterien und deren Abhängigkeiten in Echtzeit auswerten. Solange man seine dokumentierten Gewohnheiten in einem von den Programmierern der Software definierten Freiraum beibehält, passiert nichts weiter, denn zukünftige Handlungen lassen sich aus dem Verhalten der Vergangenheit sehr präzise vorhersagen. Weicht aber das Verhalten von der Vorhersage ab, lösen Sicherheitssysteme Alarm aus. Dann gerät man ernsthaft ins Visier der Überwachungssysteme.
Das ist der Punkt, an dem die Welt der digi­talen Bilder ins Spiel kommt: Drohnen werden in Bereitschaft versetzt, um den Verdächtigen aus der Luft beobachten zu können. Auf der Basis von Algorithmen zur Gesichtserkennung ist eine Identifizierung der Person selbst und auch von Personen, die sich in der Nähe aufhalten, zweifelsfrei möglich. Sie geraten ebenfalls ins Visier der Fahnder, wie auch alle anderen, mit denen man regelmäßigen Datenkontakt pflegt.
Nicht nur auf der Straße, auch innerhalb von Räumen ist man dann nicht vor dem Blick der Überwacher geschützt. Um etwa eine Raumüberwachung mithilfe eines aufgelegten Telefons vorzunehmen, ist nicht einmal Digitaltechnik nötig. Das haben die russischen Geheimdienste schon vor Jahrzehnten perfektioniert. Doch gibt es heute viel bessere Möglichkeiten: Zum Beispiel finden sich in allen gut ausgestatteten Haushalten Handys, Smartphones, Tablett-PCs, Laptops oder stationäre Rechner mit Kameras und Mikrofonen, die man aus der Ferne zur Überwachung nutzen kann. Als besonders geeignet haben sich Spielekonsolen erwiesen, weil sie die Überwachten in Aktion zeigen. Eine Analyse der Körpersprache in Kombination mit der Auswertung der Mimik erlauben die Einschätzung der Gemütslage einer Person. Kennen Sie den Film „Minority Report“? Da geht es um die Vorhersage von Gewaltverbrechen und ihre Verhinderung. Bisher schien das ja noch Science Fiction zu sein, aber die Realität ist nicht mehr weit davon entfernt.
Wenn man an das Zitat unseres Altbundeskanzlers Schröder denkt, „Wo gearbeitet wird, da gibt es auch Fehler“ und dann die Fehlbarkeit von Computersystemen dazufügt, kann einem ganz schlecht werden. Vielleicht wird man auch mal aus reinem Zufall Gegenstand einer solchen Observation – oder schlimmer noch – eines ganz und gar nicht mehr virtuellen ­Zugriffs. Es muss niemand extra deswegen vorbeikommen. Sie können einfach eine Vollstreckerdrohne mit Gesichtserkennung schicken. Wo wir dann sind und wie wir uns verhalten werden, wissen sie ja.
Munter bleiben!

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