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Porno-Erpresser am Werk

Porno-Erpresser
Porno-Erpresser / Grafik: Doc Baumann

Haben Sie auch schon mal eine Erpressungs-Mail erhalten, weil Sie – angeblich oder tatsächlich – eine Porno-Seite im Web besucht haben? Damit Ihre Freunde und Kollegen davon nichts erfahren, verzichten die Erpresser nach Zahlung von ein paar hunderttausend Euro großzügig auf deren Benachrichtigung. Doc Baumann ist gerade Opfer einer solchen Androhung geworden. Hat er sich Porno-Videos angeschaut … oder hat er nicht?

Das übliche morgendliche Ritual: Computer einschalten, Mail-Programm öffnen, nach neuen Mails schauen. Geschätzte 90% in meinem Eingangs-Ordner sind Werbung oder Unsinn oder der Versuch, an meine Daten zu kommen. Als argloser Anwender überlebt man heutzutage im Web wohl kaum eine Woche ohne dauerhafte Vermögensschäden. Dazu kommt noch eine ganze Menge, die gleich im Spam-Ordner landet (aber vorsichtshalber auch angeschaut werden muss, weil man ja nie weiß. Etliche Benachrichtigungen aus der DOCMA-Redaktion finde ich dort immer wieder.) Mails zur Penis-Verlängerung und günstige Angebote von – gefälschtem – Viagra dagegen habe ich schon lange nicht mehr vorgefunden; vielleicht haben die Filter meines Providers die schon rausgefiltert.

An diesem Tag sind zum Beispiel etliche Mails dabei, die mich davon unterrichten, dass Sendungen von mir an bestimmte Adressaten nicht zugestellt werden konnten. Eine kurze Kontrolle zeigt, dass ich an keinen von denen jemals geschrieben habe. Solche Mails gehen bereits seit einigen Tagen ein. Offensichtlich benutzt also irgendwer eine meiner Mailadressen, um lästigen oder gar kriminellen Kram in der Welt zu verbreiten. Ich habe keine Ahnung, was in diesen Mails gestanden hat, aber ich gehe davon aus, dass es mir unangenehm wäre, damit in Verbindung gebracht zu werden.

Zwei weitere Mails machen mich zum Millionen-Empfänger. Es scheint sich bis nach Afrika herumgesprochen zu haben, dass ich ein herzensguter Mensch bin, dem man ein wenig unter die Arme greifen sollte.

So schreibt mir Nicole Marois aus Burkina Faso vertrauensvoll: „Lieber Freund, ich sende Ihnen Grüße im Namen Gottes. Ich weiß, dass es schwer für sie sein wird, meine Geschichte zu glauben, aber sie ist nichts als die reine Wahrheit. Ich bin an Gebärmutterkrebs erkrankt und die Ärzte sagen mir, dass ich nur noch wenige Tage zu leben habe …“ Um es kurz zu machen: Sie will 5,8 Millionen Dollar an Waisenhäuser vererben, und aus naheliegenden Gründen soll das über mich laufen, wobei ich die Hälfte der Summe für mich behalten dürfe. Mal ehrlich: „lieber Freund“, „im Namen Gottes“ und „die reine Wahrheit“ – das kann doch gar kein Fake sein!

Aus einer weiteren Mail erfahre ich, dass ich bei einer Bank in Benin Wertpapiere in Höhe von 10,5 Millionen Dollar liegen habe und dass eine Firma in Texas Anspruch auf die Auszahlung erhebt, da ich gestorben sei. Falls dem nicht so sei, solle ich bitte umgehend antworten und zum Beweis meines Überlebens eine gescannte Kopie meines Ausweises mailen. Was tue ich nicht alles, um an meine Millionen zu kommen, von denen ich bisher nichts wusste!


Porno-Erpresser: Die Mail


Also, zwei Mails, aus denen ich erfahre, dass mit meinem Absender Spam in der Web-Welt verteilt wird, zwei, die mir Millionen versprechen, um mich über den Tisch zu ziehen – der Tag fängt ja gut an.

Schließlich wartet da noch eine Mail von einem Skylar White mit dem Betreff „Ich habe sehr interessanten Inhalt – ( pUH ) from socks5“. Eigentlich würde ich die ungelesen löschen, aber sie könnte ja von einem DOCMA-Leser stammen, der mich zum Beispiel auf ein schönes Beispiel für die Bildkritik hinweisen will.

Skylar beginnt: „Ich will nicht über deine Situation amüsieren! Das ist vorzugsweise für dich, dieses Schreiben zu erlernen. Meine Gruppe möchten nicht dein Leben verekeln, wenn du gehorcht.…“ Dann geht es ein wenig weiter mit Sicherheit im Web, die stets umgangen werden könne, bis er schließlich zu seinem eigentlichen Anlegen kommt:

„Unser eingelassener Parser hat auf Seiten mit Pornos reagiert, die du verwendest. Nachdem der Computerwurm ein Video erhalten hat, das du auf deinem Computer gesehen  hast und für Selbstbefriedigung angewandt hast. Wir haben ein Duplikat deiner Kontakte mit deinen Bekannten, Kollegen und Angehörigen erstellt. Lass es uns zusammensetzen…… Ich habe auch Kontaktinformationen von allen deinen engen Leute..

Du hast eine Chance, die Entehrung zu entgehen, wenn du meinen Leuten 300 EUR in Bitcoin Währung bezahlst. Es ist unsere Brieftaschennummer 1PBWEL1EgVYMfsMSjYhNBXfHtEhdMVmzyM  Denke besser  – sei ein Star unter Freunden  – oder bezahle ein wenig um deine zu schützen sozialer Status.“


Porno-Erpresser: Betrifft mich nicht!


Die einen wollen mir also ein paar Millionen schenken, die anderen rund 300.000 Euro von mir abkassieren. (Zugegeben, unterm Strich lohnt es sich.) Leider habe ich gerade keine 300.000 flüssig, weil ich letzte Woche eine neue Jaguar-Limousine gekauft habe, um ein paar Porno-Models zu meiner Villa in Sardinen zu fahren.

Ich habe ja ohnehin nichts zu befürchten, da ich keine Porno-Seiten zu besuchen pflege. Es gibt nun zwei Möglichkeiten: Die Mail ist entweder genauso (wenig) ernst zu nehmen wie die mit den verheißenen Millionen-Überweisungen – oder jemand ist tatsächlich in meinen Rechner eingedrungen und hat meine Kontaktdaten kopiert. Wenn er das kann, ist es sicherlich auch kein Problem, mit der ID meines Computers den Besuch einer Porno-Website zu simulieren. Wenn an alle meine Kontakte eine Benachrichtigung rausginge, ich würde mir Pornos anschauen, wäre mir das zwar unangenehm, aber ich würde keinen Euro dafür zahlen, dass es unterbleibt. (Ich fürchte, die freundliche Mitteilung von Skylar, seine Gruppe möchte mein Leben nicht verekeln, war nicht ganz aufrichtig gemeint.)


Porno-Erpresser: Es betrifft mich doch!


Und dann fällt mir ein: Ja, es hat tatsächlich eine Verbindung zu einem Porno-Video gegeben! Denn als ich vor zwei Wochen meinen Blog zum Thema „Fuse – Probleme mit der Nacktheit“ verfasste und recherchierte, welche Stellungnahmen es dazu gibt und ob jemand die gerenderte Unterwäsche der Fuse-Modelle entfernt habe, stieß ich auf Seiten, die nicht nur nackte, sondern mit Geschlechtsmerkmalen mehr als üppig ausgestattete Varianten anboten. Einige davon schaute ich mir an. Und siehe da, als ich das Fenster wieder schloss, hatte sich im Hintergrund irgendwann still und heimlich ein neues geöffnet (war also nicht im Vordergrund aufgeploppt), auf dem in der Tat ein Porno-Video lief. Nun, das wäre ein heimtückisch-geschicktes Geschäftsmodell der Porno-Erpresser: Erst unbemerkt eine Seite mit einem Sex-Video im Hintergrund öffnen, und dann – sachlich korrekt – behaupten, ebendieses Video sei auf dem Rechner des Erpressten abgelaufen. Ob dieser es allerdings  auf seinem Computer auch „gesehen“ hat, ist eine ganz andere Sache.

Der Umgang mit Pornos sei jedem und jeder selbst überlassen. Meine Neugier erregen sie nicht – und anderes auch nicht –, und die wenigen, in die ich kurz hineingeschaut habe, fand ich weder unter ästhetischen Aspekten  noch hinsichtlich der Handlungsstruktur ansehenswert. Ich habe den Eindruck, wenn man einen gesehen hat, hat man alle gesehen. Also kein Grund, Zeit damit zu verschwenden.

Irgendwann fiel mir dann noch ein, dass ich vor ein paar Monaten schon einmal auf seiner solchen Seite gelandet war, diesmal bei Recherchen zu meinem Blog „Gefälschte AfD-Montage – ohne beeindruckende Oberweite“. Damals wollte ich herausfinden, wer die von bedrohlichen Südländern umringte Frau auf der AfD-Montage wirklich war: Wie sich herausstellte, ein Erotik-Model, dessen Fotos ebenfalls auf Porno-Webseiten präsentiert wurden, wo Googles Bildersuche sie aufgespürt hatte.

Angesichts der zahllosen Sex-Seiten im Web ist es also eher unwahrscheinlich, dass ich bei meiner Recherche ausgerechnet auf einer Seite lande, die mein Porno-Erpresser manipuliert hat. Möglich ist es immerhin; vielleicht sind die ja auch alle infiziert.

Ob hinter der Mail vom Porno-Erpresser mehr steckt, werde ich möglicherweise demnächst erfahren: Denn da auch die Mailadresse meiner Frau in meiner Kontakte-Liste zu finden ist, würde sie mich sicherlich fragen, was es damit auf sich habe …

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Hans D. Baumann

Doc Baumann befasst sich vor allem mit Montagen (und ihrer Kritik) sowie mit der Entlarvung von Bildfälschungen, außerdem mit digitalen grafischen und malerischen Arbeitstechniken. Der in den Medien immer wieder als „Photoshop-Papst“ Titulierte widmet sich seit 1984 der digitalen Bildbearbeitung und schreibt seit 1988 darüber.

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