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Marx vom Sockel stürzen

 

Marx vom Sockel stürzen
Marx vom Sockel stürzen – und Jesus gleich mit, dank derselben (Un)Logik? / Fotos und Montage: Doc Baumann

 In Trier wurde anlässlich des 200. Geburtstages von Karl Marx eine Bronzestatue des Philosophen und Ökonomen eingeweiht. Dagegen gab es von verschiedenen Seiten heftige Proteste. Man mag für oder gegen Marx sein – die Argumente derer, die Marx vom Sockel stürzen wollen, sind allerdings so schwach, dass sie beim leichtesten Windhauch davonwehen.

Kann man einem Mann Standbilder errichten, in dessen Namen Millionen von Menschen ermordet und gefoltert worden sind? Einem anderen, auf dessen Gedanken zur Pflichterfüllung sich deutsche Militärs in zwei Weltkriegen und KZ-Kommandanten berufen haben? Einen, der nicht nur Mitschuld daran trägt, wenn Autofahrer in gutem Glauben ihre Fahrzeuge in Flüssen und Seen versenken, sondern auf dessen Ideen auch der Bau der Atombombe zurückgeht? Oder einem, dank dessen Erfindung zahllose Menschen getötet und verstümmelt worden sind? Kann man nicht? Dann also weg mit den Bildern und Statuen von Jesus, von Kant, Einstein und Nobel!

Und es werden sich zweifellos Hunderte Weitere finden, deren Gedanken, lange nach ihrem Tod, von anderen Menschen in einer Art und Weise missbraucht wurden, die sie selbst nie gebilligt hätten. Gerade im Falle des Trierer Philosophen offenbart die schäumende Wut derer, die Marx vom Sockel stürzen wollen, lediglich ihr Unwissen. Dass Marx gesagt hat: „Eines ist sicher (was mich betrifft), ich bin kein Marxist“, hat schon Engels 1882 in einem Brief an Bebel dokumentiert.) Allein dieser Satz sollte zu denken geben.


„Karl Marx feiert 200. Geburtstag“ verkündete meine Regionalzeitung am letzten Wochenende auf der Titelseite. Und ich hatte immer gedacht, der Mann sei längst tot. Aber ob nun tot oder lebendig, der Philosoph aus Trier erhitzt noch immer die Gemüter – was im Prinzip erfreulich ist. So wird er wenigstens nicht vergessen.

Die Errichtung eines – noch dazu von China geschenkten – Marx-Denkmals in Trier aus Anlass seines 200. Geburtstages sorgt jedenfalls für erheblichen Wirbel. Es ist eine erstaunlich breite und merkwürdig zusammengewürfelte Allianz, die da Marx vom Sockel stürzen will. Sei es wegen seiner Person selbst („unangemessen Huldigung des Kommunismus“), sei es wegen des Landes, welches für das Geschenk an die Stadt verantwortlich ist: Es protestieren die Schriftstellervereinigung PEN-Zentrum Deutschland, AfD-Politiker, der frühere tschechische Staatspräsident Vaclav Klaus, die Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft, im Trierer Stadtrat Grüne und Liberale.

Bewertet man das Nachwirken der Gedanken wichtiger Persönlichkeiten daran, was die in späteren Jahren sich auf sie Berufenden daraus machen, stünde wohl Jesus an der Spitze jener, deren Denkmäler gestürzt werden müssten. Gemessen an der jeweiligen Weltbevölkerung dürften die Opferzahlen bei den von Christen angezettelten Kriegen und Verfolgungen diese prominente Position kaum in Frage stellen lassen. Ob es nun gegen Mitchristen abweichenden Glaubens ging, gegen Ketzer, Anders- oder Ungläubige. Selbstverständlich immer in seinem Namen und dem seines Vaters. Der Spiegel zitierte gerade in einem ausführlichen Beitrag über den 30-jährigen Krieg  einen Brief von Papst Urban VIII. an Tilly, nachdem dieser Magdeburg – natürlich als „Strafe Gottes“ – zerstört hatte und die Bewohner massakrieren ließ: „Wenn er die Vergeltung sieht, freut sich der Gerechte; er badet seine Füße im Blut des Frevlers.“

(Mal ehrlich: Ohne ihre Tradition und gesellschaftliche Macht wäre zumindest die katholische Kirche doch längst in vielen Ländern als kriminelle Vereinigung verboten, mit dem Vereinszweck der Kinderschändung durch – einige – Amtsinhaber, wegen immer  neuer Finanzskandale sowie enger wirtschaftlicher und politischer Verbindungen mit dem organsierten Verbrechen.) Die Religionsstifter der anderen Religionen kommen bei dieser Rechnung übrigens kaum besser weg.


Aber bleiben wir beim Thema: Der absurde Gedanke, Marx vom Sockel stürzen zu wollen, weil Spätere sich seine Ideen angeeignet, sie verdreht und in brutaler Weise in politische Praxis umgesetzt haben, ist nicht einmal diskussionswürdig. Denn wer wollte in analoger Umsetzung Jesus ernsthaft für die Entgleisungen der sich auf ihn berufenden Kirchen haftbar machen (trotz einiger merkwürdiger Aussagen wie: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert.“ (Matthäus 10,34, ähnlich bei Lukas 12, 51)?

Oder Immanuel Kant dafür, dass seine Ideen über Pflicht deutschen Soldaten in zwei Weltkriegen in abgespeckt preußischer Brachialvariante eingehämmert wurden, bis hin zu pflichtbewussten Befehlsempfängern in den KZs? Oder Einstein und Nobel für die unheilvolle Umsetzung ihrer Forschungen?

Als letztes „Argument“ wurde nun am neuen Trierer Marx-Denkmal Feuer gelegt. Mehr ist den Marx-Kritikern wohl nicht mehr eingefallen. Vielleicht wollen sie aber auch nur davon ablenken, wie viel wir von Marx auch heute noch über wirtschaftliche und soziale Zusammenhänge lernen können.

 

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