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Die Mercator-Verschwörung

In Boston (Massachusetts) wurde gerade die Welt verändert – oder zumindest deren Darstellung in zwei Dimensionen. Bostons Schulen verwenden neuerdings Weltkarten in der Gall-Peters-Projektion, die die vertrautere Mercator-Projektion ablöst. Aber bringt das wirklich eine Verbesserung – und vor allem: Was hat das mit Fotografie und Bildbearbeitung zu tun?

Eine Weltkarte in der Mercator-Projektion. (Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mercator-proj.png)

Die im 16. Jahrhundert von Gerhard Mercator entwickelte Projektion hat unser Bild von der Welt bestimmt, denn viele Weltkarten benutzen sie bis heute. Schon seit Jahrzehnten gilt sie allerdings als politisch unkorrekt, denn sie lässt die im Norden gelegenen Länder weit größer erscheinen, als sie sind, und bevorzugt damit die Erste gegenüber der Dritten Welt. Mercator wird auch vorgeworfen, Europa in der Mitte der Welt platziert zu haben, doch damit tut man ihm unrecht. Tatsächlich liegt nämlich Afrika im Zentrum seiner Weltkarte. Allerdings bevorzugt seine Projektion nicht nur den Norden, sondern ebenso den Süden, weshalb nicht nur Grönland fast so groß wie Afrika erscheint (tatsächlich hat es nur 1/14 von dessen Fläche), sondern auch die Antarktis grotesk verzerrt ist und fast ein Drittel der Weltkarte einnimmt. Dieses relativ uninteressante Drittel wird meist abgeschnitten, und erst dadurch wird Europa in das Zentrum verschoben. Aber wie auch immer: Die Mercator-Weltkarte steht im Ruf, eine neokoloniale Weltsicht zu propagieren.

Eine Weltkarte in der Gall-Peters-Projektion. (Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gall–Peters_projection_SW.jpg)

Die von James Gall im 19. Jahrhundert entwickelte Projektion wurde Anfang der 1970er Jahre von Arno Peters als Alternative zur „eurozentrischen“ Mercator-Weltkarte angepriesen. Die Gall-Peters-Projektion ist flächentreu und stellt die Größenverhältnisse daher korrekt dar. Weil Gall und Peters aber weiterhin versuchen, die Oberfläche der Erdkugel auf ein Rechteck zu projizieren, mussten sie dafür andere Fehler akzeptieren: Die Formen der Kontinente erscheinen zu schmal – im Vergleich zu einem Globus springt die Verzerrung ins Auge. Es liegt in der Natur der Sache, dass eine zweidimensionale Abbildung einer Kugeloberfläche nie perfekt sein kann; einige Aspekte werden korrekt dargestellt (die Mercator-Projektion ist winkeltreu, die Gall-Peters-Projektion flächentreu), andere aber verfälscht. Wenn man die rechteckige Form aufgibt, lassen sich die verschiedenen Anforderungen besser in Einklang bringen; Beispiele dafür sind die Eckert-IV- und die Mollweide-Projektion – beide sind flächentreu und verzerren ansonsten nur maßvoll. Als Alternative zur Mercator-Projektion wären diese besser geeignet als eine Weltkarte nach Gall-Peters.

Als Fotografen haben wir es selten mit der ganzen Welt zu tun – nur eine Handvoll Astronauten haben sich so weit von der Erde entfernt, dass sie diese vollständig (oder vielmehr die aus ihrer Perspektive sichtbare Hälfte) abbilden konnten. Aber das Problem, die dreidimensionale Welt in ein zweidimensionales Bild zu bannen, stellt sich auch, wenn wir die Erde nicht verlassen. Unsere Objektive bilden die Welt durchweg gnomonisch ab; nur Fisheye-Objektive sind eine Ausnahme. Wir machen uns das normalerweise nicht klar, aber die Objektive verzerren erheblich. Wenn wir die Fassade eines Gebäudes fotografieren, erscheinen alle gleich großen Fenster auch im Bild gleich groß – das erscheint uns korrekt, obwohl die Fenster am Rand des Bildfelds weiter entfernt sind und so gesehen eigentlich kleiner erscheinen müssten. In diesem Sinne „korrekt“ bildet sie aber nur ein Fisheye ab. Dass es sich tatsächlich um eine Verzerrung handelt, wird sichtbar, wenn wir statt einer flachen Fassade beispielsweise eine Gruppe von Menschen fotografieren: Wer das Pech hat, nahe dem Bildrand zu stehen, sieht sich unvorteilhaft in die Breite gestreckt. Um es sich mit diesen Menschen nicht zu verderben, bleibt nur, das Bild an den Rändern zu stauchen. Damit erzeugen wir zwar andere, neue Verzerrungen, aber wenigstens steht die Abbildung dann wieder im Einklang mit dem Body-Mass-Index.

So stellt uns die Abbildung der dreidimensionalen Realität in zweidimensionale Bilder immer wieder vor Probleme, wie wir mit allen Beteiligten fair umgehen können – seien es die Erste und die Dritte Welt auf einer Weltkarte oder die Personen in der Mitte und am Rand eines Gruppenfotos.

Michael J. Hußmann

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