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Abblenden hilft (nicht immer)

In einem jüngst auf dpreview.com veröffentlichten Artikel von Roger Cicala geht es eigentlich darum, weshalb aktuelle lichtstarke Normalobjektive nicht wie früher um die sechs, sondern mehr als doppelt so viele Linsen haben und entsprechend groß und schwer sind. Aber er räumt dort zugleich mit einem verbreiteten Irrtum auf: Dass nämlich ein teures, besonders lichtstarkes Objektiv stets besser als ein preisgünstigeres, aber weniger lichtstarkes Objektiv wäre, wenn man beide auf den gleichen Wert abblendet.

Abblenden hilft (nicht immer)
Zwei Normalobjektive im Vergleich, das Leica Summicron-M 50 mm f2 mit sechs Linsen und das Sigma 50 mm F1,4 DG HSM | Art mit 13 Linsen

Das klassische Normalobjektiv war meist vom Doppel-Gauß-Typ – eine weitgehende symmetrische Konstruktion mit meist je drei Elementen vor und hinter der Blende. Dazu zählen die Planare von Zeiss, das oben gezeigte Leica Summicron-M wie auch viele andere Objektive diverser Hersteller.

Abblenden hilft (nicht immer)
Das Leica Summicron-M 50 mm ist vom klassischen Doppel-Gauß-Typ.

Heute ist wenigstens die doppelte Zahl optischer Elemente typisch, und die Linsenquerschnitte lassen keine so einfache, symmetrische Konstruktion mehr erkennen.

Abblenden hilft (nicht immer)
Das Sigma 50mm F1,4 DG HSM | Art besteht aus 13 Elementen in acht Gruppen.

Die aufwendigeren Objektivkonstruktionen, wie sie heute typisch sind, versprechen natürlich eine bessere Korrektur von Abbildungsfehlern, aber die Sache ist noch ein bisschen komplizierter.

Wer im vergangenen Jahrhundert ein lichtstarkes Normalobjektiv mit f/1,2 oder f/1,4 kaufte, ging nicht unbedingt davon aus, dass es bei dieser Lichtstärke mit einem sehr hohen Mikrokontrast abbilden würde, aber man erwartete zumindest von einem teureren Objektiv, dass es offenblendig wenigstens brauchbare Ergebnisse liefern und abgeblendet bessere Bilder als ein von vornherein lichtschwächeres Objektiv produzieren würde. Die Idee war, dass ein Abblenden um beispielsweise zwei Blendenstufen immer den gleichen Zugewinn an Abbildungsqualität bringen würde, und da man ein lichtstärkeres gegenüber einem lichtschwächeren Objektiv um mehr Stufen abblendet, um auf den gleichen Blendenwert zu kommen, würde das lichtstärkere Objektiv bei zum Beispiel f/5,6 vorne liegen. Damit hätte sich der höhere Anschaffungspreis ausgezahlt, selbst wenn man die hohe Lichtstärke seines Objektivs gar nicht immer ausnutzen würde.

Wie Roger Cicala in seinem Artikel zeigt, war diese Annahme keineswegs in allen Fällen gerechtfertigt. Wenn man ein lichtstarkes Objektiv, bei dem der Kontrast zu den Rändern hin schnell abfiel, stärker abblendete, stieg zwar die Schärfe in der Bildmitte, aber am Rand war sie auch dann „nicht gut, sondern bloß OK“. Der Grund dafür liegt darin, dass Abblenden zwar einige, aber keineswegs alle Abbildungsfehler reduziert.

Die Pointe ist nun, dass die neueren, deutlich komplexeren Objektivrechnungen einerseits schon bei offener Blende einen höheren Kontrast über alle Ortsfrequenzen und im gesamten Bildfeld liefern, und andererseits durch Abblenden noch an Qualität zulegen – in einem Maße, wie man es von den älteren, einfacheren Rechnungen nicht kennt. Es hat also seinen Sinn, wenn heute mehr Aufwand getrieben wird, den man mit größeren Abmessungen und einem höheren Gewicht bezahlen muss. (Aber nicht unbedingt mit mehr Geld, denn pro investiertem, inflationsbereinigtem Euro waren Objektive noch nie so gut wie jetzt.)

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Michael J. Hußmann

Michael J. Hußmann gilt als führender Experte für die Technik von Kameras und Objektiven im deutschsprachigen Raum. Er hat Informatik und Linguistik studiert und für einige Jahre als Wissenschaftler im Bereich der Künstlichen Intelligenz gearbeitet.

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