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Noch zu retten? Überbelichtung im Raw-Konverter

Raw-Dateien wird ein großer Belichtungsspielraum nachgesagt, aber das Potential zum Ausbügeln einer Überbelichtung ist begrenzt. Was ist da noch zu retten?

Eine Überbelichtung beginnt schleichend und fällt zunächst gar nicht auf. Wenn Sie eine Aufnahme etwas zu großzügig belichtet haben, ist oft nur einer der RGB-Kanäle am Anschlag und hat seine Zeichnung eingebüßt. Das klassische Beispiel ist das Foto einer roten Rose: Die Blütenblätter erscheinen nicht einmal besonders hell, aber wenn der Rot-Kanal überbelichtet ist, wirken sie durch den Verlust an Zeichnung seltsam wachsartig. Zudem verschiebt sich ihre Farbe in Richtung des zweithellsten RGB-Kanals und ist dann beispielsweise Orange statt des originalen Rot. Erst eine stärkere Überbelichtung bringt alle Farbkanäle an den Anschlag, bis nur noch Weiß bleibt – Farbe und Zeichnung sind dann vollständig verschwunden.

Noch zu retten? Überbelichtung im Raw-Konverter
Wenn man hinreichend knapp belichtet hat …
Noch zu retten? Überbelichtung im Raw-Konverter
… bietet auch ein kleiner 2/3-Zoll-Sensor wie der in der Fuji X10 genug Spielraum zur Verbesserung der Lichterzeichnung.

Der Belichtungsspielraum der Raw-Datei entsteht allein dadurch, dass sowohl ein JPEG aus der Kamera als auch die Standardentwicklung im Raw-Konverter die hellsten Lichter abschneidet, um die übrigen Tonwerte um so kontrastreicher wiedergeben zu können. Wenn Sie diese Beschneidung rückgängig machen, indem Sie beispielsweise in Lightroom den Regler »Lichter« ein Stück nach links schieben, nutzen Sie diesen Spielraum, der allerdings eng begrenzt ist – und generell um so kleiner, je kleiner der Sensor ist. Zu den Schatten hin ist der Spielraum – jedenfalls bei modernen CMOS-Sensoren – meist deutlich größer. So lange die Überbelichtung auf einen RGB-Kanal beschränkt ist, sollten Sie statt die »Lichter« zu reduzieren die Luminanz für diese Farbe zurückfahren; oft reicht das schon aus, um die verlorene Zeichnung und den richtigen Farbton wiederherzustellen.

Wenn dieser Spielraum ausgeschöpft, die Lichter aber noch immer ausgefressen – also weiß – sind, muss der Raw-Konverter ein wenig zaubern. Um die richtige Farbe zu rekonstruieren, kann der Raw-Konverter die Farben im Umfeld der überbelichteten Stelle analysieren, in der Annahme, dass diese Farben repräsentativ sind. Indem die weißen Pixel eine – wenn auch wenig gesättigte – Farbe bekommen, werden sie auch dunkler, und für einen stimmigen Helligkeitsverlauf müssen umliegende Pixel dann ebenso abgedunkelt werden. Macht man damit immer weiter, wird das gesamte Bild dunkler, hört man aber willkürlich in einer gewissen Entfernung von der ausgefressenen Stelle auf, entstehen unschöne Halos. Lightroom neigt weniger dazu, manche andere Raw-Konverter allerdings mehr. Im Idealfall nutzt der Konverter ein subtiles Tone-Mapping, das den unvermeidlichen Tonwertsprung dort versteckt, wo er am wenigsten auffällt.

Am besten verlässt man sich gar nicht erst auf den Belichtungsspielraum von Raw-Dateien, sondern rettet die Lichter schon bei der Aufnahme, indem man so knapp belichtet, dass bildwichtige Lichter Zeichnung behalten. Die Aufnahmen können dann zunächst etwas düster wirken, aber wegen des großen Spielraums gegenüber einer Unterbelichtung ist das kein Problem – die Schatten lassen sich leichter retten als die Lichter.

Nun könnte man denken, dass ein Regler wie »Lichter« dann weitgehend überflüssig wäre, aber das ist er keineswegs. Ich nutze »Lichter« nur in Ausnahmefällen zur Lichterrettung, die aufgrund der Belichtung überflüssig ist, vielmehr schiebe ich diesen Regler um so weiter nach links, je höher der zu bewältigende Kontrast ist. So entsteht eine Kennlinie mit „flacher Schulter“, wie sie auch für den Farbnegativfilm charakteristisch ist. Das knapp belichtete und daher ohnehin dunkle Bild wird dadurch zwar noch dunkler, aber dem können Sie abhelfen, indem Sie den Regler »Belichtung« zum Ausgleich nach rechts schieben. Je weiter Sie »Lichter« nach links geschoben haben, desto weiter können Sie nun mit der »Belichtung« nach rechts gehen. Wo die praktische Grenze jeweils liegt (Lightroom gewährt erfreulicherweise einen großen Korrekturbereich von ±5 EV), hängt aber auch vom Bild ab. Manchmal können Sie eine etwaige Überbelichtungswarnung getrost ignorieren, während Sie in anderen Fällen schon stoppen müssen, bevor diese Warnung aufleuchtet. Der stimmige Bildeindruck entscheidet. Falls die Schatten dann immer noch keine Zeichnung haben, bleibt Ihnen noch der Regler »Tiefen«, um sie anzuheben. Machen Sie sich nichts daraus, wenn das Bild nun flau erscheinen sollte, denn darum kümmern Sie sich im nächsten Schritt.

Ich nutze die Tonwertregler in den »Grundeinstellungen« nur, um alle bildwichtigen Tonwerte in das Bild zu retten; danach rühre ich sie nicht mehr an. Um das Bild zu gestalten und seine Tonwerte plastisch herauszuarbeiten, verwende ich in Lightroom neben der »Gradationskurve« vor allem die »Klarheit«, gegebenenfalls auch »Dunst entfernen« und »Struktur«

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Michael J. Hußmann

Michael J. Hußmann gilt als führender Experte für die Technik von Kameras und Objektiven im deutschsprachigen Raum. Er hat Informatik und Linguistik studiert und für einige Jahre als Wissenschaftler im Bereich der Künstlichen Intelligenz gearbeitet.

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