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Müssen Fotos realistisch sein?

48 Stadtmauer

Die Mauer des Tempelbergs in Jerusalem – ein Beispiel, auf das Doc Baumann in seinem Editorial von DOCMA 68 Bezug nimmt. | Foto: Doc Baumann

Im Editorial der aktuellen DOCMA-Ausgabe 68 befasst sich Doc Baumann mit der Frage, wie man überprüfen kann, ob ein Foto realistisch aussieht. Zu seinen Ausführungen kommt nun Kritik von unserem Leser Peter Winkler: Es gehe nicht um Realismus, sondern um das Erwecken von Gefühlen.

„Ein Foto hat für mich zweierlei Charakter“, schreibt Peter Winkler.

„1. Das betrifft mich besonders: Ich fotografiere etwas, weil ich mich später daran erinnern möchte. Die ursprüngliche Erinnerung verblasst und ich kann sie mit dem Foto wieder auffrischen. Irgendwann wird die visuelle Erinnerung an das Erlebte zwar durch die  Erinnerung an das Foto ersetzt, aber die Empfindungen, die ich zum Zeitpunkt der Aufnahme des Fotos hatte, kann ich immer noch teilweise hervorrufen.

2. Das Foto ist ein Kommunikationsmedium. Kommunikation ist nicht sinnfrei, sondern hat immer ein – oft nicht explizit definiertes – Ziel. Zeige ich mein Foto anderen Menschen, dann möchte ich erreichen, dass bei den Betrachtern Empfindungen entstehen. Zum Beispiel möchte ich, dass meine Freunde meine Empfindungen zum Zeitpunkt der Aufnahme nachvollziehen können – das wird wohl nur selten gelingen, obwohl es oft versucht wird. Oder ich möchte vielleicht erreichen, dass sich die Betrachter über das Fotografierte entrüsten.

Weitere mögliche Zielempfindungen kann man leicht entdecken, wenn man die DOCMA durchblättert. Viele der Texte handeln geradezu davon, wie man Fotos so gestaltet, dass bestimmte Empfindungen zuverlässig entstehen. Meiner Ansicht nach ist mit einem Foto immer verbunden, dass es beim Betrachter Empfindungen, Gefühle auslösen soll. Das betrifft auch den Bildjournalisten, der zum Beispiel durch die Wahl des Bildausschnitts die Wahrnehmung der Betrachter steuert.

Damit tritt aber der Anspruch, dass das Foto ,realistisch‘ sein soll, in den Hintergrund. Mein Erinnerungsfoto ist dann ,realistisch‘,  wenn es meine Empfindungen wieder hervorrufen und ich den Augenblick innerlich noch einmal erleben kann. Ob dabei die Farbwerte der Pixel denen der damals fotografierten Gegenstände oder gar Personen genau entsprechen, ist völlig unerheblich.

Bleibt die Frage, wie das mit Fotos ist, die aufgenommen werden, um etwas zu dokumentieren. Dabei wird versucht, sämtliche Empfindungen zu dämpfen und nicht in das Foto einfließen zu lassen. Beispiel: Google Streetview, New-Horizon-Aufnahmen von Pluto. Auch das sind Fotos mit Kommunikationscharakter. Sie vermitteln Information. Im Falle von Google Streetview zum Beispiel wird mir gezeigt, wie mein Urlaubshotel von außen aussieht und ich bekomme einen Eindruck von der Lage. Im Falle der Pluto-Aufnahmen geht es darum, mit Fotos physikalische und geologische Eigenschaften von Pluto zu messen. Dazu eignen sich oft Bilder ganz gut.

Wenn beim Betrachten solcher Fotos eine Empfindung entsteht – das ist ja kaum vermeidbar –, dann ist diese nicht vom Fotografen (in diesem Fall ja oft eine Maschine) vorgesehen. Die schönen bunten Bilder, die Hubble von Nebeln und Supernova-Überbleibseln fotografiert, sind nur deshalb so beliebt, weil als Nebenprodukt Empfindungen in der Öffentlichkeit entstehen, die für die NASA förderlich sind. Ihre Ästhetik ist nicht der eigentliche Zweck – und ,realistisch‘ im Sinne des Vergleichs mit dem ,gesehenen‘ Bild sind sie schon gar nicht.

Also unterm Strich verstehe ich nicht, warum ,Realismus‘ bei Fotos so ein besonderer Wert sein soll.“

Ich gebe Peter Winkler recht, dass Fotos beim Betrachter in der Regel Gefühle erwecken. Damit aber das Gefühl, das beim Betrachten eines Bildes hervorgerufen wird, dem ursprünglichen Gefühl beim Betrachten der aufgenommenen Szene einigermaßen ähnlich sein kann, muss das Bild diese Szene angemessen wiedergeben. Ich habe das in meinem Editorial „realistisch“ genannt – es gäbe auch andere Begriffe wie „naturgetreu“ oder „veristisch“. Gemeint ist immer eine größtmögliche visuelle Übereinstimmung.

Nehmen wir an, wegen eines Fehlers der Kamera-Software oder wegen eines kaputten Monitors oder Druckers würden Hautfarben nicht hautfarben, sondern grünlich wiedergegeben. Dann erweckt das Betrachten des „Fotos“ durchaus Gefühle – aber ganz andere als das unmittelbare Betrachten des fotografierten Models. Damit die Gefühle also angemessen sein können, muss zunächst die visuelle Übereinstimmung gegeben sein – der „Realismus“ tritt eben nicht, wie behauptet, in den Hintergrund, sondern er ist die Voraussetzung dafür, dass alle weiteren Funktionen des Bildes überhaupt wirksam werden können.

Wenn ich in einem Reiseprospekt das Foto eines dunklen Zimmers sehe, macht es (für meine Gefühle und meine Buchungsentscheidung) keinen Unterschied, ob das Bild lediglich unterbelichtet ist oder ob die Wand des benachbarten Hauses nur anderthalb Meter vom einzigen Fenster entfernt ist. Nicht nur in diesem Fall geht der mangelnde Realismus des Fotos nach hinten los. Ich will wissen, wie etwas „wirklich“ aussieht.

Davon abgesehen ist meine Sicht des Fotografierens eine andere als die unseres Lesers: Für mich ist meist die Information über das Abgebildete primär, ich will mich beim Betrachten des Bildes später an das Objekt, die Person oder die räumlichen Gegebenheiten erinnern oder meine Erinnerungen mit anderen zu teilen versuchen. Ich weiß, dass die Verbindung von Wahrgenommenem mit Emotionen die Erinnerung deutlich verstärkt – aber viele Fotos in meinem Bildarchiv betrachte ich dennoch eher emotionslos mit Interesse an der Sache.

Fotos etwa von Flüchtlingen, die Grenzanlagen zu überwinden versuchen, können sehr unterschiedliche Gefühle auslösen – dazu muss man nur mal einen Blick auf die Leserbriefseiten der Zeitungen werfen. Die Frage, ob bestimmte Gefühle dabei angemessen sind oder nicht, ist keine ästhetische, sondern eine moralische oder politische.

48 Basar

Verkaufsstand eines Süßwarenhändlens mit vielen bunten Leckereien in der Auslage auf dem Basar (Suk) in Jerusalem | Foto: Doc Baumann

Peter Winkler betont zu recht: „Das Foto ist ein Kommunikationsmedium“. In der Theorie (visueller oder ikonischer) Zeichen unterscheidet man drei Dimensionen von Zeichen (hier also Bildern): Syntaktische Aspekte betreffen das Verhältnis des Zeichens zu anderen Zeichen, semantische das Verhältnis zum Bezeichneten, also seine Bedeutung, pragmatische schließlich die zu den Zeichenbenutzern (sigmatische Aspekte lasse ich mal unberücksichtigt).

Unser Leser betont den pragmatischen Aspekt, aber es geht nicht ohne die anderen beiden. Bei einer Montage ist die semantische Funktion schwerer zu beschreiben als bei einem „einfachen“ Foto, denn eine solche Bildszene gibt etwas wieder, für das es keine reale Entsprechung gibt oder gab. Wenn ich in Camera Raw zum Beispiel die Farbtemperatur verändere, ist das – wenn auch in geringerem Maße – ebenso der Fall: Die im Bild erscheinende Szene hat so nie ausgesehen. Ich kann eine Szene mit eher „warmer“ Anmutung durch Verschieben der Farbtemperatur leicht zum Auslöser eher „kühler“ Emotionen machen (und umgekehrt) und damit die Gefühle der Betrachter gezielt beeinflussen.

Was meinen Sie dazu? Schauen Sie sich Doc Baumanns Editorial in DOCMA 68 an und schreiben Sie uns unter , was Ihre Sicht von Fotos in Bezug auf Gefühle und Naturtreue ist.

  1. platti

    Für mich ist es ganz einfach:
    Verwende ich digitale „Fotos“ zu Dokumentationszwecken, ist die möglichst exakte Wiedergabe der Situation unabdingbar.
    Ansonsten habe ich alle Freiheiten der digitalen Bildbearbeitung, spreche aber ab einem gewissen Bearbeitungszustand nicht mehr von „Fotos“, sondern von „digitalen Bildern“ oder „digitalen Werken“.

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