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Bildkritik: Verknotete Europa-Wahl

Über die scheinbare Unmöglichkeit, Schwerter zu Pflügen zu schmieden

Es ist auf jeden Fall eine gute Idee, zur Europa-Wahl seine Stimme abzugeben, um diese Gemeinschaft zu stärken, in der es seit 70 Jahren keinen Krieg mehr gegeben hat. Die sympathische Forderung, in Frieden statt in Waffen zu investieren, hat die Partei „Die Linke“ allerdings nicht sonderlich glaubwürdig visualisiert. Hoffentlich klappt das mit dem Frieden besser als das mit der Montage.

Eigentlich könnte sich die Partei auf die Bibel berufen, in der der Prophet Micha ausruft: „Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Kein Volk wird gegen das andere das Schwert erheben, und sie werden fortan nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“

Ob dieses friedliche Umschmieden in der Praxis jemals geklappt hat, weiß ich nicht, aber irgendwie wird das schon gehen. Die Anregung für das Plakatmotiv stammt wohl von einer großen Bronzeskulptur des 2016 verstorbenen schwedischen Bildhauers Carl Fredrik Reuterswärd, dessen „bekanntestes Werk die Skulptur eines Revolvers mit verknotetem Lauf ist, die den Namen Non Violence trägt. Inspiriert zu dieser Idee wurde Reuterswärd nach dem Tod seines Freundes John Lennon. Die Bronze-Skulptur steht zurzeit an weltweit 16 Orten. Die drei ersten Versionen sind vor dem UN-Hauptquartier in New York, im schwedischen Malmö und in Luxemburg zu bewundern. Weitere Exemplare stehen unter anderem in Berlin, Caen, Göteborg, Marl und Stockholm.“ (Wikipedia)

 

Reutersaärds „Non-Violence“-Skulptur, hier die Fassung aus Malmö (Wikipedia)

Womöglich sprach das Urheberrecht dagegen, einfach ein Foto der Skulptur für das Plakat zu verwenden. Mit ein bisschen Bildbearbeitung schaffen wir das doch auch selber …

Als ich das Wahlplakat zum ersten Mal sah, fand ich es prima. Gute Idee, bei der gleich rüberkommt, was gemeint ist. (Meine eigene Meinung dazu ist fürchterlich zwiespältig: Als alter Pazifist bin ich gegen alle Waffen und ziehe immer friedliche Lösungen vor, weswegen ich eigentlich auch gegen Waffenlieferungen an die Ukraine bin. Aber dass sich ein überfallenes Land – auch, wenn die NATO daran eine Mitschuld trägt – gegen einen Aggressor wehren können muss, der es seit mehr als zwei Jahren mit Raketen und Granaten eindeckt, sehe ich auch ein. Eher jedenfalls als die stetigen Waffenlieferungen Deutschlands an Israel, wo früher nicht einmal in Krisengebiete geliefert werden durfte, von Kriegen ganz abgesehen. Einen großen Teil machen dabei übrigens Panzerfäuste aus – hat schon mal jemand einen Hamas-Panzer gesehen? Dafür sieht man Videos und Fotos, auf denen mit diesen Waffen auf Gebäude geschossen wird, in denen sich ein Hamas-Kämpfer aufhalten könnte – sogenannte Kollateralschäden mit Zehntausenden Toten und noch mehr zu Krüppeln Gemachten, zerstörte Infrastruktur, Wohnhäuser, Arbeitsstätten, Schulen … gehen weiter, diplomatischen Initiativen und gerichtlichen Beschlüssen zum Trotz.)

 

Das Plakat der Partei „Die Linke“ zur Europa-Wahl

 

Zum Heulen – aber kommen wir zum Plakat zurück. Das hängt hier direkt neben der Haltestelle, und als ich dort mal ein paar Minuten auf den Bus wartete, schaute ich es mir genauer an. So einen verknoteten Pistolenlauf darzustellen ist ja eine recht anspruchsvolle Sache. Doch je näher ich ihn mir anschaute, um so mehr kam ich zu dem Ergebnis, dass die Montage wohl leider misslungen ist. Knoten hin, Knoten her – irgendwo müsste er ja an den Lauf anschließen. Dass er auseinandergerollt viel zu lang wäre, wie bei einer Sonderanfertigung eines extrem langläufigen Revolvers für einen Western, ist vertretbar und für den Zweck unvermeidlich (und bei Reuterswärd auch der Fall), anders geht’s ja nicht. Aber wie man es auch dreht und wendet, dieser Knoten kann keine Verlängerung des Laufs sein. Auch, wenn er wohl direkt von Fotos der Skulptur übernommen wurde.

Als Referenz- und Hintergrundbild dient das Foto eines verknoteten Stromkabels.

 

Dabei wäre es gar nicht so schwierig – wenn auch gewiss nicht schnell und einfach –, das mit Photoshop umzusetzen. Ich habe es versucht: Zunächst einen Knoten in ein Stromkabel machen und ihn fotografieren, sozusagen als Referenz, dann einen passenden Teil der Pistole kopieren, ihn zu einem langen Streifen umwandeln, und den mehrfach und gestückelt, bei vorübergehend herabgesetzter Deckkraft, mit „Verformen“ transformieren. Teile lassen sich gegebenenfalls mit dem Formgitter oder „Verflüssigen“ weiter anpassen. Ich habe drei Segmente dem Kabelverlauf angepasst, zum Schluss eine Kopie des Kabels darübergelegt, um Schatten und Glanz zu übernehmen. (Für die drei noch fehlenden Segmente fehlte mir dann die Lust, aber es geht ja auch nur ums Prinzip.)

Mit verformendem Transformieren, gegebenenfalls ergänzt um Verflüssigen und dem Formgitter, lasst sich eine Struktur oder ein passendes Bild der Oberfläche des Kabels anpassen; eine Kabel-Kopie ganz oben beeinflusst Schatten und Glanzlichter

 

Das Foto des Revolvers von Reuterswärd aus Malmö hat übrigens noch eine Pointe – es sieht fast so aus, als ziele der verknotete Lauf auf den, der die Waffe in der Hand hält. Das wäre dann ein friedenstiftender, wenn auch nicht gerade pazifistischer Traum (mal abgesehen davon, dass die Kugel in der Praxis wohl kaum ihren Weg durch den verschlungenen Lauf fände): Würde jemand weltweit die Munitionsproduktion so sabotieren, dass jede fünfte Patrone (Granate, Rakete …), der das von außen nicht anzusehen wäre, nicht ihr beabsichtigtes Ziel trifft, sondern den Schützen selbst ins Grab befördert, brauchte es wahrscheinlich gar keine Friedensverhandlungen mehr, sondern jeder würde sich fünfmal überlegen, ob er eine Waffe oder einen Granatwerfer abfeuert. Schönes Thema für einen Roman.

Bildgenerative KI war bei Experimenten mit entspechenden Prompts überfordert und nicht in der Lage, einen überzeugenden Knoten im Lauf darzustellen. In der brave new world von Adobe Firefly ließ sich ein Revolver ohnehin nicht generieren, da streikte die KI. Verständlich – Waffen und Gewalt sind ja fast so schlimm wie nackte Haut. Das Ergebnis stammt aus Deep Dream Generator.

 

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Doc Baumann

Doc Baumann befasst sich vor allem mit Montagen (und ihrer Kritik) sowie mit der Entlarvung von Bildfälschungen, außerdem mit digitalen grafischen und malerischen Arbeitstechniken. Der in den Medien immer wieder als „Photoshop-Papst“ Titulierte widmet sich seit 1984 der digitalen Bildbearbeitung und schreibt seit 1988 darüber.

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