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Splitternackt und ohne Photoshop

Kennen Sie das Nu Project von Matt Blum und Katy Kessler? Seit zehn Jahren porträtieren sie Frauen aus aller Welt – nackt, mit minimalem Make-up, in ihrer häuslichen Umgebung fotografiert und ohne die Fotos später in Photoshop zu retuschieren. Demnächst soll der zweite Bildband mit Fotos aus diesem Projekt erscheinen.

Nu Project: Der zweite Band

Nu Project: Der zweite Band

Das Nu Project läuft seit 2005 und ist insofern keine Neuigkeit; zur Nachricht wurde es unlängst, weil Matt Blum und Katy Kessler ihr zweites Buch mit einer Crowd-Funding-Kampagne finanzieren wollten – wer es bis letzten Sonntag bestellt hat, zahlt 60 statt 64 US-Dollar. In dieser Frist wurden allerdings nur 228 statt der geplanten 400 Exemplare verkauft.

Das Nu Project ist als Gegenentwurf zur Darstellung des weiblichen Körpers gedacht, wie sie uns in den Medien begegnet, von der Werbung bis zur Pornografie. Die von dem Paar aus Minneapolis fotografierten Frauen sind weder Models noch Schauspielerinnen. Sie stammen aus allen Gesellschaftsschichten und aus den verschiedensten Ländern. Das neue Buch enthält Portraits, die in Minneapolis, New York, Kopenhagen, Berlin, Warschau, Lissabon, Madrid, Barcelona und Paris aufgenommen worden sind. Blum und Kessler wollen damit die Botschaft verbreiten, dass jede Frau schön ist, auch wenn ihr Körper nicht dem aktuell von den Medien vermittelten Ideal entspricht.

Die gute Absicht wirkt sympathisch und ich kann nachvollziehen, was die beiden mit ihrem Projekt bezwecken. Als ich mir die Bilder auf der Website des Projekts anschaute, befielen mich dennoch Zweifel. Dass gewöhnliche Menschen wie Du und ich nicht wie Supermodels oder Pornostars aussehen – und wir uns dennoch nicht verstecken müssen –, das ist ja keine Neuigkeit. Wichtiger wäre schon der Hinweis, dass selbst Supermodels nicht wie Supermodels aussehen, jedenfalls nicht ohne großzügig aufgetragenes Make-up vor der Aufnahme und einer gründlichen, die Körperformen neu modellierenden Retusche in Photoshop danach. Aber auch das wurde ja schon verschiedentlich demonstriert.

Aber drängt sich dem Betrachter nun der Eindruck auf, die Frauen aus dem Nu Project seien alle schön? Sie sind zweifellos liebevoll porträtiert, in anscheinend selbst gewählten, natürlichen Posen. Aber ich sehe da eben auch Hängebrüste, Speckfalten, Cellulite, Tattoos und haarige Beine, und nach meinem Empfinden ist all das nicht schön (Tattoos wären das Erste, das ich in Photoshop entfernen würde). Im Nu Project wurden bislang nur Frauen fotografiert. Erklärtermaßen deshalb, weil Frauen mehr Probleme mit der Akzeptanz ihres Körpers hätten. Das mag sein. Würde das Projekt auch Männern offen stehen, würde ich dennoch nicht teilnehmen, und aus eben dem Grund, den viele Frauen anführen und den Blum und Kessler zu widerlegen versuchen: Ich finde mich nicht so schön. Und ich sehe auch keine Veranlassung, die Öffentlichkeit davon oder vom Gegenteil zu überzeugen.

Nu Project: Der erste Band

Nu Project: Der erste Band

Jeden Tag begegnet uns eine große Zahl von Menschen, und nur die wenigsten von ihnen sehen wir nackt. Man könnte einwenden, dass es lediglich unserer kulturellen Prägung entspricht, unsere nackten Körper zu verbergen; die Frage, ob es so etwas wie ein angeborenes Schamgefühl gibt, ist nach wie vor umstritten. Wenn wir dem Buch Genesis folgen, hatten die Menschen erst von der Frucht des Baums der Erkenntnis essen müssen, um ihre Nacktheit als Problem zu empfinden. Speziell im 20. Jahrhundert gab es verschiedene Ansätze, Nacktheit als natürlich anzupreisen, sei es in der Freikörperkultur, deren große Zeit um die Jahrhundertwende begann, oder in den 60er Jahren in der Bewegung der sexuellen Befreiung, die die Verhüllung des Körpers als repressiv geißelte. Es scheint aber wohl doch so zu sein, dass sich Kinder zwar in ihren ersten Lebensjahren ohne Bedenken aller Welt nackt zeigen, dann aber ihre Schamhaftigkeit entdecken und selbst gegenüber ihren Eltern auf der Wahrung ihrer Intimsphäre bestehen – die ausgehängte Klotür der Kommune 1 hat sich nicht durchsetzen können.

Über diese mutmaßlich evolutionsbiologisch determinierte Grundlage hinaus ist unser Verhalten tatsächlich kulturell bestimmt. Wir kleiden uns heute anders als die Viktorianer im 19. Jahrhundert, Atheisten neigen weniger zur Verhüllung – insbesondere des weiblichen Körpers – als Katholiken oder Muslime. Europäer können auch kaum nachvollziehen, wie hysterisch viele US-Amerikaner auf den Anblick weiblicher Brustwarzen reagieren (Pro-Tipp für Bildbearbeiter: Ein „nipple gate“ lässt sich leicht vermeiden, indem Sie weibliche Brustwarzen mit davon ununterscheidbaren männlichen Brustwarzen verdecken).

Aber wie auch immer: Wir sehen normalerweise nur wenige Menschen nackt, und das sind die Menschen, die wir lieben oder die uns zumindest nahe stehen. Es sind Menschen, die wir mit einem liebenden, zärtlichen Blick betrachten, und die wir deshalb als schön empfinden, ganz unabhängig davon, ob sie irgendeinem klassischen oder aktuellen Ideal entsprechen. Irgendwelche wildfremden Menschen, deren Nacktfotos wir betrachten, genießen diesen Vorzug nicht. Warum sollten wir uns solche Bilder anschauen, wenn die Abgebildeten nicht besonders schön und verführerisch sind? Der Appeal einer rein dokumentarischen Aktfotografie ist vermutlich gering und daher, fürchte ich, wird das eigentlich sympathische Nu Project seinen Zweck verfehlen.

Michael J. Hußmann

Michael J. Hußmann

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  1. diggphot

    Hallo Herr Fußmann, lese ich Ihre Kritik an dem Nu Projekt als schlichte Meinungsäußerung,so ist das in Ordnung.
    Doch für dieses Medium, indem diese Meinungsäußerung stattfindet,
    ist das unter Niveau. Warum ? Die kulturelle Einordnung dieses Projektes, findet nicht statt.
    Stellen Sie sich mal vor: Die Bechers hätten ihre Anfänge mit Crowdfunding zu finanzieren versucht. Die Bechers gehören unstrittig zur neuen Sachlichkeit. Blum und Kessler haben in diesem Zusammenhang einen Fuss in den Raum der Fotografie der neuen Sachlichkeit gesetzt.
    Und womit ? Mit Recht. Bechers haben die Industriearchitektur des 19.Jahrhunderts auf bewundernswerte Weise für die Menschheit bewahrt. Das Nu Projekt hat im Zeitraum von über 10 Jahren einen Blick auf das Selbstbild von Frauen und den Behausungszustand dokumentiert.
    Ob das Kunst ist , oder weg kann? Über Geschmack und Schönheitsbegriff lässt sich trefflich streiten. – Wenn so geurteilt wird, lässt sich dieser Massstab auch auf David Jays „naked ladies“ „the scar project“ anwenden. Schöne Grüße diggphot

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